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23.01.2009
 

Tel Avivs Kehrseite

Unten der Puff, oben die Kirche

Aus Tel Aviv berichtet Henryk M. Broder

Palästinenser bekommen in Israel kaum noch eine Arbeitserlaubnis - jetzt sind viele Jobs unbesetzt, Zigtausende Gastarbeiter aus aller Welt müssen die Lücke füllen. Sie haben sich im Süden Tel Avivs niedergelassen. Besuch in einer Parallelwelt.

Tel Aviv - So richtig vornehm war Neve Scha'anan ("Friedenau") im Süden von Tel Aviv nie gewesen. Dafür aber pulsierend und umtriebig wie ein Bienenstock, der zentrale Umschlagplatz des Landes. Hier kamen jeden Tag einige Tausend Busse an, und von hier fuhren sie wieder ab, nach Afula und Metulla, Jerusalem und Jericho, Bet Schean und Beerscheba, Arad und Eilat. Dann wurde 1993 die neue Busstation eröffnet, ein mehrstöckiges Monster aus Beton, und die alte verfiel.

Bevor die Gegend von Bauherren und Investoren entdeckt werden konnte, zogen Gastarbeiter ein, die in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre nach Israel gekommen waren - Rumänen, Thailänder, Filipinos, Chinesen, Nepalesen, Türken, Äthiopier, Nigerianer und zuletzt auch Sudanesen aus Darfur.

Von ein paar evangelikalen Christen abgesehen, kamen sie nicht, um im Heiligen Land zu beten und zu leben, sondern um in der Altenpflege, auf dem Bau und in der Landwirtschaft zu arbeiten. Denn Arbeit gab es genug. Nach einer Serie von Selbstmordanschlägen bekamen immer weniger Palästinenser eine Arbeitserlaubnis, wurden die Grenzen zwischen Israel und den besetzten Gebieten immer öfter dichtgemacht. Was für die Sicherheit von Vorteil war, war für die Wirtschaft ein Desaster.

Niemand weiß, wie viele "Gastarbeiter" heute legal und illegal in Israel leben, die Schätzungen sprechen von einigen Hunderttausend. Während Juden, die nach Israel einwandern, betreut und versorgt werden, bleiben die Gastarbeiter sich selbst überlassen. Es gibt keine Quartiersmanager, keine Ausländerbeiräte, keine Migrationsbeauftragten, und die kommunalen Sozialarbeiter sind nur für die "Legalen" zuständig, die von israelischen Unternehmen im Ausland angeheuert wurden.

Die "Illegalen" dürften inzwischen in der Mehrzahl sein, ihre Chancen, erwischt und abgeschoben zu werden, sind relativ gering, solange sie unter sich bleiben und die Behörden aus wirtschaftlichen Überlegungen ein Auge zudrücken. Kriselt es, schaut die Polizei öfter vorbei.

Düstere Spelunken und muffige Puffs

So ist in und um "Friedenau" ein Biotop entstanden, das man in Deutschland "Parallelgesellschaft", "sozialer Brennpunkt" oder auch "Ghetto" nennen würde, die dunkle Kehrseite einer lebensfrohen Stadt, die es mit jeder europäischen Metropole aufnehmen kann.

Kein Tourist verirrt sich nach Neve Scha'anan, hier gibt es keine hippen Bars, sondern düstere Spelunken und muffige Puffs, wie im Berliner Scheunenviertel zu Anfang des 20. Jahrhunderts oder in einem Stück über das Leben des Lumpenproletariats vor der Einführung der Sozialgesetze.

Allerdings, bei blauem Himmel und warmen 20 Grad breitet sich sogar in Neve Scha'anan ein exotischer Charme aus, der die Herzen von Multi-Kulti-Freunden schneller schlagen lässt, wie beim Karneval der Kulturen in Kreuzberg. Geht man die Hauptstraße des Viertels, die Rehov Neve Scha'anan, einmal auf und ab, hat man das Gefühl, als hätte man in zehn Minuten die Strecke von Addis Abeba nach Peking hin- und zurückgelegt. Die Welt in einer Nussschale.

Vor allem am Schabbat, wenn auch Tel Aviv ein wenig verschnauft, geht in Neve Scha'anan die Post ab. Wobei die Angehörigen der Ethnien unter sich bleiben. Chinesen hocken mit Chinesen, Filipinos tratschen mit Filipinos, Sudanesen streiten mit Sudanesen, Türken treffen sich mit Türken. Allen gemeinsam ist nur die Währung, mit der sie bezahlt werden und beim Einkaufen bezahlen, der Schekel.

Als Neve Scha'anan 1924 gegründet wurde, zogen vor allem Juden, die aus Polen eingewandert waren, in das neue Viertel zwischen dem damals noch sehr überschaubaren Tel Aviv und dem arabischen Jaffo, Handwerker und Kaufleute. Ende der fünfziger Jahre kamen Juden aus Persien und dem Kaukasus ins Land.

Da hatten sich die "Polen" schon integriert und waren in bessere Viertel gezogen. An die "Perser", die inzwischen auch woanders leben, erinnern nur noch ein paar Restaurants, in denen Gerichte mit Safranreis serviert werden. Eines heißt "Eden" und sieht, man muss es leider sagen, nicht wie der Eingang zum Paradies aus.

Drei Brocken Hebräisch, das muss reichen

Um die Ecke, im Kingdom of Pork, wird Schweinefleisch aus Me'ilia, einem christlich-arabischen Dorf im Norden Israels, verkauft. Die Käufer sind russische Juden, rumänische Gastarbeiter und Asiaten, die ein ordentliches Kotelett zu schätzen wissen.

Omar und seine Freunde machen einen großen Bogen um den Laden. Sie sind Muslime aus Darfur und würden lieber verhungern als ein Stück Schweinefleisch anzufassen.

Alle haben Handys, Abdul sogar ein Fahrrad. Untereinander sprechen sie Arabisch, aus dem Hebräischen kennen sie nur ein paar wichtige Worte wie "Kessef" (Geld), "Balagan" (Durcheinander) und "Mischtara" (Polizei), die sie in kritischen Momenten einsetzen. Abdul ist als Einziger bereit, sich fotografieren zu lassen, Omar, Maki und Sali wollen nicht erkannt werden. Es sei denn, jeder bekäme hundert Dollar je Foto.

Während die Sudanesen auf ihre Anerkennung als Flüchtlinge noch warten, sind die Filipinos legal in Israel. Fast alle arbeiten in der Alten- und Krankenpflege. Und weil in Israel der Sonntag ein Arbeitstag ist, treffen sie sich am Samstagabend zum Gottesdienst in einer improvisierten Kirche im dritten Stock eines heruntergekommenen Hauses in der Rehov Neve Scha'anan 15; über der Rumänen-Disco Serenade, drei Schuhgeschäften und einem Puff.

Unter der Woche dient der Gebetsraum als Kindergarten.

Es ist eine kleine, aber rührige Gemeinde, die offen missioniert. "The Lord Our Righteousness Ministry" hat sieben Niederlassungen mit rund 500 Mitgliedern in Israel, an der Spitze der Tel Aviver Gemeinde stehen Pastor Gerardo, 40, und Ruby, 35. Die beiden haben sich in Israel kennengelernt, sind seit sechs Jahren verheiratet und Eltern einer Tochter namens Praise.

Beide sind ausgebildete Altenpfleger. "Nur so konnten wir ein Visum für Israel bekommen." Gerardo kam in einer evangelikalen Familie zur Welt, seine Frau Ruby wurde als Katholikin geboren. Von Sonntag bis Freitag arbeiten sie, am Wochenende verbreiten sie das Wort des Herren, auf Englisch und auf Tagalo, der philippinischen Landessprache.

Beide sind überzeugt, dass Gott sie für die Arbeit bestimmt habe. Und so beten sie: "O Herr, lass uns ein Segen für das Land sein, segne die Israelis und die Palästinenser, gib uns Frieden und mach, dass es endlich regnet. Amen."

Es klappt. Zehn Minuten später schüttet es vom Himmel.

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