Von Erich Follath
Ausgerechnet mit dem jüngsten und politisch unbedeutendsten der Angeklagten geht es jetzt los. Der Prozess gegen Duch, den Chef des Vernichtungslagers S-21, sollte juristisch nicht allzu schwierig werden. Die Beweislast ist überwältigend, der Angeklagte hat zumindest einige seiner Taten schon gestanden (und dürfte sich auf Anraten seiner Anwälte als reuiger Sünder präsentieren und auf "Befehlsnotstand" plädieren, als Vollstrecker der Befehle von "oben").
Ein Auszug aus der Anklageschrift: "Zeuge E. sah, dass Duch eine Frau mit Elektroschocks bearbeitete. - Duch gestand, dass er zwei Massenexekutionen angeordnet hatte, um Platz für nachrückende Gefangene zu schaffen. - Duch sagte, er sei nur einmal in Choeung Ek (den Killing Fields) gewesen. Der Eintrag im Logbuch von S-21 gibt die Zahl der dort getöteten Kinder an einem einzigen Juli-Tag 1977 mit 60 an."
Wie die Nazis haben auch die Roten Khmer ihre Taten gut dokumentiert - aus Stolz und Überzeugung. Der Angeklagte, ein ehemaliger Mathematiklehrer und fanatischer Verfechter eines "finalen" Kurses gegen mögliche Verräter beim Kampf um den "neuen Menschen", hat mehrfach in roter Tinte seine Befehle an den Rand der Verhörprotokolle geschrieben: "Auslöschen". Bei dieser Beweislast wird Duch, inzwischen zum Christentum bekehrt und aus "Reue" bereit, seine Vorgesetzten ans Messer zu liefern, nur auf Milde beim Strafmaß hoffen können.
Zehn Wochen etwa, schätzen Experten, wird der Duch-Prozess dauern. Dann kommen die schwierigen, politisch brisanten, für die Aufarbeitung der Geschichte entscheidenden Fälle. Dann dürfte es auch darum gehen, wer den Roten Khmer in den Sattel geholfen hat, wer sie während ihrer grausamen Amtszeit politisch unterstützt, sie nach ihrem Sturz noch hofiert hat. Dann könnte - zumindest theoretisch - auch der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger, 85, in Vietnamkriegszeiten mitverantwortlich für die Bombardements gegen die kambodschanische Zivilbevölkerung und damit auch für den Aufstieg der Khmer Rouge, in den Zeugenstand gebeten werden.
"Ein bisschen Gerechtigkeit, das wäre nicht schlecht"
Dann wird es auch um die Rolle des maoistischen Chinas gehen müssen, das die Steinzeitkommunisten ideologisch und logistisch unterstützte und das Pol Pot als (an ein an Radikalität noch zu übertreffendes) Vorbild diente. Und im Grunde müsste dann auch Ex-König Norodom Sihanouk, 86, über seine zumindest zeitweise enge Zusammenarbeit mit den Radikalen aussagen, was er freilich bisher empört ablehnt.
Der französische Staranwalt Jacques Vergès, 83, Co-Verteidiger von Khieu Samphan, zeigt sich gegenüber dem SPIEGEL überzeugt, dass es zu dem Prozess gegen seinen Mandanten aus verfahrenstechnischen Gründen gar nicht kommen werde. Die kambodschanische Bevölkerung befürwortet mehrheitlich den Prozess gegen die Roten Khmer. Aber nach einer Meinungsumfrage der University of Berkeley in dem südostasiatischen Land hatten noch im letzten Herbst 85 Prozent aller Khmer "wenig oder gar keine Kenntnis" von dem Tribunal. Ein Drittel glaubte, dass das Gericht "nicht neutral" sei, fast ein Viertel hielt es für "korrupt".
Aber zumindest einige Kambodschaner fiebern den Prozessen entgegen - die Überlebenden des Folterlagers. Etwa der Maler Vann Nath, 63, den Duch nur verschont hat, weil er Porträts von Pol Pot so schön kopieren konnte. "Ich erwarte nicht die große Aufarbeitung der Khmer-Rouge-Zeit", sagt der Mann, dessen Gemälde im heute zu einem Museum umgebauten S-21 hängen. "Aber ein bisschen Gerechtigkeit, das wäre nicht schlecht." Als Nebenkläger gegen Duch, wie einer der Mitüberlebenden des Gefängnisses, will er aber nicht agieren. Das bringe dann doch zu viele, zu schmerzliche Erinnerungen zurück. "Mein Traum ist es, keine Alpträume mehr zu haben", sagt Vann Nath.
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