Von Erich Follath
Hamburg - Fast unbeteiligt wirkt er, blickt durch die Richter hindurch, zählt die Fliegen auf seinem Pult und mustert die Deckenbeleuchtung des Gerichts, so als ginge ihn das alles nichts an. Und dann greift Kaing Guek Eav alias Duch, 66, doch mal nach dem Kugelschreiber, der vor ihm liegt und macht sich auf einem jungfräulich weißen Stück Papier ein paar Notizen. Oder malt Männchen. So genau kann man das nicht sehen von den Zuschauerbänken, die hinter kugelsicherem Glas plaziert sind.
Sterbliche Überreste von Khmer-Opfern: Ein bisschen Gerechtigkeit?
Anders die Anspannung bei seinen Anwälten. Allen voran der französische Staradvokat François Roux, der ist ganz in seinem Element und spricht von den Unzumutbarkeiten, denen sein Mandant ausgesetzt sei - der Mann hat Erfahrung mit schwierigen Fällen, zuletzt hat er den 9/11-Attentäter Zacarias Moussaoui vertreten.
Dabei geht es an diesem ersten Prozesstag, an dem die Weltgemeinschaft im Allgemeinen und das kambodschanische Volk im Besonderen Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhebt, zunächst nur um Formalien: um Anträge zur Zulassung von Nebenklägern, um Zeugenschutz, um Folgetermine.
Mitten hinein in das dröge Prozedere ruft eine aufgebrachte Zuschauerin: "Wir sollten kurzen Prozess machen mit diesem Massenmörder!" Und Chum Mey, einer der weniger als Dutzend Überlebenden des von Duch geführten Folterlagers S-21, sagt leise, mit gebrochener Stimme: "Ich will nur eines von Duch wissen: Warum hat er mich gefoltert, warum ließ er all die anderen umbringen?"
Mehr als 30 Jahre nachdem das mörderische Regime von Pol Pot & Co. gestürzt worden ist, bekommt Kambodscha nun sein "Nürnberg", seinen spektakulären, mit Spannung erwarteten Kriegsverbrecherprozess. Es geht um einige der schlimmsten Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts. Dem Terror der Roten Khmer fielen zwischen April 1975 und Januar 1979 etwa 1,7 Millionen Menschen zum Opfer, fast ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung - "Autogenozid" heißt der hilflose Begriff für den Mord am eigenen Volk.
Neubeginn für ein geschundenes Land? Oder eine Farce?
Schon die ersten Stunden vor dem Völkerrechts-Tribunal von Phnom Penh haben am Dienstag gezeigt: Es dürfte alles andere als ein "normaler" Prozess werden. Im Idealfall die kathartische Aufarbeitung einer Schreckenszeit, die Anatomie eines Alptraums, ein Neubeginn für ein geschundenes Land. Oder im schlimmsten Fall eine hilflose, juristisch wie moralisch anfechtbare Farce.
Die Sühne kommt in Zeitlupe - wenn überhaupt. Immer wieder ist das Tribunal verzögert worden. Einmal durch die Unfähigkeit der Vereinten Nationen, die auf Druck der USA noch viele Jahre nach dem Sturz der Roten Khmer die Massenmörder als Repräsentanten ihres Staates anerkannten - in Zeiten des Kalten Krieges galten die Vietnamesen, die durch ihren Einmarsch in Phnom Penh dem Spuk der radikalen Ultras ein Ende gemacht hatten, als Feind des Westens. Für die Verschleppung des Prozesses war aber auch die Obstruktion des kambodschanischen Regierungschefs Hun Sen, 57, verantwortlich, der früher selbst einmal ein Roter Khmer war, bevor er dann die Seiten wechselte. Er hat seine Bedingungen für die juristische "Bewältigung" der Vergangenheit durchgesetzt.
Das Tribunal ist nun ein Zwitter, nach komplizierten Regeln weitgehend paritätisch von der Uno und von der kambodschanischen Regierung besetzt und in ihren Urteilen zur Einigkeit gezwungen. Die Weltgemeinschaft zahlt den Löwenanteil des Etats - das Tribunal hat schon heute weit über 100 Millionen Dollar verschlungen. Kambodschas Regierung, für ihre Korruption berüchtigt, kann zahlreiche Pöstchen verteilen und hat bei allen wichtigen Entscheidungen de facto ein Vetorecht.

Auf Hun Sens Druck stehen, neben Duch, nur vier führende politische Vertreter der Roten Khmer vor Gericht - nach Ansicht internationaler Juristen, aber auch vieler Kambodschaner, sind das viel zu wenige: Nuon Chea, 82, "Bruder Nummer zwei" und seit Pol Pots Tod 1998 der ranghöchste der Terror-Organisation; Ieng Sary, 83, Ex-Außenminister, und Ieng Thirith, 76, seine Frau und Ex-Sozialministerin; Khieu Samphan schließlich, Ex-Staatschef, auch schon 77 Jahre alt und gebrechlich wie die anderen.
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