Von Marc Pitzke, New York
Die täglichen Pressekonferenzen im Weißen Haus waren schon unter Bush oft live im Internet oder im Fernsehen mitzuverfolgen. Unter Obama erscheinen die Briefings nun binnen Minuten als Transkripte in den E-Mail-Eingangsboxen von Redaktionen in aller Welt. Eine tatsächliche Präsenz im Pressesaal mit seinen 49 namentlich zugeordneten Sitzen scheint da fast gar nicht mehr notwendig.
Die Korrespondenten bestehen darauf, dass ihre physische Nähe zum Präsidenten wichtig ist: "Um unseren Job zu erledigen, müssen wir hier anwesend sein, nur Meter vom Oval Office entfernt", sagte Steve Scully, der damalige Präsident der White House Correspondents' Association (WHCA), bei der Eröffnung des frischrenovierten Briefing Rooms im Juli 2007.
So regten sich die Reporter schon jetzt, in den ersten Tagen unter Obama, laut darüber auf, dass das Weiße Haus nur vier Print-Reporter zur Wiederholung des Amtseids zuließ und lediglich ein amtliches Foto freigab: "Ein Schlag ins Gesicht", schimpfte Scully. "Unakzeptabel."
Auch weigerten sich die Agenturen AP, Reuters und AFP, die ersten Fotos von Obama im Oval Office - aufgenommen von Pete Souza, dem offiziellen Lichtbildner des Weißen Hauses - an ihre Kunden weiterzureichen. "Wir verbreiten keine visuellen Pressemitteilungen", polterte Michael Oreskes, der US-Chefredakteur für AP. Und die "New York Times" echauffierte sich darüber, dass sie, anders als früher, diesmal kein traditionelles "Sit-down-Interview" mit dem frischvereidigten Präsidenten bekam.
Den größten Wirbel gab es freilich um die Pool-Berichte. Auch die sind eine alte Sitte, nicht nur im Weißen Haus: Wenn aus Platz- oder Kostengründen nur eine beschränkte Zahl von Journalisten akkreditiert werden kann, werden "Pools" eingerichtet - eine Kerngruppe, die ihre formlosen Notizen, Fotos und Videos allen Kollegen, die an diesem Pool angeschlossen sind, hernach zur freien Verfügung überlässt.
Im Weißen Haus wurde dieser Zirkel bisher eng gehalten. Die Korrespondenten belieferten sich nur untereinander, per monatlicher Rotation. Das änderte sich mit Obamas Einzug ins Weiße Haus: Das Presseteam begann, die "pool reports" per E-Mail in alle Welt zu posaunen. So erfuhr man dort zum Beispiel, dass sich Obama an seinem ersten Arbeitstag nach der Kirche nicht umzog, sondern "denselben Anzug und dieselbe blaue Krawatte" trug.
Senf und andere Banalitäten
Die Berichte sind oft bis zur Banalität detailverliebt. "Wenn er isst", sagt Wes Allison von der "St. Petersburg Times", den am ersten Arbeitstag Obamas das Pool-Los traf, "dann sollten wir tunlichst sagen können, was er gegessen hat und ob da Senf drauf war." Was etwa zu folgender Beobachtung führte: Bei der Unterzeichnung seiner ersten Verfügungen bekam Obama für jedes Dokument einen neuen Federhalter gereicht, und Vize Joe Biden nahm ihm den dann schnell wieder ab. "Er ist derjenige, um den ich mir Sorgen mache", murmelte Obama über Biden. "Passt bloß auf, was er mit den Stiften macht."
Obama wollte diese Nabelschau nun sogar auch auf die Website stellen und so alle Amerikaner hinter die Kulissen gucken lassen, nicht nur Journalisten. Das war der WHCA dann aber wirklich zu viel. "Pool-Berichte sind ein Produkt der Medien, nicht des Weißen Hauses", betonte WHCA-Chefin Jennifer Loven.
Seitdem herrscht Ruhe im Pool: Der entsprechende Link auf der Website wurde entfernt.
Derweil hat sich auch der erste US-Sender endlich ein Interview mit Obama gesichert: Matt Lauer, sanftzüngiger Star-Moderator bei NBC News, darf den Präsidenten live befragen. Der vereinbarte Sendezeitpunkt dürfte Obamas Wunsch nach größtmöglicher Streuung entgegenkommen: Sonntagmittag - während der Pre-Game-Show des Super-Bowl-Endspiels.
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