Von Stefan Simons, Paris
Roselyne Bachelot ist Gesundheitsministerin aus Überzeugung: Im Gesetzestext zur Reform der Krankenhäuser hatte sie auch einen Artikel zur Eindämmung des Alkoholismus versteckt - und sorgte damit landesweit für einen doppelten Aufstand. Während Ärzte und Krankenschwestern gegen das umstrittene Prinzip der Rentabilität und drakonische Einschnitte beim medizinischen Personal auf die Straße gingen, sorgte die Novelle auch bei Frankreichs Winzern für wütenden Protest.
Grund der Aufregung: Mit Punkt 24 des Paragraphenwerks wollte Bachelot, 62, sonst in vorderster Front engagiert gegen Darmkrebs, Alzheimer und fehlende Blut- und Organspenden, gegen den zunehmenden Konsum von Alkohol unter Heranwachsenden vorgehen. Die Ministerin, nebenbei Ressortchefin für Sport und unlängst noch zuständig für Jugend, zielte mit verschärften Auflagen gegen die hemmungslosen Besäufnissen an sogenannten "Open Bars". Diese Art flüssiger Buffets, beliebt vor allem unter Teenagern, erlaubt gegen eine einmalige Gebühr Trinken bis zum Abwinken.
Weil der geplante Artikel jedoch rundweg verbot, "alkoholische Getränke gratis oder gegen Pauschalbetrag anzubieten", wären auch die umsatzfördernden Degustationen in Kaufhäusern oder das spitzmundige Probieren auf Weinfesten von der "Lex Bachelot" betroffen: Die Winzer aus Frankreichs großen Anbaugebieten witterten prompt einen Anschlag auf kulinarische Traditionen und sprachen gar von einem "Kampf gegen die Kultur".
Auf ganzseitigen Zeitungsanzeigen wetterten die Weinbauern und ihre Verbandsvertreter wider die geplanten Restriktionen der Obrigkeit und sahen hinter dem Vorstoß gegen die genießerische Verkostung ihrer teuren Tropfen schon einen "neuen Schritt in Richtung Prohibition". Weil der Anbau, die Produktion und der Export von Frankreichs Grands Crus ein Millionengeschäft ist, mobilisierte die Ablehnungsfront ohne Mühe Bürgermeister, Regionalräte und Abgeordnete. Der Aufstand aus den Provinzen griff nicht nur auf die Volksvertreter in Paris über, zudem drohten die Weinbauern mit handgreiflichem Protest. "Wenn die Sache im Parlament schiefgeht, werden wir keine Probleme haben, die Winzer zu mobilisieren", warnte Bernard Farges, Sprecher des Regionalverbandes Bordeaux. "Schwer könnte es allenfalls werden, diese Aktionen zu kanalisieren."
War es der Hinweis auf das jakobinische Protestpotential der überwiegend konservativen Klientel oder nur die Verbeugung vor den oenologischen Errungenschaften - verbunden mit einer guten Portion gesunden Menschenverstandes?
Die Nationalversammlung einigte sich jedenfalls nach langer, heftiger Debatte zwischen den radikalen Anti-Alkoholikern und den Freunden gehobener Tafelfreuden auf einen salomonischen Kompromiss: Die Freigabe harter Getränke gegen Einmalgebühr soll künftig verboten werden, so der Vorschlag, der erst am heutigen Freitag gegen 1.30 Uhr morgens eine Mehrheit fand; die gurgelnde Verkostung von Wein, etwa auf Märkten, Chateaus und Volksfesten, darf hingegen weiter gepflegt werden - vorausgesetzt, dass auch der Senat, Frankreichs zweite parlamentarische Kammer der hart erkämpften Lösung zustimmen wird.
Widerstand gegen die Einigung an der Weinfront wäre in diesem Gremium freilich eher überraschend: Die 343 Senatoren, auf sechs Jahre indirekt gewählte Ständevertreter, zählen nicht nur mehrheitlich zur Regierungspartei - ihr Sitz, das Palais du Luxembourg, verfügt außerdem über einen der bestsortierten Weinkeller von Paris.
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