Ein Essay von Fareed Zakaria
Schulden sind an sich nichts Schlechtes - Kreditfinanzierung ist schließlich, mit Bedacht eingesetzt, das Lebenselixier der modernen Wirtschaft -, aber in solchem Übermaß sind sie tödlich, wie unsere überhitzte Volkswirtschaft beweist. Allerdings hat jede Gleichung zwei Seiten: Die Vereinigten Staaten hätten sich niemals in eine solche Lage bringen können, wenn andere Staaten ihnen nicht bereitwillig Geld geliehen hätten. Und hier kommt China ins Spiel.
Dank jahrzehntelanger Erfahrung mit Instabilität und Aufruhr sind chinesische Haushalte und Unternehmen vorsichtig. Sie legen rund die Hälfte ihrer Einkünfte auf die hohe Kante, um stets auf den sprichwörtlichen Regentag vorbereitet zu sein. Die Kombination aus hohen Wachstumsraten und äußerster Sparsamkeit führte zu einer gigantischen Kapitalakkumulation. Anstatt dieses Geld wieder in die heimische Wirtschaft zu investieren, schickten die chinesischen Behörden es ins Ausland, vor allem in die USA, wo sie Schatzwechsel aufkauften, auf denen sie seitdem sitzen. So finanzierten sie unsere Ausgabenorgie und bauten riesige Dollarreserven auf.
China ist nicht das erste Land, das diese Methode der sogenannten "exportgestützten Entwicklung" anwendet. Japan, Südkorea und andere asiatische Staaten gingen in der Vergangenheit genauso vor. Und selbst heute steht China damit nicht allein da: Acht weitere Schwellenländer verfügen ebenfalls über Kriegskassen, die mit hundert Milliarden Dollar und mehr gefüllt sind. Aber China ist der größte Sünder. Es hält mittlerweile Devisenreserven im Wert von 2 Billionen Dollar, die meisten davon in Dollar. Im letzten September wurde China zum größten ausländischen Gläubiger der USA und ließ Japan hinter sich, das keine großen Mengen an US-Schatzbriefen mehr kauft. China hält heute den weltweit höchsten Schuldschein in Händen, und er trägt die Unterschrift von Onkel Sam.
Ost-Chimerika spart, West-Chimerika prasst
In seinem neuen Buch "Der Aufstieg des Geldes" argumentiert der Historiker Niall Ferguson, die Beziehung sei mittlerweile so eng verflochten, dass die beiden Länder ein eigenes Schachtelwort verdient hätten: Chimerika. "Eine Zeitlang sah es nach einer im Himmel geschlossenen Verbindung aus", schreibt er. "Die Ost-Chimerikaner erledigten das Sparen, die West-Chimerikaner das Ausgeben."
Ein solches Arrangement ist nicht von Dauer. Wie es so schön heißt: Wenn etwas nicht ewig halten kann, wird es das auch nicht. Wie Ferguson schreibt, "stellt sich heute die große Frage, ob Chimerika zusammenbleibt oder wegen der Krise auseinanderdriftet. Bleibt es zusammen, kommen wir aus dem Gröbsten heraus. Driftet es auseinander, können wir uns von der Globalisierung verabschieden."
Auch wenn einige Experten das Gegenteil behaupten, diese Krise läutet nicht das Ende des Kapitalismus ein. Sie könnte jedoch für die Vereinigten Staaten das Aus für eine gewisse Art von weltweiter Dominanz bedeuten. Wenn der Irak-Krieg und die Außenpolitik von George W. Bush in den Augen der Welt der militärisch-politischen Macht Amerikas die Legitimationsgrundlage entzogen haben, dann hat die Finanzkrise der wirtschaftlichen Macht Amerikas die Legitimation entzogen.
Dieser Welt sieht Barack Obama sich nun gegenüber: Sie ist unübersichtlich und streitsüchtig zerstritten, einfache Lösungen gibt es kaum. Doch bei all ihren Problemen ist sie noch immer bemerkenswert friedlich. Krieg zwischen den Großmächten ist undenkbar. Gemessen beispielsweise an der Zahl der zivilen Opfer, leben wir in den friedlichsten Zeiten, die je geherrscht haben. Und al-Qaida, die erste große Bedrohung des 21. Jahrhunderts, ist ihrer Heimat beraubt und in der Defensive. Die Wahl Barack Obamas, eines weltläufigen, multiethnischen Amerikaners mit einem muslimischen Vater und Hussein als zweitem Vornamen, verstörte die Terrorgruppe zutiefst. In einem kürzlich erschienenen Video suchten ihre Anführer in nutzlosen persönlichen Angriffen Zuflucht und nannten ihn einen "Hausneger". Ihre Beunruhigung ist verständlich: Obamas Wahl ist ein Symbol der Hoffnung und eine Bedrohung für al-Qaidas hasserfüllte Ideologie.
Es gibt natürlich die uralte Sorge, dass die Stabilität in Zeiten des Übergangs zerfällt. Seit Thukydides' Beobachtung, dass die Verschiebung der Macht von Sparta auf Athen die eigentliche Ursache für den Peloponnesischen Krieg war, betrachten Gelehrte solche Zeiten mit einer gewissen Beklommenheit. Diesmal jedoch muss der Aufstieg der Anderen, wenn man richtig damit umgeht, nicht destabilisierend wirken.
Akteure der postamerikanischen Welt
Amerika steht nicht kurz vor dem Untergang, drauf und dran, durch ein einziges anderes Land ersetzt zu werden. Und das wachsende Selbstvertrauen in der postamerikanischen Welt bedeutet, dass es andere fähige Freiwillige gibt, die klug in Situationen agieren können, in denen die USA es nicht können oder wollen. Während des russisch-georgischen Konflikts reiste Sarkozy nach Moskau, nicht Bush. Als Israel und Syrien im Sommer 2008 in Gespräche eintraten, fungierte die Türkei als Friedensvermittler, nicht Washington. Und als libanesische Gruppierungen im Mai 2008 mit Waffengewalt übereinander herfielen, konnte nur der Scheich von Katar sie an den Verhandlungstisch bringen.
In keinem dieser Fälle spielten die Vereinigten Staaten die Hauptrolle. Zehn Jahre zuvor wäre dies noch undenkbar gewesen. Heute ist es Alltag. Obwohl es in einer Welt, in der mehr Akteure als früher selbstbewusster als zuvor auftreten, auch mehr Gegenspieler und Demagogen gibt, sind gleichzeitig auch mehr Unterhändler und regionale Spitzenpolitiker am Werk, denen am Friedenserhalt gelegen ist. Wenn sich dieser Impuls organisieren und stärken lässt, wird diese Weltordnung besser als die vorherige sein.
Trotz der gegenwärtigen Wirtschaftskrise leben wir in außergewöhnlichen Zeiten. Überall auf der Welt gibt es Länder voller Hoffnung und Lebensfreude. Die Weltwirtschaft verheißt Menschen überall die Aussicht auf ein anständiges Leben.
Nun ist es an der Zeit, dass die Regierungen durch eigene Neuerungen, durch die Schaffung neuer Formen der Zusammenarbeit und Problemlösung in einer globalisierten Welt mit diesem menschlichen Erfindungsreichtum Schritt halten. Die große Herausforderung für Barack Obama und diese Führungsgeneration lautet, ein neues System der internationalen Beziehungen aufzubauen, und zwar eines, das mit Blick auf die Probleme, vor denen wir stehen, effektiv ist und in das sich die aufsteigenden Mächte der Welt einbezogen fühlen. Das ist das große Projekt des 21. Jahrhundert: eine neue Architektur, die der Welt Frieden, Wachstum und Freiheit garantiert.
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