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21.02.2009
 

US-Lob für deutschen Afghanistan-Einsatz

Das Ende der Methode Rumsfeld

Aus Krakau berichtet Matthias Gebauer

Tee-Talk, Lächeln und Lob für die Deutschen: Beim Nato-Treffen verkörperte US-Minister Gates die neue Strategie der Regierung Obama - Kooperation statt Konfrontation mit den Partnern. Trotzdem fordert auch sie mehr Einsatz, zumindest finanziell. Das Nein sagen wird deutlich schwieriger.

Manch einer aus dem Tross von Franz Josef Jung konnte es kaum glauben. Eine Viertelstunde schon saß der deutsche Verteidigungsminister am Freitagvormittag mit seinem US-Kollegen Robert Gates im Sheraton-Hotel zusammen, sie nippten an Tee und Kaffee, lachten immer wieder. Forderungen aber stellte Gates nicht. Ganz im Gegenteil: Er teilte Lob aus für die Bundeswehr in Afghanistan.

US-Minister Gates in Krakau: Schluss mit der Rammbock-Methode
REUTERS

US-Minister Gates in Krakau: Schluss mit der Rammbock-Methode

Fast schien es wie der Beginn einer wundersamen neuen Freundschaft beim Minister-Meeting. Am Ende des von den USA eigens eingefädelten bilateralen Gesprächs am Rande der mit Terminen vollgepackten Nato-Tagung blieb nur eine Frage: War dieser Amerikaner mit dem akkurat frisierten silbernen Haar und dem feinen Lächeln, dieser alte und neue Lenker im Pentagon wirklich schon Mitglied des Kabinetts von George W. Bush?

Die Tea-Time in der Krakauer Suite war eines von zahlreichen Symbolen, die demonstrieren sollten, dass die USA unter dem neuen Präsidenten Barack Obama einen anderen Kurs gegenüber den Partnern in Europa einschlagen werden. Jahrelang wurde erbittert gestritten über die Bürden des Afghanistan-Kriegs. Nun wird konziliant verhandelt.

Statt zu poltern und sarkastisch über die eigenen Witze zu lachen wie Donald Rumsfeld, der eiskalte Stratege des Irak-Kriegs, agiert Gates mit einem Lächeln, dem nur schwer zu widerstehen ist.

Schon am Donnerstag hatte er Deutschland so explizit wie lange nicht mehr gelobt. Sonst kaum zu erreichen, schickte sein Sprecher Geoff Morrell drei Sätze an SPIEGEL ONLINE. Man begrüße die - von Jung geschickt präsentierte - Entsendung von 600 zusätzlichen Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan. Deutschland und die USA wurden gar in einem Atemzug als "Beispiel" genannt, dem andere folgen sollten. Das saß.

Von der Rammbock-Methode à la Rumsfeld zurück zur Diplomatie - dieser neue Kurs ist aus Sicht der USA ein Gebot der Logik.

Das Land schickt 2009 vermutlich 30.000 weitere Kampfsoldaten nach Afghanistan. Dass es auch in Zukunft die Hauptlast des Krieges dort tragen muss, ist den Planern im Pentagon klar. Denn kein europäischer Staat kann Schritt halten mit der US-Militärmaschine und deren Entschlossenheit. Trotzdem wollen die USA zumindest mehr Einsatz beim Wiederaufbau und Geld aus Europa. Also ging es beim Gespräch am Freitag vor allem um Finanzielles statt um Blutzoll wie früher.

Lobpreisungen für das deutsche Modell

Ein Ziel ist zum Beispiel mehr Unterstützung für das Training der afghanischen Armee (Ana), die irgendwann das Land alleine sichern soll. Phantastische drei Milliarden Dollar zahlen die USA für dieses Projekt jedes Jahr. Doch die Zeiten, in denen das Pentagon über fast unbegrenzte Militärbudgets verfügte, sind vorbei. In Zeiten der Wirtschaftskrise setzen Obama und Co. deshalb auf ein einfaches Konzept: Wer "warum auch immer" (Gates) nicht mehr Militär schicken kann oder will, soll eben mehr zahlen oder Aufbauprojekte anschieben. Das deutsche Modell, in dem Militär und Hilfe gekoppelt sind, nannte er explizit "als Beispiel" dafür.

Für das Training der Ana wollen die USA deshalb einen "Afghanistan Trust-Fund" einrichten, eine Art globalen Klingelbeutel für alle Spender, denen das Land am Herzen liegt. Nicht nur die Nato-Länder sind dabei gefragt, sondern auch die arabischen Nationen. Bei ihnen könnte Deutschland mit seinen traditionell guten Kontakten in die Region nachhelfen - das zumindest wünscht sich die Regierung Obama.

Die Deutschen wurden in der Sheraton-Suite von den Lobpreisungen aus den USA geradezu überrascht. Ungefragt begann Gates plötzlich, ein anderes deutsches Modell zu würdigen. Die Bundeswehr spricht alle ihre Einsätze mit den Afghanen ab und bezieht bei jedem Zugriff einheimische Soldaten ein. "That sounds good", sagte Gates. Das Modell sei auch für US-Truppen geeignet.

Tatsächlich ist die Umsetzung des deutschen Prinzips in Afghanistan schon Realität. Keine Woche ist es her, dass US-Oberkommandeur General David H. Petraeus ohne großes Aufsehen allen US-Soldaten befahl, keine Einsätze mehr ohne Absprache mit den Afghanen zu starten - inklusive den Kampfeinheiten der "Operation Enduring Freedom". Einzig die Greiftrupps der CIA sind davon ausgenommen, noch jedenfalls.

Eine ähnliche Anweisung hatte Berlin schon 2006 ausgegeben - allerdings eher, um die politisch heiklen gezielten Tötungen von Taliban-Größen im Norden zu verhindern.

Die US-Order zeigt, wie sehr der Feldzug gegen die Taliban von Obamas Regierung verändert wird. Fatale Fehler bei Einsätzen mit Dutzenden toten Zivilisten haben die USA moralisch in die Kritik gebracht. Darum setzt das Pentagon nun auf Mitverantwortung. Das Kalkül: Wenn man die Afghanen einbezieht, können sie später nicht über die US-Truppen klagen.

Charmeoffensive mit klarem Kalkül

Die Deutschen kamen angesichts der Würdigung durch Gates fast in Siegerlaune. Dass nun auch die USA den von Minister Jung stoisch wiederholten Begriff der vernetzten Sicherheit gebrauchen, kommt manchem fast unheimlich vor.

Tatsächlich sollten sich die Europäer durch die Charmeoffensive nicht täuschen lassen. Die neue US-Linie mag freundlicher daherkommen, doch Politiker wie Obama und Gates sind sture Pragmatiker. Mit freundlichem Auftreten können sie mehr gewinnen als mit der schroffen Art eines Rumsfeld - das wissen der einstige CIA-Direktor Gates und sein Chef.

Das Ziel ist das gleiche wie eh und je: Die USA sind es leid, den größten Teil des Krieges bestreiten zu müssen, militärisch wie finanziell. Fast stolz über seinen Erfolg berichtete Gates am Ende der Tagung in Krakau von 20 Ländern, die schon eine größere Unterstützung zugesagt hätten. Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer forderte gleich, man solle vor dem Jubiläumsgipfel des Militärbündnisses im April noch weitere Treffen abhalten.

Kurz vor dem Rückflug in die USA sagte Gates: "Wir stehen vor einer harten Prüfung, aber ich bin mir sicher, dass wir sie bestehen werden." Besonders hart dürfte diese Prüfung für Länder wie Frankreich werden. Präsident Nicolas Sarkozy, der den Neueinstieg in die Nato-Befehlstrukturen plant, macht bisher pompöse, aber meist wolkige Ankündigungen. Am Ende wird er Soldaten schicken müssen.

Die Vorwürfe an die Europäer, nicht genug für Afghanistan zu tun, können zur Nato-Jubiläumskonferenz im April außerdem schnell wiederkommen. Warnend sagte Gates in Krakau, er erwarte von den Partnern "bedeutende neue Ankündigungen", sobald die USA demnächst ihre neue Afghanistan-Strategie vorstellen.

Bisher habe der Präsident noch "niemanden nach Nichts" gefragt. Allerdings, fügte er mit einem feinen Lächeln hinzu, würden diese Wünsche "sicherlich" vor dem nächsten Treffen der Nato kommen.

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