Historiker Segev
"Die Israelis haben das Vertrauen verloren"
Die Linke bedeutungslos, die Rechten stark wie nie: Die Wahl in Israel zeigt, wie dramatisch sich die Stimmung im Land verändert hat, sagt der Historiker Tom Segev. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum so viele Bürger zu den Rechtspopulisten übergelaufen sind.
SPIEGEL ONLINE: Die beiden Volksparteien fast gleichauf, der Block der rechten Parteien stärker denn je: Das Ergebnis der israelischen Wahlen entspricht in etwa den Prognosen im Vorfeld. Trotzdem sagen die Kommentatoren, das Land sei heute morgen in einem neuen Zeitalter aufgewacht. Warum?
Segev: Weil in der nächsten israelischen Regierung auch rechtsextreme Parteien mitregieren werden. Nach den Ergebnissen ist es Benjamin Netanjahu möglich, eine Regierung mit dem Rechtspolitiker Avigdor Lieberman zu formen. Das ist abstoßend. Schon in den vergangenen Jahren ist Israel nach rechts gerückt. Doch jetzt haben wir es mit der extremen Rechten zu tun. Das ist etwas ganz Neues und sehr alarmierend. Als in Österreich mit Jörg Haider ein ähnlich rechter Politiker wie Lieberman an die Macht kam, berief Israel seinen Botschafter ab. Jetzt wird ein Mann vom Schlage Haiders Königsmacher in der israelischen Knesset sein.
SPIEGEL ONLINE: Lieberman hat mit plumpen anti-arabischen Slogans Wahlkampf betrieben. Fundierte Aussagen zu seinem politischen Programm blieb er schuldig. Warum ist seine Partei "Unser Haus Israel" mit 15 Sitzen trotzdem zur drittstärksten Fraktion der Knesset geworden?
ZUR PERSON
Tom Segev wurde 1945 in Jerusalem geboren. Seine Eltern waren zehn Jahre zuvor aus Nazi-
Deutschland nach Palästina geflüchtet. Segev gilt als einer der einflussreichsten Historiker Israels und als prominenter Vertreter der "Neuen Historiker" - einer losen Gruppe von Geschichtswissenschaftlern, die mit einer Neubewertung der Geschichte des Zionismus und des Landes Israel begonnen haben. Als Historiker und Journalist hinterfragt er in seinen Schriften dabei immer wieder Tabus und Mythen der israelischen Gesellschaft. In seinem jüngsten Buch "Die ersten Israelis” befasst sich Segev erneut mit den Anfängen des jüdischen Staates. Es ist 2008 auf Deutsch erschienen.
Segev: Die Israelis haben das Vertrauen verloren. Sie glauben nicht mehr an den Frieden, sie glauben nicht mehr an die Politiker. Der anhaltende palästinensische Terror, das Atomprogramm Irans, die Wirtschaftskrise: Die Israelis sind verunsichert, fürchten sich vor der Zukunft. Solche Gefühle sind klassische Faktoren, die rechtes Gedankengut populär machen. In Krisenzeiten sehnt sich die Bevölkerung nach einem starken Mann. Einige dieser Empfindungen fußen im Falle Israels auf Tatsachen. Ministerpräsident Ehud Olmert hat dem Wahlvolk wirklich keinen Grund gegeben, Politikern zu vertrauen.
SPIEGEL ONLINE: Nachdem die Umfragen im Vorfeld Zipi Livnis Kadima auf dem zweiten Platz hinter dem Likud sahen, hat sie den Likud letztlich mit einem Sitz überholt. Es scheint, als hätten sich die Israelis in Telefon-Umfragen radikaler gegeben, als sie im Moment der Wahrheit gestimmt haben. Wie kommt das?
Segev: Auch ich war sehr überrascht, dass Zipi Livni so gut abgeschnitten hat. Sie hat davon profitiert, dass viele Linke Netanjahu verhindern wollten und deshalb Kadima statt ihrer angestammten kleinen Links-Parteien gewählt haben. Aber man darf sich da nicht täuschen lassen: Auch Livni ist eine rechte Politikerin. Dass sie gegen Lieberman links wirkt, liegt nur daran, dass er ganz weit am rechten Rand fischt. Likud, Kadima, "Unser Haus Israel": Der Erfolg aller drei Parteien ist Teil ein und desselben Trends.
SPIEGEL ONLINE: Kann Israels Linke überhaupt wieder belebt werden?
Segev: Die israelische Linke ist bedeutungslos geworden, es gibt sie einfach nicht mehr. Das ist schon erstaunlich: Dieses Land wurde praktisch von der Arbeits-Partei gegründet, sie hat die Politik von Jahrzehnten dominiert. Und jetzt ist sie auf einmal von der Bildfläche verschwunden. Dahinter steckt ein Wandel in der Mentalität der Israelis. Früher waren die Menschen solidarisch, sogar sozialistisch. Heute sind Konsum und Sicherheit die beherrschenden Themen.
SPIEGEL ONLINE: Nur Tage vor der Wahl hat Netanjahu betont, dass er bei den Friedensverhandlungen in Nahost harten Kurs fahren will. Keine Rückgabe des Golan an Syrien, keine Räumungen von Siedlungen im Westjordanland, keine Teilung Jerusalems: Das waren seine Versprechen. Wird er sie halten können, halten wollen?
Segev: Es würde mich nicht wundern, wenn Bibi sich doch zu einer Einigung mit Syrien durchringt. Nur indem er einen Keil zwischen Damaskus und Teheran treibt, kann er die iranische Gefahr bannen. Dazu müsste er die 1967 besetzen Golan-Höhen zurückgeben, was nicht so schwierig ist, wie es sich anhört. Die Israelis haben keine sonderlich große emotionale oder religiöse Bindung an den Golan. Wenn sie dafür nationale Sicherheit erlangen, werden sich die Israelis auf einen Tausch Land gegen Frieden mit Syrien einlassen.
SPIEGEL WISSEN: DIE PARTEIEN DER 18. KNESSET
Kadima ("Vorwärts") ist eine Partei der gemäßigten Mitte. Ende 2005 gründete
Ariel Scharon, damals
Likud-Vorsitzender und Regierungschef, die Partei zur Umsetzung seiner Palästinapolitik (einseitiger Rückzug Israels aus dem
Gaza- Streifen). Kadima vereinigt Politiker des rechtsgerichteten Likud-Blocks wie
Ehud Olmert und der sozialdemokratischen
Arbeitspartei wie
Schimon Peres. Die Partei genießt vor allem Unterstützung aus der jüdisch-bürgerlichen Mittel- und Oberschicht. Vorsitzende ist
Zipi Livni. Bei den Wahlen zur 18.
Knesset gewann Kadima 23 Prozent der Stimmen und hat damit 28 von 120 Parlamentssitzen.
Der
Likud ("Zusammenschluss") ist ein konservativ- rechtsnationaler Parlamentsblock, gegründet 1973 zunächst aus
Cherut ("Freiheit"), Liberaler Partei, Laam ("Für die Nation") und anderen. Die Partei trat für einen israelischen Staat in den Grenzen des britischen Mandatsgebiets von 1922 ein, erkennt inzwischen jedoch die Existenzberechtigung eines
Palästinenserstaates an. Im Streit um den einseitigen israelischen Abzug aus dem
Gaza- Streifen spaltete sich der Flügel um
Ariel Scharon als
Kadima- Partei vom Likud ab. Der Likud-Block nennt sich selbst die "führende Rechtspartei", den Vorsitz hat
Benjamin Netanjahu. Bei den Wahlen zur
Knesset gewann der Likud 21 Prozent der Stimmen und hat damit 27 Sitze im Parlament.
Israel Beitenu ("Unser Haus Israel") ist eine rechtssäkulare, streng nationalistische Partei, die 1999 gegründet wurde und vor allem russische Immigranten vertritt. Vorsitzender ist
Avigdor Lieberman. Bei den Wahlen hat sie 15 Parlamentssitze erhalten.
Die Arbeitspartei (Avoda) ist eine sozialdemokratische Mitte-Links-Partei. Sie bestimmte als dominante linke Kraft bis in die siebziger Jahre die Politik des Landes. In der 18.
Knesset hat die Arbeitspartei 13 Sitze, ihr Vorsitzender ist
Ehud Barak.
Die
Schas- Partei ("sephardische Torah-Wächter") ist eine ultraorthodoxe Partei der
sephardischen Juden. Den Vorsitz hat Eli Jischai, spirituelles Oberhaupt ist
Rabbi Ovadia Josef. Die Partei hat 11 Sitze im neu gewählten Parlament.
Das Vereinigte Tora-Judentum ist ein Zusammenschluss von vier ultraorthodoxen Parteien
aschkenasischer Juden, darunter
Agudat Israel. Die seit 1992 bestehende Vier-Parteien-Allianz fordert Politik auf der Basis jüdischen Rechts, ist gegen jegliche Konzessionen an die Palästinenser und für eine unbegrenzte Besiedlung im "vom Gott gegebenen" Land. Vorsitzender ist Jakov Lizman. Die Partei hat 5 Sitze im der
Knesset.
Die Vereinigte Arabische Liste (Raam Taal) wurde 1983 gegründet und setzt sich für den Rückzug Israels aus den besetzten palästinensischen Gebieten ein. Vorsitzender ist Talab al-Sana. Im neuen Parlament hat sie vier Sitze.
Hadasch ("Demokratische Front für Frieden und Gleichheit") ist eine kommunistische Gruppierung, die aus der 1919 gegründeten Sozialistischen Partei von Palästina hervorgegangen ist. Generalsekretär ist Mohammed Baraka. In der neuen
Knesset hat Hadasch vier Sitze.
Merez ("Energie") ist eine linksliberale Partei, entstanden 1992 aus der Arbeiterpartei
Mapam, der Bürgerrechtsbewegung Raz und der säkularen
Schinui (1996 wieder ausgetreten). 2005 vereingte sie sich mit der Partei Jahad ("Sozialdemokratisches Israel") zu
Merez- Jahad. Vorsitzender ist Chaim Oron. Im neuen Parlament hat Merez drei Parlamentssitze.
Die Nationale Union (Echud Leumi) ist eine rechtsnationale Liste, die vor allem von Rechtsradikalen, russischen Einwanderern und nationalreligiösen jüdischen Siedlern gewählt wird. Vorsitzender von Echud Leumi ist Rabbi Benjamin Elon, Spitzenkandidat ist Jaakov Katz. Echud Leumi hat 4 Sitze in der Knesset.
Die Neue Nationalreligiöse Partei (Habajit Hajehudi) ist eine nationalradikale Partei, die Anhänger vor allem unter jüdischen Siedlern hat. Ihr Spitzenkandidat ist Daniel Herschkowiz. In der 18.
Knesset hat Habajit Hajehudi 3 Sitze.
Balad ("Nationale Demokratische Versammlung") ist eine arabische Parteienliste, gegründet 1996 von Mitgliedern verschiedener palästinensisch-arabischer Bewegungen. Sie strebt langfristig einen gemeinsamen Staat mit voller Gleichberechtigung für Juden und Araber an. Vorsitzender ist
Asmi Bischara. In der 18.
Knesset hat Balad drei Sitze.
SPIEGEL ONLINE: Wie auch schon bei früheren Urnengängen war die Wahlbeteiligung der sogenannten israelischen Araber auch dieses Mal wieder deutlich geringer als die der jüdischen Einwohner Israels. Warum ist nur jeder zweite arabische Wahlberechtigte zur Abstimmung gegangen?
Segev: Das geringe Interesse zeigt einmal mehr, dass sich die israelischen Araber ausgegrenzt fühlen. Sie leben mit dem Bewusstsein, nicht gleichberechtigt zu sein. Das ist eine Tragödie, denn Palästinenser mit israelischem Pass stellen ein Fünftel der israelischen Bevölkerung. Gingen sie wählen, wären sie ein echter Machtfaktor im Land, ein Gegengewicht zur Rechten. Diese Chance aber wird verschenkt.
SPIEGEL ONLINE: Als Historiker beschäftigen Sie sich vor allem mit der jüngsten Vergangenheit, fühlen der israelischen Gesellschaft konstant den Puls. Wo steht die Nation heute?
Segev: Es ist absolut erschreckend, wie rassistisch, wie fanatisch die Israelis geworden sind. Die Stimmung im Land drückt sich in Kleinigkeiten aus: Darin, dass jüdische Jugendliche ohne jedes Unrechtsbewusstsein Slogans wie "Tod den Arabern" skandieren. Daran, dass auf den zweisprachigen Straßenschildern die arabischen Ortsnamen übermalt werden und die Gemeinde es nicht für nötig hält, die Graffiti zu entfernen. Wir wollten immer ein Land sein, in dem Hass keinen Platz hat – stattdessen ist es heute salonfähig geworden, zu hassen.
SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht ein bisschen zu pessimistisch? Der Erfolg der rechten Parteien in Europa war in den meisten Fällen ein Strohfeuer. Könnte das bei Lieberman nicht auch so sein?
Segev: Ich fürchte nicht. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind heute tief in der israelische Gesellschaft verankert. Das ist einerseits ein Ergebnis des palästinensischen Terrors, andererseits das Resultat der andauernden Besatzung palästinensischen Landes durch israelische Truppen. Wir haben uns vorgemacht, wir könnten ein demokratisches Land bleiben, auch wenn wir ein anderes Volk unterdrücken. Nun müssen wir einsehen, dass das nicht geklappt hat. Bestes Beispiel ist das Militär. Früher war die israelische Armee traditionell links, heute ist sie von Rechten unterwandert.
SPIEGEL ONLINE: Sie sehen den kommenden Jahren also mit Skepsis entgegen?
Segev: In Israel behält man als Pessimist nun mal öfter Recht, zumindest wenn es um politische Analysen geht. Das ist schade, aber so ist es nunmal.
Das Interview führte Ulrike Putz