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20.01.2009
 

Kommentar zum Gaza-Krieg

Hurra, wir haben verloren!

Von Henryk M. Broder

Israel will mit Dossiers beweisen, dass die in der Gaza-Offensive angegriffenen Objekte legitime Kriegsziele waren. Der Schritt macht deutlich: Ein militärischer Sieg kann schnell in eine moralische Niederlage umschlagen. Hamas-Anführer Hanija musste sich nur verstecken, um als Gewinner dazustehen.

Johan Cruyff, 1947 in Amsterdam geboren, gilt als das größte Fußballtalent, das Holland je hervorgebracht hat. Sein Name wird in einem Atemzug mit Beckenbauer, Pelé und Maradona genannt. Die Niederländer verehren ihn bis heute, nicht nur wegen seiner schnellen Beine, sondern auch wegen seiner originellen Sprüche. Als Trainer von Ajax Amsterdam soll er vor einer Partie mit einer als schwächer geltenden Mannschaft seine Kicker gewarnt haben. "Die können gegen uns nicht gewinnen, aber wir können gegen sie verlieren."

Das ist genau die Situation, in der sich Israel gegenüber der Hamas befindet. Dass die Hamas-Kämpfer die israelische Armee jemals besiegen könnten, ist so wahrscheinlich wie die Ankunft des Messias bei "Wetten, dass ...?". Dass Israel dennoch gegen die Hamas verlieren kann, steht seit dem Ende der Operation "Gegossenes Blei" fest: Bei 1300 palästinensischen Toten und einigen tausend Verletzten hat Israel nicht nur die Weltmeinung gegen sich, es stellt sich auch auf Sanktionen ein, die schwerer wiegen als ein paar negative Leitartikel in der "New York Times" oder der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Deswegen bereitet die Armee für jedes Objekt, das im Krieg zerstört wurde, eine Dokumentation vor, mit der bewiesen werden soll, dass es sich um ein legitimes Ziel gehandelt hat. Dazu zählen nicht nur die Kommandostellen und Waffenlager der Hamas, sondern auch Wohnhäuser, aus denen Raketen auf Israel abgefeuert wurden.

Darüber, ob die Beweise, die Israel entlasten sollen, jemals gebraucht werden, kann erstmal nur spekuliert werden. Allein, dass Israel mit einer solchen Möglichkeit rechnet, zeigt, wie schnell ein militärischer Sieg in eine moralische Niederlage umschlagen kann. Dass es auch bei einer berechtigten Selbstverteidigung nicht nur auf die Qualität der Motive, sondern auch auf die Quantität der Ergebnisse ankommt.

Vergessen wir für einen Moment die antisemitischen Kundgebungen, die sich als antizionistischer Protest maskieren, die "Tod, Tod Israel!"-Rufe und die absurden Vergleiche zwischen der Lage der Juden im Warschauer Ghetto gestern und der Situation der Palästinenser in Gaza heute.

Rund 1300 Tote sind keine Bagatelle, kein Kollateralschaden des Kriegsgeschehens, auch wenn viele der Toten Kämpfer waren, die nur vergessen hatten, eine Uniform anzuziehen und sich hinter Zivilisten versteckten. Rund 1300 Tote, das ist ein Promille der Bevölkerung von Gaza, auf die Bevölkerung von Deutschland übertragen, wären das 80.000 Menschen.

1300 Tote - ein Alptraum, eine Katastrophe

Vergessen wir die Charta der Hamas, die nicht nur die seit 1967 besetzten Gebiete, sondern ganz Palästina von der zionistischen Besatzung befreien möchte, vergessen wir das dumme Gerede von Experten wie Michael Lüders und Peter Scholl-Latour, die Israel auffordern, sich mit der Hamas an den Verhandlungstisch zu setzen.

1300 Tote, das schreit zum Himmel. Das ist keine Frage der "Proportionalität", die es in einem asymmetrischen Krieg gar nicht geben kann, ein solcher Leichenberg ist ein Alptraum, eine Katastrophe.

Und vergessen wir für einen Moment die heroische Propaganda der Hamas, mit der auch Kinder angeworben wurden, die sich nichts sehnlicher wünschten, als den Märtyrertod zu sterben. 1300 Tote in drei Wochen, das ist eine Anzahlung auf die Apokalypse, völlig unabhängig davon, wer angefangen hat, wer die Verantwortung trägt und wer am Ende die Rechnung begleichen wird.

Dabei hat Israel im Laufe der letzten 60 Jahre genug Gelegenheit gehabt, den Realitätssinn seiner Feinde zu erleben. Es war, als hätten sie sich den "Schwarzen Ritter" aus Monty Pythons "Heiligen Gral" zum Vorbild genommen, der nach dem Verlust beider Arme und Beine zu König Artus sagt: "Okay, nennen wir es unentschieden!" Oder den ehemaligen irakischen Informationsminister Saïd al-Sahhaf, der den Amerikanern mit Vernichtung drohte, während hinter ihm bereits amerikanische Panzer durch Bagdad rollten. Noch 2005 sagte er: "Die Information war richtig, nur die Interpretation war es nicht."

Das Wort Niederlage findet im Arabischen keine Anwendung

So war es auch keine Überraschung, dass der "Ministerpräsident" von Gaza, Ismail Hanija, kurz nach der Ausrufung des Waffenstillstands den Sieg der Hamas über Israel verkündete und Bedingungen für die Verlängerung der Kampfpause über eine Woche hinaus stellte. Aus seiner Sicht hatte er durchaus Recht, denn er hatte die Operation "Gegossenes Blei" überlebt. Im arabischen Wörterbuch kommt das Wort Niederlage ("Naksa") zwar vor, es findet in der Praxis aber keine Anwendung. Es gibt nur Sieger wie Hanija und totale Sieger, wie Hafis al-Assad, den Vater des jetzigen syrischen Präsidenten, der 1982 einem Aufstand der Muslimbrüder in Hama zuvorkam, indem er die Stadt bombardieren ließ, wobei 20.000 bis 30.000 Menschen getötet wurden. Seitdem hat man von Aktivitäten der Muslimbrüder in Syrien nichts mehr gehört.

Und so wie der Führer der Hisbollah, Hassan Nasrallah, sich nach dem Libanon-Krieg im Sommer 2006 in einer Videobotschaft zum Sieger erklärte, so hat auch der von Tragik und Verwesungsgeruch umwehte "Ministerpräsident" von Gaza, Ismail Hanija, begriffen, dass er sich nur drei Wochen verstecken muss, um hinterher als Sieger dazustehen.

Und er hat allen Grund, Israel dankbar zu sein, denn seine Hamas hat sich tatsächlich einen Platz am Verhandlungstisch erkämpft. Die israelische Tageszeitung "Haaretz" berichtete am Montag, die Europäer wären bereit, eine Regierung der nationalen Einheit aus PLO und Hamas anzuerkennen, ohne dass die Hamas ihre Charta ändern müsste. Einen größeren Erfolg für Hanija und Hamas könnte es nicht geben. Es hätte sich gelohnt, die PLO in Gaza zu entmachten, eine größere Zahl von Fatah-Leuten zu liquidieren, Raketen auf Israel abzufeuern, die eigene Bevölkerung zu terrorisieren und Zivilisten als Schutzschilde zu benutzen.

Den Rest besorgten die Israelis. Jetzt sind sie um eine Erfahrung reicher. Die Hamas kann gegen Israel nicht gewinnen, aber Israel kann sehr wohl gegen die Hamas verlieren.

Die Uno-Resolution zum Gaza-Krieg

(Klicken Sie auf die Überschriften, um mehr zu erfahren)

Waffenruhe

Humanitäre Hilfe

Friedensprozess

Versöhnung der Palästinenser

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