Von Susanne Koelbl, Hans-Jürgen Schlamp und Alexander Szandar
Hamburg - Am 30. Januar gab General Bantz John Craddock auf. Der amerikanische Nato-Oberbefehlshaber nahm einen Befehl an die in Afghanistan kämpfenden Isaf-Truppen zurück, den viele seiner Kameraden ungeheuerlich fanden. Drogenhändler gezielt zu töten und Produktionslabore zu bombardieren - so hieß die Order. Sie sollte selbst dann umgesetzt werden, wenn es keine eindeutigen Beweise gibt, dass die Kriminellen den Terror gegen afghanische oder westliche Sicherheitskräfte unterstützen.
Der deutsche General Egon Ramms, Chef der zuständigen Nato-Kommandozentrale im niederländischen Brunssum, hatte sich der Order ebenso widersetzt wie der amerikanische Kommandeur der Isaf-Truppe vor Ort, David McKiernan. Der Befehl verstoße gegen Isaf-Regeln und internationales Recht, darin waren sich die beiden einig.
Der Vier-Sterne-General Craddock hatte daraufhin getobt, berichten Insider. Er habe sogar überlegt, schriftlich von Berlin die Entlassung des widerspenstigen Deutschen zu fordern. Doch schließlich knickte er ein und akzeptierte eine Abänderung seines Befehls.
Die besagt nun, dass die Isaf-Truppe gegen Drogenhändler vorgehen darf, wenn diese Terroristen unterstützen. So wollten es Ramms und McKiernan - so ist es bisher die Praxis. Damit sei die Sache abgeschlossen, sagte am Mittwoch ein Nato-Sprecher.
Die Nato war von Anfang an bemüht, den Streit herunterzuspielen, und deutete Craddocks sogenannte Guidance lediglich als eine Art Vorschlagspapier, das seine Sub-Kommandeure noch kommentieren sollten. Die Nato-Kommandokette funktioniert aber nicht wie ein Debattierclub. Auf der operativen Ebene werden keine Befehle erteilt, sondern nur "Guidances", Weisungen, und "Directions", Anordnungen, ausgesprochen, sagt Vier-Sterne-General a.D. Dieter Stöckmann, der bis 2002 als stellvertretender Nato-Oberbefehlshaber in Mons diente. "Dies ist keine Empfehlung, sondern klipp und klar eine Anweisung und in der Sache bindend."
"Die Afghanen sind doch keine Hühner, die jeder jagen kann"
Der brisante Inhalt von Craddocks Papier löste Empörung quer durch die Allianz und alle politischen Lager aus. "Die Afghanen sind doch keine Hühner, die jeder jagen kann, wie er möchte," sagte der afghanische Außenminister Rangin Dadfar Spanta.
Robert Farla, Sprecher der niederländischen Botschaft in Berlin, versichert dagegen am Mittwoch dem SPIEGEL: "Dies entspricht nicht der beim Treffen der Verteidigungsminister in Budapest getroffenen Entscheidung und repräsentiert auch nicht die Meinung der Mitgliedstaaten." Und weiter: "Wir sind der Ansicht, dass man Ziele zerstören darf, die Beziehungen zu den Taliban haben, aber nicht alle Drogenhändler haben Beziehungen zu den Taliban." Die Niederländer stehen mit ihren Truppen im südafghanischen Provinz Uruzgan.
Auch Morten Helveg-Petersen, dänischer Verteidigungsexperte und Parlamentsmitglied, dementiert Craddocks Darstellung: "Sicherlich ist das nicht das Ergebnis des Treffens der Nato-Verteidigungsminister." Helveg-Petersen fordert eine Debatte in der Allianz darüber, wie der Anti-Drogen-Kampf in Afghanistan geführt werden soll: "Es kann nicht sein, dass wir hier solche Meinungsverschiedenheiten haben."
In der Sache zeigt sich Craddock bisher unbeirrt. Für ihn ist bewiesen, dass die afghanischen Drogenhändler die radikal-islamischen Taliban finanzieren, unterschiedslos. Der Nato-Rat habe die Verbindung zwischen Drogenhandel und Aufständischen bestätigt, sagte er Anfang dieser Woche auf Besuch bei den Isaf-Truppen in Kabul: "Ich habe nie einen illegalen Befehl gegeben."
Ungeklärt ist die Rolle von Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer, auf den sich Craddock neben den Nato-Verteidigungsministern beruft. "Meine Betrachtungen der Budapest-Entscheidung (...) sind auch durch den Generalsekretär gebilligt, auf der Grundlage seiner Interpretation der Anordnung des NAC (Nato-Rat) der Verteidigungsminister", heißt es in dem Schreiben vom 5. Januar, in dem Craddock die Umsetzung der neuen Drogenkampf-Richtlinien anwies.
Spekulationen über die "letzten Tage von Craddock"
Nur der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sah keine Veranlassung, sich vom umstrittenen Nato-Angriffsbefehl zu distanzieren. Man werde aus dem Ministerium "keine Kritik am Schreiben von Craddock hören", sagte Jungs Sprecher Thomas Raabe, als in der vergangenen Woche noch unklar war, wie die Kraftprobe der Generäle enden würde.
Damit versagte Jung vor allem dem deutschen Nato-General Egon Ramms die Unterstützung, der sich gegen die Anweisung gestellt hatte. Der 60-jährige Spitzenmilitär erntete dafür aber Beifall aus allen Fraktionen, auch von den Grünen.
Ramms liegt seit mehr als einer Woche mit einer schweren Grippe im Bett. "Die Ereignisse helfen auch nicht gerade bei der Genesung", sagt sein Sprecher in Brunssum.
Das könnte sich jedoch bald ändern. Schon wird in der Brüsseler Nato-Zentrale und in dem militärischen Hauptquartier im westbelgischen Mons über "die letzten Tage von Craddock" spekuliert. Dass der "knallharte Rumsfeld-Mann" das offizielle Ende seiner Dienstzeit im Sommer im Amt erlebt, glaubt dort kaum noch jemand. Schließlich ist die Zeit des einstigen US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld schon lange vorbei, und auch der Rest der Bush-Administration wird in Washington gerade abgewickelt.
Craddock, der knorrige durchsetzungsstarke Mann, ist plötzlich nicht mehr zeitgemäß. Mit der Niederlage im Kampf der Vier-Sterne-Generäle hat er seinen Abgang nur beschleunigt.
Sein Nachfolger steht quasi schon fest: Der US-Marine-General James N. Mattis, der derzeit den Titel Supreme Allied Commander Transformation in Norfolk, Virginia, trägt.
Craddock ist auf sein vorzeitiges Dienstende vorbereitet - schon im Januar war er auf einem Spezialkurs der US-Armee für angehende Ruheständler. Dort lernt man, sein Leben ohne Chauffeur, persönlichen Referenten und Sekretär zu meistern.
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Wenn Sie jetzt noch Tabak und Koffein, Valium und Rohpinol, Schokolade und Gummibärchen erwähnt hätten, wären Sie der Wahrheit noch mehr auf der Spur. Zur allgemeinen Diskussion möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass ausser [...] mehr...
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Was bitte heisst "mittlerweile"? Wann war der Bericht und wie sah es da vorher aus? http://www.cannabislegal.de/international/taliban.htm mehr...
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