Von Daniel Steinvorth, Istanbul
Istanbul - Über die Wut ihres Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan kennen die Türken viele Geschichten. Ein "Kabadayi", ein Raufbold, ein Heißsporn, sei er schon immer gewesen, der Sohn eines Seemannes aus dem Istanbuler Arbeiterviertel Kasimpasa, der es bis zum Regierungschef der Türkei schaffte. Einer, der noch nie einem Kampf aus dem Weg ging - nicht auf der Straße, nicht auf dem Fußballfeld, und erst recht nicht in der Politik, Jahre später.
Besondere Mühen, sein überschäumendes Temperament im Griff zu behalten, machte sich der Volkstribun aus einfachen Verhältnissen noch nie. Im Gegenteil.
"Die Wut ist eine Kunst der Rhetorik", sagte Erdogan einmal während eines Fernsehinterviews, als er auf seinen Charakter angesprochen wurde. "Diese Idee, auch die andere Wange hinzuhalten, die gibt es bei uns nicht. Ich bin nun mal kein geduldiges Schaf."
So lieben und so hassen ihn die Türken. Die Mehrheit aber bewundert ihn, und das umso mehr in diesen Tagen.
Da ließ es Erdogan, mit seinem besonderen Gespür für die Stimmung im Volke, an deutlichen Worten gegenüber Israel nicht fehlen. Ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" sei der israelische Feldzug im Gaza-Streifen, eine "Barbarei". Ein "Fluch Gottes" werde den jüdischen Staat dafür treffen. Bei einem Treffen mit Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte er sogar angeregt, Israel aus der Uno auszuschließen.
Kaum ein Staatsführer in der muslimischen Welt, von Iran einmal abgesehen, hatte sich bis dahin so scharf geäußert. Und während in der Türkei plötzlich so viele Menschen für Palästina auf die Straße gingen wie nie zuvor, trugen plötzlich auch in der arabischen Welt Demonstranten Erdogan-Bilder mit sich.
So dürfte die Popularität des "Helden von Gaza", wie türkische Zeitungen schrieben, nach seinem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos noch gewachsen sein. Als "Helden von Davos" und "Eroberer von Davos" bejubelten ihn seine Anhänger auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul. So viele Menschen waren mitten in der Nacht herbeigeeilt, um Erdogan und seine Frau Emine zu begrüßen, dass der Verkehr am Flughafen zusammenbrach.
Die islamistische Tageszeitung "Vakit" lobte Erdogans Wutausbruch als "osmanische Ohrfeige für Israel", "historisch" nannte ihn auch die moderatere "Yeni Safak". "Davos ist vorbei", freute sich "Takvim". Der Nachrichtensender CNN Türk übermittelte Glückwünsche des palästinensischen Botschafters in Ankara.
"Ich habe in keiner Weise die israelische Bevölkerung, Präsident Peres oder das jüdische Volk angegriffen", beschwichtigte Erdogan später. "Wir haben Ansichten ausgetauscht, und Ansichten sind Ansichten", wurde auch Peres später zitiert. In einem Telefonat habe der israelische Präsident die Auseinandersetzung bedauert, berichtete Erdogan.
Die israelische Präsidentschaft dementierte allerdings Berichte, wonach Peres sich entschuldigt habe. Sie sprach von einem "freundschaftlichen Gespräch". Auch der israelische Botschafter in Ankara, Gaby Levy, spielte die Konsequenzen herunter. Es liege im Interesse beider Seiten, "sich zu beruhigen und nach vorne zu blicken".
So weit war die israelische Presse an diesem Freitag noch nicht: "Und wenn sie Raketen auf Istanbul abfeuern würden?", titelte die Tageszeitung "Jediot Acharonot" am Freitag. Und "Maariv" überschrieb einen Artikel zum Eklat von Davos mit den Worten "Türkei gegen Peres".
Beziehungen auf dem Tiefstand
Beobachter in beiden Ländern halten es für ausgemacht, dass die Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem auf einem Tiefstand sind. Man sei verstimmt, und dies nicht erst seit Erdogans jüngsten Ausfällen, so ein hochrangiger israelischer Regierungsbeamter. Es gehe vielmehr um die gesamte außenpolitische Linie der AKP-Regierung, in der es weder Berührungsängste mit Iran noch mit der Hamas gebe, die von den Türken als "legitimer Gesprächspartner" betrachtet werde.
Hat der Ministerpräsident zudem Geister beschworen, die er bald nicht mehr bändigen kann? Unlängst warnten amerikanisch-jüdische Verbände Erdogan vor einem wachsenden Antisemitismus in der Türkei, die bislang ein bevorzugtes Reiseland vieler Israelis ist. "Vor der israelischen Botschaft herrscht Hass gegen die Juden. Unsere jüdischen Freunde in der Türkei fühlen sich bedroht", so heißt es in einem offenen Brief an Erdogan.
"Die Türkei ist gerade dabei, ihre Stellung als neutraler Vermittler zu verspielen", glaubt der ehemalige türkische US-Botschafter Inal Batu. Und Onur Öymen, Vizevorsitzender der linkskemalistischen Oppositionspartei CHP, geht noch weiter. Die AKP fungiere als "Sprachrohr der terroristischen Hamas" und Erdogan habe derart viel Porzellan zerschlagen, dass er "für die zivilisierte Welt erledigt" sei.
Kritiker verweisen allerdings auch auf die türkischen Kommunalwahlen Ende März. Da kommen scharfe Töne gegen Israel bei der frommen Kernwählerschaft der AKP immer gut an. Einzig das laizistische Militär und die ihr wohlgesinnten Kreise beschwören das Elitenprojekt einer "strategische Partnerschaft" mit dem jüdischen Staat.
Diese Kooperation wird wohl auch weiterhin bestehen, denn: "Man braucht einander", so Ozgur Hisarcikli vom "German Marshall Fund" in Ankara. "Die Israelis sind viel zu pragmatisch, um ihren wichtigsten muslimischen Verbündeten fallenzulassen. Und die Türken brauchen israelische Waffen."
Schade also, dass Erdogan seine Kritik nicht diplomatisch vorgetragen habe. Schade, dass er "Stimmung wie in Kasimpasa" betrieben habe. "Viele von uns schämen sich für ihn", so Hisarcikli.
Nicht so sehr seine Anhänger. Unter www.davosfatihi.com ("Eroberer von Davos") richteten die ihm heute eine Fan-Website ein. Der Ministerpräsident mit linker Hand auf dem Herzen, den Blick auf die türkische Fahne gerichtet, so verehren sie ihn.
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