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11.02.2009
 

Terror in Afghanistan

Taliban-Kämpfer blamieren Karzais machtlose Polizei

Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada

Es war eine exakt vorbereitete Attacke: Mehrere Taliban-Kämpfer haben zwei Regierungsgebäude in Kabul angegriffen, mindestens 19 Menschen kamen ums Leben. Die afghanische Hauptstadt wird zum Kriegsschauplatz, die Polizei schaut zu. Präsident Karzai steht so schwach da wie nie zuvor.

Kabul - Es war ein blutiger Morgen in der afghanischen Hauptstadt. Mit einem koordinierten und gut geplanten Angriff auf die Kabuler Regierung haben die radikalislamistischen Taliban die traditionelle Ruhe des Winters in Afghanistan beendet. In einer Serie von Anschlägen attackierten sie am frühen Mittwoch mehrere Einrichtungen der Regierung.

Zerstörung nach dem Angriff der Taliban: Attacken im herzen von Kabul
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REUTERS

Zerstörung nach dem Angriff der Taliban: Attacken im herzen von Kabul

Eindrucksvoll und ohne Rücksicht auf Verluste demonstrierten die Krieger von Mullah Omar erneut, dass sie auch in Kabul jederzeit effektiv gegen die Regierung kämpfen können.

Noch herrscht Chaos in Kabul, doch Polizei sowie Augenzeugen berichten von einem massiven Angriff der Taliban auf das Justizministerium im Zentrum als auch auf die Gefängnisverwaltung im Norden der Stadt. Nach vorläufigen offiziellen Angaben wurden mindestens 19 Menschen getötet und 54 weitere verletzt.

Je mehr Fakten aus Kabul kommen, desto deutlicher wird: Es handelte sich um eine exakt geplante Attacke mit einer ganzen Gruppe von Bewaffneten und mehreren Selbstmordattentätern. Genau mit dieser Taktik waren den Taliban im vergangenen Jahr spektakuläre Aktionen gelungen. In einem Fall konnten sie sogar Hunderte gefangene Kämpfer aus den eigenen Reihen aus einem Gefängnis im südafghanischen Kandahar befreien.

Mit ihrer erprobten Taktik zielen die Taliban auf die Regierung von Hamid Karzai. In diesem Jahr wählen die Afghanen einen neuen Präsidenten. Karzai steht nach den Angriffen am frühen Morgen blamiert da. Seine ineffiziente Regierung wurde in jüngster Zeit im Ausland immer wieder kritisiert. Nun sieht seine Polizei auch noch mehr oder minder tatenlos zu, wie die Hauptstadt langsam immer mehr zum Kriegsschauplatz wird. Kabul jedenfalls glich nach den Attacken einer Militärbasis.

Die Serie von Attacken begann am frühen Morgen. Den bisherigen Informationen zufolge versuchten mehrere Attentäter in das Justizministerium einzudringen. Das Gebäude liegt südlich vom streng bewachten Präsidentenpalast. Dabei wurden einer oder mehrere Attentäter bei den stundenlangen Gefechten von der Polizei erschossen. Aus dem Gebäude waren jedoch auch später immer wieder Schüsse zu hören. Vermutet wurde, dass sich weitere Angreifer in dem Haus verschanzt haben.

Taliban-Sprecher: Protest gegen Haftbedingungen

Ein Augenzeuge, der in der Küche des Ministeriums arbeitete, berichtete SPIEGEL ONLINE von mehreren Angreifern. "Sie kamen durch eine Hintertür herein und eröffneten sofort das Feuer", so der Koch nach den Attacken. Alleine im Erdgeschoss seien dabei mehrere Menschen getötet worden. Ein anderer Augenzeuge sprach von mehreren Toten in den oberen Etagen des Ministeriums. Ob es sich dabei um Angreifer oder deren Opfer handelt, konnte er nicht sagen. Ein weiterer Angreifer wurde nahe des Ministeriums laut Augenzeugen von der Polizei erschossen, bevor er seinen Sprengsatz zünden konnte.

Auch ein Sturm der Polizei konnte die Kämpfe im Justizministerium nicht schnell beenden. Während Hunderte Angestellte teilweise durch die Fenster flohen, lieferten sich die Angreifer mit den Sicherheitskräften lange Feuergefechte, die erst nach Stunden zur Ruhe kamen. Gegen Mittag (Ortszeit) kam es dann erneut zu Schusswechseln. Augenzeugen berichteten SPIEGEL ONLINE wenig später, ein Attentäter mit einem Sprenggürtel hatte sich in einem Zimmer verschanzt und drohte, seine Bombe zu zünden. Die Polizei erschoss den Mann daraufhin.

Nur kurz zuvor hatten die Taliban mit einem Doppelanschlag die Gefängnisverwaltung im Norden Kabuls angegriffen. Nach Angaben von Augenzeugen eröffnete ein Angreifer das Feuer auf Polizisten am Eingang des Gebäudes der Gefängnisverwaltung, das erst kürzlich im Bezirk 15 von Kabul bezogen worden war. Als die Beamten zurück schossen, habe der Mann sich in die Luft gesprengt.

Der zweite Angreifer habe einen Sprengsatz in der Nähe des Haupteingangs gezündet. Augenzeugen jedoch sprachen gegenüber SPIEGEL ONLINE von zwei Attentätern, die sich in dem Verwaltungsgebäude in die Luft gesprengt hätten.

Taliban-Sprecher Sabihulla Mudschahed rühmte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE mit den Anschlägen. Insgesamt zehn Attentäter seien nach Kabul eingeschleust worden, um das Justizministerium und dort die Gefängnisverwaltung anzugreifen. Weitere Angriffe würden folgen, drohte der Sprecher. Seine Angaben sind stets mit Vorsicht zu bewerten, da er die Aktionen der Taliban aus Propagandazwecken gern übertreibt.

Doch die jüngsten Attacken passen in das Muster der Taliban. Die afghanische Justiz wird von den Radikalislamisten vor allem wegen des Gefängnisses in Pul-e-Charki im Osten Kabuls kritisiert. Dort sind Hunderte Taliban unter miserablen Bedingungen inhaftiert. Immer wieder versuchen sie mit spektakulären Aktionen, auf die Lage der Männer aufmerksam zu machen. Im Westen allerdings wurde das Thema bisher kaum aufgegriffen. "Diese Folter muss aufhören", fordert Mudschahed nun.

Die Anschlagsserie ereignet sich nur einen Tag vor dem Besuch des neuen US-Sondergesandten Richard Holbrooke in Kabul. Seit Montagabend hält er sich in Pakistan auf. Danach will er weiter nach Indien reisen. Es ist Holbrookes erste Reise in die Region in seiner neuen Funktion als Sonderbeauftragter. Ob er die Reise aufgrund der schlechten Sicherheitslage absagt, ist unklar.

Der Kommandeur der internationalen Schutztruppe Isaf verurteilte die Anschläge. "Diese Attacke zeigt das wahre Gesicht der Taliban", erklärte der US-General David McKiernan kurz nach den Attacken. Der Offizier betonte, die Taliban würden bei ihren Attacken den Tod von afghanischen Zivilisten bewusst in Kauf nehmen.

Auch die Bundesregierung zeigte sich bestürzt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verurteilte die "die mörderischen Angriffe auf afghanische Regierungseinrichtungen" scharf und versicherte im Namen der Regierung "tiefes Mitgefühl" für die Opfer. "Offensichtliches Ziel dieses feigen Anschlages ist es, die Funktionsfähigkeit wichtiger Säulen des entstehenden afghanischen Staatswesens zu unterminieren", so Steinmeier, "diese Rechnung darf nicht aufgehen".

Präsident Karzai steht nach den neuen Angriffen so schwach wie nie da. Der gern als "Bürgermeister von Kabul" verspottete Politiker, das wurde deutlich, kann noch nicht mal mehr in der Hauptstadt für Sicherheit sorgen. Der heutige Morgen war ein blutiger Auftakt für das möglicherweise entscheidende Jahr in Afghanistan.

SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Shoib Najafizada berichtet aus Kabul, Matthias Gebauer aus Berlin

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