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24.02.2009
 

Proteste in Thailand

Rothemden proben die Revolution

Aus Bangkok berichtet Thilo Thielke

Thailand kommt nicht zur Ruhe: Tausende Oppositionelle belagern das Regierungsgebäude in Bangkok. Auch wenn die Rothemden vorerst nur ein paar Tage bleiben wollen - zur Not werden sie bis zum Sturz des Premiers durchhalten.

Bangkok - Jakrapob Penkair thront auf einem gekaperten Mannschaftswagen der Polizei und rudert mit den Armen. Von hier oben hat man einen ganz guten Überblick. Unter dem Oppositionsführer im roten Hemd ergießt sich eine riesige Menschenmenge in die Straße und strömt jetzt in Richtung Regierungsgebäude. Jakrapob brüllt Anweisungen. "Da lang! Kommt endlich! Schließt die Reihen!" Viel muss er aber eigentlich nicht sagen; alles läuft wie geschmiert. Der Streich scheint gelungen.

Die Rothemden, wie sie sich selbst nennen, die Anhänger des ehemaligen thailändischen Premierministers Thaksin Shinawatra, haben es geschafft. Jetzt gehört das Regierungsgebäude in der Hauptstadt Bangkok ihnen. Vorsichtshalber ist das Kabinett in den Badeort Hua Hin geflüchtet. Nur noch einige Hundertschaften Polizei und Militär haben sich auf dem Gelände des Government House verschanzt. Aber Penkairs Leute wollen ja gar nicht hinein. Sie wollen nur den Raum um das Haus herum erobern, sagen sie. Und das war bereits nach kurzer Zeit geschafft.

Wie sich die Bilder gleichen! Vor einiger Zeit noch waren es die Anhänger der jetzigen Regierung, die hier Radau machten, das Regierungshaus belagerten, sogar den internationalen Flughafen Suvarnabhumi für eine ganze Woche besetzten. Sie brachten den Tourismus des Landes zum Erliegen, legten die Wirtschaft lahm und stürzten schließlich die damalige Regierung des Premierministers Somchai Wongsawat. Sie taten das mit Hilfe des Verfassungsgerichts, des Militärs, das der Regierung die Gefolgschaft verweigerte, und schließlich auch mit Hilfe von einigen Überläufern aus der früheren Koalition. Nun sind sie an der Macht. Seit dem 15. Dezember 2008 ist Abhisit Vejjajiva von der Demokratischen Partei, ein Oxford-Absolvent und Eton-Schüler, Premierminister.

Bewaffnet mit LKW und Abschleppseilen

Und nun? Wie soll es weitergehen? Jakrapob Penkair ist zufrieden. Die Polizeisperren zu überwinden war für seine Leute ein Kinderspiel. Sehr diszipliniert stürmten die Rothemden am Dienstagmorgen die Barrikaden. Sie kamen mit Lkw vorgefahren, packten Abschleppseile und Seitenschneider aus, durchtrennten die Gitter, zerrten an den Betonpollern, wuchteten die Sperren zur Seite. Dann kamen Arbeiter in roten Hemden und fuhren die Baufahrzeuge, die die Polizei als Barrikaden herangerollt hatte, zur Seite. Ein paar Wasserflaschen flogen, nichts Ernstes. Dann zog die Polizei von dannen.

"Sie sind auf unserer Seite", behauptet Penkair, "in der Polizei und im Militär gibt es genügend Leute, die den zivilen Putsch ablehnen, mit dem unsere gewählte Regierung gestürzt wurde." Deshalb sei es so einfach gewesen - entgegen aller Ankündigungen - einen erneuten Sturm des Regierungsgebäudes nicht wieder zuzulassen.

Jakrapob Penkair ist einer der Führer dieser neuen Straßenbewegung. Er ist 41 Jahre alt, war Sprecher von Thaksin, auch Minister in seinem Kabinett. Er spricht fließend englisch - ein Charismatiker. Wie viele andere Oppositionelle wurde er mittlerweile der Majestätsbeleidigung bezichtigt - er hatte eine kritische Rede vor dem "Foreign Correspondent's Club" gehalten. Auf Majestätsbeleidigung stehen in Thailand bis zu 15 Jahre Haft. Es ist derzeit ein beliebtes Mittel, politische Gegner aus dem Weg zu räumen. Es sind unruhige Zeiten in Siam.

Die Touristen bleiben aus

Das Land ist nun doppelt gebeutelt: geschlagen von der Weltwirtschaftskrise zum einen, zusätzlich wird es von einem nicht enden wollenden politischen Machtkampf erschüttert. Natürlich bleiben die Touristen in solchen Krisen aus. An vielen Orten beträgt der Rückgang fünfzig Prozent. Viele Hotels sind leer, die Strände, die Bars. Das wird sich wohl nicht so schnell ändern, denn Thailands Krise ist tiefgreifend.

Auf der einen Seite stehen die Eliten Bangkoks, Bürgerliche, Militärs, selbsterklärte Königsfreunde, der Geldadel. Auf der anderen verarmte Reisbauern, die sich hinter dem Multimilliardär Thaksin Shinawatra geschart haben. Thaksin nutzte sein Geld, um an die Macht zu kommen. Er versprach den Armen eine bessere Infrastruktur, Stipendien, eine Krankenversicherung, die sich jeder leisten kann. Und zumindest einen Teil seiner Versprechen löste er auch ein. Im Herbst 2006 putschte das Militär den in Ungnade gefallenen Premier weg, nach einem Jahr ließ es wieder demokratische Wahlen zu.

Zwar darf Thaksin nicht mehr gewählt werden, er hält sich auch im Ausland auf, weil er in Thailand wegen Amtsmissbrauch verurteilt wurde - dennoch gewannen seine, von ihm wohl auch finanzierten Anhänger prompt die nächste Wahl. Nun haben sie die Macht vorerst verloren. "Das war ein Putsch", sagt Penkair, "ein Putsch, hinter dem das Militär stand, die 'People's Alliance for Democracy', reaktionäre Gruppen und andere sehr mächtige Kreise." Andere mächtige Kreise? Wer das wohl sein mag in dieser südostasiatischen Monarchie? Penkair will sich nicht dazu nicht äußern.

"Dann rufen wir zur Revolution"

Aber sie geben keine Ruhe. "Wir werden erst einmal eine Bühne vor dem Regierungsgebäude aufbauen und alle Menschen über die korrupte und undemokratische neue Regierung informieren", sagt Jakrapob Penkair, "dann sehen wir weiter." Wird es eine lange Belagerung werden? So, wie es seine politischen Gegner von der "People's Alliance for Democracy" im vergangegen Jahr gemacht haben?

"Wir wollen, dass die alte Regierung wieder zurückkehrt", kündigt er an, "und wir werden das auch durchsetzten. Wir wollen das auch friedlich." Und wenn das nicht so einfach geht? "Dann rufen wir zur Revolution. Das ist sicher ein schwerer Schritt, das wird einiges in diesem Land ändern. Aber wir sind bereit, es zu tun."

Unten flattern rote Fahnen. Hammer-und-Sichel-Fahnen, Thailand-Flaggen, auch Transparente, auf den die Vereinten Nationen um Hilfe gerufen werden. Bilder von Che Guevara werden geschwenkt. Eine Bühne wird errichtet. Wasser und Lebensmittel werden gereicht. Das sieht nicht so aus, als sei es nur provisorisch, das sieht eher so aus, als richteten sich die Roten auf eine längere Belagerung ein. Am Dienstagabend soll es hier zu einer Großkundgebung kommen. Auf 25.000 bis 30.000 Teilnehmer schätzt Penkair das Menschenmeer unter ihm. Später aber sollen es noch viel mehr werden. Nach Feierabend kommen in Thailand immer mehr Menschen zur Demonstration als am Vormittag. Danach wollen sie weitersehen.

Die nächsten Tage dürften wichtig für Thailands Zukunft werden - und hochinteressant. Als die gelb gewandeten Demonstranten im vergangenen Jahr ausschwärmten, blieben Polizei und Militär ruhig. So ruhig, dass das ganze Land paralysiert schien. Bis die Regierung kippte. Das schien auch insofern logisch, als dass das Militär Sympathien für die konservativen und etwas elitären Demonstranten gehegt zu haben schien. Nun liegen die Dinge etwas anders. Gehen Militär und Polizei gewaltsam gegen die Regierungsgegner vor, riskieren sie ein Blutbad und einen Aufstand im ganzen Land.

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