Reykjavík - Die Koalitionsverhandlungen waren erfolgreich: Nach der Bildung einer Minderheitsregierung von Sozialdemokraten und Linksgrünen wird Island erstmals von einer Frau regiert. Die Kabinettsbildung sei abgeschlossen, sagte die designierte Regierungschefin, die Sozialdemokratin Johanna Sigurdardottir, am Sonntag in Reykjavík. Die Vorgängerregierung musste nach wochenlangen Protesten am vergangenen Montag zurücktreten - ihr wurde Versagen in der Finanzkrise vorgeworfen.
"Die neue Regierung wird auf sozialen Werten basieren", kündigte Sigurdardottir an. In dem neuen Kabinett sitzen mit der Regierungschefin vier sozialdemokratische Minister, ebenso viele Vertreter der Linksgrünen sowie zwei unabhängige Ressortchefs. In der kurzen Amtszeit der Übergangsregierung bis zu den bereits angekündigten Neuwahlen wolle ihr Kabinett Familien und Unternehmen unterstützen, kündigte die kommende Regierungschefin an. Sigurdardottirs Vorgänger Geir Haarde hatte vor seinem Rücktritt Neuwahlen für den 9. Mai angesetzt. Die neue Regierungskoalition will den Wahltermin auf Ende April vorziehen.
Die 66-jährige Sigurdardottir zählt zu den erfahrensten und beliebtesten Politikern Islands. In der gescheiterten Mitte-links-Koalition mit Haardes Unabhängigkeitspartei hatte sie zum zweiten Mal den Posten der Sozialministerin inne. Als Expertin auf dem Gebiet Soziales bekam die frühere Flugbegleiterin und zweifache Mutter den Spitznamen "Die heilige Johanna" verliehen. Die neue Regierungschefin, die noch am Sonntag nach einem Treffen ihres Kabinetts mit Präsident Olafur Ragnar Grimsson offiziell ihr Amt antreten sollte, ist seit 2002 mit der 54-jährigen Autorin Jonina Ledsdottir verheiratet.
Haardes Regierung reagierte mit ihrem Rücktritt in der vergangenen Woche auf anhaltende Proteste und den Vorwurf aus der Bevölkerung, für die Folgen der Finanzkrise verantwortlich zu sein. Die Zustimmungswerte für die Regierung waren von 72 Prozent vor rund einem Jahr auf zuletzt 23 Prozent abgestürzt.
Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise hat Island und seine 320.000 Einwohner besonders hart getroffen: Tausende Menschen verloren ihre Ersparnisse, ein Staatsbankrott wurde durch einen Milliardenkredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der skandinavischen Länder verhindert. Drei bedeutende Banken konnten nur durch Verstaatlichung vor der Pleite gerettet werden.
ore/AFP
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