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17.02.2009
 

Völkermordprozess in Kambodscha

Anatomie eines Alptraums

Von Erich Follath

Späte Sühne: 30 Jahre nach dem Sturz der Roten Khmer in Kambodscha müssen sich führende Köpfe des Terrorregimes nun vor Gericht verantworten. Folterchef Kaing Guek Eav wirkte trotz der monströsen Vorwürfe - 16.000 Morde - entspannt. Ein Verfahren zwischen Aufarbeitung und Farce.

Hamburg - Fast unbeteiligt wirkt er, blickt durch die Richter hindurch, zählt die Fliegen auf seinem Pult und mustert die Deckenbeleuchtung des Gerichts, so als ginge ihn das alles nichts an. Und dann greift Kaing Guek Eav alias Duch, 66, doch mal nach dem Kugelschreiber, der vor ihm liegt und macht sich auf einem jungfräulich weißen Stück Papier ein paar Notizen. Oder malt Männchen. So genau kann man das nicht sehen von den Zuschauerbänken, die hinter kugelsicherem Glas plaziert sind.

Sterbliche Überreste von Khmer-Opfern: Ein bisschen Gerechtigkeit?
REUTERS

Sterbliche Überreste von Khmer-Opfern: Ein bisschen Gerechtigkeit?

Anders die Anspannung bei seinen Anwälten. Allen voran der französische Staradvokat François Roux, der ist ganz in seinem Element und spricht von den Unzumutbarkeiten, denen sein Mandant ausgesetzt sei - der Mann hat Erfahrung mit schwierigen Fällen, zuletzt hat er den 9/11-Attentäter Zacarias Moussaoui vertreten.

Dabei geht es an diesem ersten Prozesstag, an dem die Weltgemeinschaft im Allgemeinen und das kambodschanische Volk im Besonderen Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhebt, zunächst nur um Formalien: um Anträge zur Zulassung von Nebenklägern, um Zeugenschutz, um Folgetermine.

Mitten hinein in das dröge Prozedere ruft eine aufgebrachte Zuschauerin: "Wir sollten kurzen Prozess machen mit diesem Massenmörder!" Und Chum Mey, einer der weniger als Dutzend Überlebenden des von Duch geführten Folterlagers S-21, sagt leise, mit gebrochener Stimme: "Ich will nur eines von Duch wissen: Warum hat er mich gefoltert, warum ließ er all die anderen umbringen?"

Mehr als 30 Jahre nachdem das mörderische Regime von Pol Pot & Co. gestürzt worden ist, bekommt Kambodscha nun sein "Nürnberg", seinen spektakulären, mit Spannung erwarteten Kriegsverbrecherprozess. Es geht um einige der schlimmsten Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts. Dem Terror der Roten Khmer fielen zwischen April 1975 und Januar 1979 etwa 1,7 Millionen Menschen zum Opfer, fast ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung - "Autogenozid" heißt der hilflose Begriff für den Mord am eigenen Volk.

Neubeginn für ein geschundenes Land? Oder eine Farce?

Schon die ersten Stunden vor dem Völkerrechts-Tribunal von Phnom Penh haben am Dienstag gezeigt: Es dürfte alles andere als ein "normaler" Prozess werden. Im Idealfall die kathartische Aufarbeitung einer Schreckenszeit, die Anatomie eines Alptraums, ein Neubeginn für ein geschundenes Land. Oder im schlimmsten Fall eine hilflose, juristisch wie moralisch anfechtbare Farce.

Die Sühne kommt in Zeitlupe - wenn überhaupt. Immer wieder ist das Tribunal verzögert worden. Einmal durch die Unfähigkeit der Vereinten Nationen, die auf Druck der USA noch viele Jahre nach dem Sturz der Roten Khmer die Massenmörder als Repräsentanten ihres Staates anerkannten - in Zeiten des Kalten Krieges galten die Vietnamesen, die durch ihren Einmarsch in Phnom Penh dem Spuk der radikalen Ultras ein Ende gemacht hatten, als Feind des Westens. Für die Verschleppung des Prozesses war aber auch die Obstruktion des kambodschanischen Regierungschefs Hun Sen, 57, verantwortlich, der früher selbst einmal ein Roter Khmer war, bevor er dann die Seiten wechselte. Er hat seine Bedingungen für die juristische "Bewältigung" der Vergangenheit durchgesetzt.

Das Tribunal ist nun ein Zwitter, nach komplizierten Regeln weitgehend paritätisch von der Uno und von der kambodschanischen Regierung besetzt und in ihren Urteilen zur Einigkeit gezwungen. Die Weltgemeinschaft zahlt den Löwenanteil des Etats - das Tribunal hat schon heute weit über 100 Millionen Dollar verschlungen. Kambodschas Regierung, für ihre Korruption berüchtigt, kann zahlreiche Pöstchen verteilen und hat bei allen wichtigen Entscheidungen de facto ein Vetorecht.

Prozess gegen die Roten Khmer

Der Prozess

REUTERS
Nach knapp drei Jahrzehnten sollen in Kambodscha die Massenmorde und Gräueltaten der Roten Khmer unter der Führung des "Bruders Nummer eins", Pol Pot , aufgearbeitet werden.

Das erste Verfahren vor dem Tribunal wurde gegen Kaing Guek Eav alias Duch eröffnet, der von März 1976 bis Anfang 1979 das berüchtigte Gefängnis Tuol Sleng , das auch "Sicherheitsbüro" (S-21) genannt wurde, leitete. Er wurde am 26. Juli 2010 zu 35 Jahren Haft verurteilt. Weil er lange Zeit inhaftiert war, wurden ihm 16 Jahre erlassen. In dem von ihm geleiteten Gefängnis kamen nur sieben der insgesamt 14.000 dort Inhaftierten mit dem Leben davon. Die anderen wurden gefoltert, misshandelt und nach erpressten Geständnissen auf den Killing Fields exekutiert.

Die Angeklagten

Die Roten Khmer

Auf Hun Sens Druck stehen, neben Duch, nur vier führende politische Vertreter der Roten Khmer vor Gericht - nach Ansicht internationaler Juristen, aber auch vieler Kambodschaner, sind das viel zu wenige: Nuon Chea, 82, "Bruder Nummer zwei" und seit Pol Pots Tod 1998 der ranghöchste der Terror-Organisation; Ieng Sary, 83, Ex-Außenminister, und Ieng Thirith, 76, seine Frau und Ex-Sozialministerin; Khieu Samphan schließlich, Ex-Staatschef, auch schon 77 Jahre alt und gebrechlich wie die anderen.

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