Kambodscha Fräulein Pol Pots Flucht vor der Vergangenheit
Von Erich Follath
2. Teil: Die schöne Tochter des Kommunistenführers studiert jetzt Betriebswirtschaft
Zwei Journalisten von der "Cambodia Daily" erzählt die damals Achtzehnjährige im Jahr 2004 beim bisher einzigen Interview ihres Lebens, sie bete viel für Pol Pot und bringe in der Pagode den buddhistischen Mönchen regelmäßig Opfer. "Ich würde ihn gern in einem nächsten Leben treffen und dann mehr Zeit mit ihm verbringen", sagt Sitha, höflich, wie alle ihre Mitschülerinnen in "bourgeoise" Schuluniform mit langem, Rock und frisch gestärkter weißer Bluse gekleidet.
Prozess gegen die Roten Khmer
Nach knapp drei Jahrzehnten sollen in
Kambodscha
die Massenmorde und Gräueltaten der
Roten Khmer
unter der Führung des
"Bruders Nummer eins", Pol Pot
, aufgearbeitet werden.
Das erste Verfahren vor dem Tribunal wurde gegen
Kaing Guek Eav alias Duch
eröffnet, der von März 1976 bis Anfang 1979 das berüchtigte
Gefängnis Tuol Sleng
, das auch "Sicherheitsbüro" (S-21) genannt wurde, leitete. Er wurde am 26. Juli 2010 zu 35 Jahren Haft verurteilt. Weil er lange Zeit inhaftiert war, wurden ihm 16 Jahre erlassen. In dem von ihm geleiteten Gefängnis kamen nur sieben der insgesamt 14.000 dort Inhaftierten mit dem Leben davon. Die anderen wurden gefoltert, misshandelt und nach erpressten Geständnissen auf den
Killing Fields
exekutiert.
Auf der Anklagebank des
Roten-Khmer-Tribunals
sitzen neben dem bereits zu 35 Jahren Haft verurteilten
Kaing Guek Eav alias Duch
noch folgende vier:
„Bruder Nummer zwei“, Nuon Chea
,
Ieng Sary, der Ex-Außenminister
, und seine Frau Ieng Thirith, die damalige Sozialministerin sowie
Khieu Samphan
, der Staatschef des Landes während der Khmer-Rouge-Zeit.
Abschließende Urteile sind erst bis 2011 zu erwarten. Für die geringe Zahl der angedachten Prozesse wurde die kambodschanische Regierung viefach kritisert: Auf Veranlassung des derzeitigen
Staatschefs Hun Sen
wurden sogar mehrere führende Khmer-Rouge-Politiker amnestiert. Zudem sind führende Köpfe der Bewegung, unter ihnen auch
Pol Pot
und sein Nachfolger
Ta Mok
aufgrund ihres hohen Alters inzwischen gestorben.
Die
Roten Khmer
waren ultramaoistische Revolutionäre, die in
Kambodscha
einen reinen Agrarstaat schaffen wollten. Ihre Schreckensherrschaft dauerte von 1975 bis 1979. Mindestens 1,7 Millionen Menschen kamen um, fast ein Viertel der Bevölkerung.
Das Regime unter
Pol Pot
, der wie andere Kader in Paris studiert hatte, wollte eine kommunistische Agrargesellschaft schaffen. Es scheuchte die Städter aufs Land, schaffte das Geld ab, und brachte jeden, der ein Buch oder eine Brille hatte, als verdächtigen Intellektuellen ins Umerziehungslager.
Das Land schottete sich völlig ab, im Innern begann für Millionen Menschen ein Überlebenskampf. Zwangsarbeit, Hungersnöte, Seuchen rafften Hunderttausende hin. Das paranoide Regime baute einen beispiellosen Spitzelapparat auf. Weitere Hunderttausende Verdächtige wurden als Feinde des Regimes gefoltert und ermordet.
Auch kommunistisch-maoistische Sektierergruppen in Europa unterstützten eine Zeitlang die Roten Khmer - ein Kapitel, das noch der Aufklärung harrt.
Der Stiefvater will, dass sie Englisch lernt und auch über moderne Wirtschaft Bescheid weiß - er meldet sie trotz ihrer durchschnittlichen Zeugnisse an einer Universität in Phnom Penh an. Wo, will er nicht sagen, "die Kleine" solle ihre Ruhe haben. Nur so viel: Sie studiere nicht unter ihrem Namen. Schon 2006 hat die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", ausgestattet mit besonders guten Kambodscha-Kontakten, gemeldet, es könne sich um die Pannisastra University of Cambodia halten.
Fräulein Pol Pot alias Sitha alias Sar Patchata alias ihres jetzigen Decknamens hat sich tatsächlich an der PUC eingeschrieben, an Phnom Penhs Eliteuniversität und politischer Kaderschmiede, gefördert von der amerikanischen Regierung. Sie studiert Englisch und Betriebswirtschaft - eine erstaunliche Kombination, bedenkt man, dass es unter den Roten Khmer einem Todesurteil gleichkam, eine Fremdsprache zu beherrschen; zieht man in Betracht, dass ihr Vater alle Banken und Wirtschaftsinstitute schloss, das Geld ganz abgeschafft hatte.
Sie will nichts wissen von den "angeblichen Verbrechen"
Am Anfang ihrer Phnom-Penh-Zeit ist sie nach Aussagen ihres damaligen Freundes ein "besonders liebenswertes" Mädchen gewesen, "die bei weitem hübscheste unter den vier Mädchen aus Malai, mit denen sie zusammenwohnte". Der junge Mann will mit ihr sein Leben teilen. Er berichtet ihr auch von den zahlreichen Familienmitgliedern, die er durch Pol Pots Schreckensherrschaft verloren hat. Als sie ihm erzählt, sie sei die Tochter des Khmer-Rouge-Führers, schweigt er zunächst, sagt dann aber, er glaube nicht an die "Vererbbarkeit von Genen und solchen Schwachsinn", er liebe sie. Er will ihr aber neben seinen Lieblingsplätzen am Flussufer auch die Gedenkstätten an die Horrorzeit zeigen, das Foltergefängnis Tuol Sleng, die Killing Fields, draußen vor der Stadt. Ohne mich, sagt Fräulein Pol Pot. Sie will nichts wissen von den "angeblichen Verbrechen ihres Vaters" und diesem "unsinnigen Tribunal gegen seine Kollegen".
Die beiden leben sich auseinander. Sitha, die einst so Schüchterne, habe sich einen neuen Freundeskreis angelacht, erzählt der junge Mann, "die Reichen und die Mächtigen". Er sieht sie im Sportwagen eines stadtbekannten Playboys, dann in Begleitung eines Jungpolitikers, der sie in die teuren Restaurants führt, dann bei der Einweihung eines High-Society-Discoclubs. Sie wolle in Ruhe gelassen werden, sagt sie bei einem Fest auf eine Anfrage des SPIEGEL nach einem Interview. Fräulein Pol Pot, 22, trägt ein schulterfreies Glitzerkleid, das kurz geschnittene Haar ist leicht aufgehellt. Sie ist eine Schönheit.
Wollte sie wirklich etwas über ihren Vater erfahren, könnte sie die Geschichte über seinen besten Freund in den Archiven des Khmer-Rouge-Dokumentationszentrums nachlesen. Siet Chhe hieß der, hat den "Bruder Nummer eins" im Dschungel während seiner Malaria-Erkrankung auf dem Rücken getragen, ihn gesund gepflegt und ihm auch sonst immer loyal gedient, zuletzt als Regionalsekretär Ost. Wie so viele Kader fiel er aus unerklärlichen Gründen in Ungnade, wurde ins Gefängnis Tuol Sleng eingeliefert und gefoltert. Verzweifelt schrieb er an Pol Pot. "Bitte rette deinen jüngeren Bruder! Ich werde der Partei gegenüber immer loyal sein." Pol Pot würdigte ihn keiner Antwort - und machte so dem Lagerchef klar, dass er keinerlei Rücksichten nehmen musste. Folterknecht Duch ließ Siet Chhe immer schlimmer foltern, aber er wollte ihn darüber hinaus auch noch demütigen. Der Delinquent sollte zugeben, seine eigene Tochter sexuell missbraucht zu haben.
Alle gestanden alles in Tuol Sleng, die folgenden Zeilen sind das einzige Dokument des Widerstehens. "Verehrte Organisation", schrieb Pol Pots bester Freund. "Dies ist der Report über meine Tochter. Ich gestehe, ich habe sie besonders ins Herz geschlossen. Ich habe sie in den Arm genommen, mit der Liebe und Fürsorglichkeit eines Vaters. Die Anschuldigungen, ich hätte mich an ihr vergriffen, sind lächerlich. Ich wünsche ihr, dass sie einen aufrechten und anständigen Revolutionär trifft, mit dem sie ein politisch und moralisch sauberes Leben führen kann."
Duch und Pol Pots andere Schergen quälten den Mann noch fünf Monate. Ein Inzest-Geständnis konnten sie ihm nicht abzwingen. Dann brachten sie Siet Chhe auf die Killing Fields, töteten ihn mit einem Schlag gegen den Nacken und stießen ihn in die Grube.
Fakten zum Tribunal gegen die Roten Khmer
Kambodscha hat vor mehr als einem Jahrzehnt die Vereinten
Nationen um Unterstützung bei der Einrichtung eines Tribunals
gebeten, wollte aber gleichzeitig die Kontrolle über das Gericht
behalten. Beide Seiten legten jahrelang jeweils eigene Entwürfe
vor und verwarfen die Vorschläge der Gegenseite. Schließlich gab
die Uno 2005 ihre Zustimmung zur sogenannten Außerordentlichen
Kammer der Gerichte Kambodschas, die nach weiteren Verzögerungen
von drei Jahren ihre Arbeit aufnahm.
Die modernisierte, auf dem Justizsystem der ehemaligen
Kolonialmacht Frankreich basierende Rechtssprechung Kambodschas
sieht bei dem Tribunal die Zusammenarbeit von Richtern und
Anklägern aus mehreren Ländern vor. Um ein Urteil fällen zu
können, werden in der ersten Instanz, die aus drei
kambodschanischen und zwei ausländischen Richtern
zusammengesetzt ist, vier Stimmen benötigt. Das Berufungsgericht
ist ähnlich strukturiert.
Experten hoffen, dass das Experiment in der internationalen
Rechtssprechung Schule machen wird. Kritiker sehen jedoch die
Integrität des Tribunals wegen Korruptionsvorwürfen und
politischer Meinungsverschiedenheiten beschädigt. Die Regierung
in Phnom Penh wies die Vorwürfe zurück.
Kaing Guek Eav, genannt Duch, gehört zu den fünf früheren
Khmer-Kadern, die wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen
die Menschlichkeit angeklagt sind. Er wurde am 26. Juli 2010 zu 35 Jahren Haft verurteilt, muss aber wegen langjähriger Inhaftierung davon nur noch 19 Jahre absitzen. Neben ihm sollen dem
ehemaligen Präsidenten Khieu Samphan, Ex-Außenminister Ieng Sary
und seiner Frau Ieng Thirith sowie dem sogenannten "Bruder
Nummer zwei", Nuong Chea, der Prozess gemacht werden. Der als
"Bruder Nummer eins" berüchtigte Pol Pot starb 1998.
Staatsanwälte aus dem Ausland wollten zudem sechs weitere
Personen vor Gericht bringen, was von der kambodschanischen
Anklägerin jedoch abgelehnt wurde. Kritiker sehen darin den
Versuch der Regierung Kambodschas, das Tribunal an zu
detaillierten Nachforschungen zu hindern. Andere Beobachter
forderten zudem eine Untersuchung der Rolle der USA und Chinas,
die beide das Regime von Pol Pot lange unterstützt hatten.
Überlebende und andere zivile Gruppen dürfen über ihre
Anwälte Fragen und Anträge stellen. Es wird erwartet, dass über
90 Parteien vor Gericht zugelassen werden. Die Überlebenden
hoffen, dass die Urteile den Weg für eine neue Ära des Frieden
und Gerechtigkeit ebnen. Zudem sollen die jüngeren Kambodschaner
mehr über die Zeit der Roten Khmer erfahren, über die sie bisher
häufig wenig wissen. Mehr als die Hälfte der 14 Millionen
Einwohner kamen erst auf die Welt, nachdem Pol Pot 1979 durch
vietnamesische Truppen vertrieben worden war.
Quelle: Reuters
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