Aus Ostrava berichtet Till Mayer
Albert arbeitet für die Organisation Peacework in der Tschechischen Republik und unterstützt die Frauen von Vzajemne Souziti. Seit Jahren setzt sie sich mit Zwangsterilisationen von Roma-Frauen auseinander und findet klare Worte: "In der kommunistischen Tschechoslowakei wurden Sozialarbeiter angehalten, Frauen als ultimative Möglichkeit der Geburtenplanung zu einer Sterilisation zu überreden. Vor allem Arme und Roma-Frauen waren Zielgruppe. Ihre Geburtenrate galt im damaligen Sprachgebrauch als 'hoch und ungesund'."
Die Sozialarbeiter boten Coupons für Möbel oder Geld für eine Einwilligung an, oder sie drohten, die Kinder der Angesprochenen der staatlichen Fürsorge zu übergeben. "Niemand weiß, wie viele Frauen betroffen sind", sagt Albert. "Aber bezieht man die lange Zeitspanne ein und dass es in der gesamten ehemaligen Tschechoslowakei geschah, gehe ich von Hunderten, wenn nicht sogar von tausend Fällen oder mehr aus." 1991 sei Schluss gewesen mit der Politik der Sterilisationen - aber es gebe noch heute Eingriffe ohne Zustimmung der Frauen, sagt sie. "Heute werden Roma-Frauen opportunistisch ohne deren erklärte Einwilligung bei Kaiserschnitten oder gynäkologischen Eingriffen sterilisiert. Rassismus gegenüber den Roma ist in allen Bereichen der tschechischen Gesellschaft weit verbreitet, das Gesundheitswesen bildet da keine Ausnahme."
Warten auf eine Entschuldigung
Elena Gorolova wartet wie die anderen 60 Mitglieder ihrer Gruppe auf eine finanzielle Entschädigung, zumindest eine Entschuldigung vom Staat. "Wir kämpfen mit unserer Gruppe dafür, dass unsere Töchter und Enkeltöchter nicht unser Schicksal erleiden. Jede Mutter soll so vielen Kindern das Leben schenken, wie sie will", sagt sie. "Der Gesetzgeber muss das klar und unmissverständlich fordern."
Und der Staat? In einer im Internet einsehbaren Mitteilung an die Uno ist von "individuellen und isolierten Fällen in der Vergangenheit" die Rede, bei denen gesetzliche Bestimmungen nicht eingehalten wurden. Angekündigt werden eine auf Sterilisationen spezifizierte Gesetzesvorlage und die Einsetzung einer Kommission, um die Vorgehensweise bei Sterilisationen in der Vergangenheit zu untersuchen. "Wohl eher eine Verzögerungstaktik" findet das Albert. "Seit dem Bericht des Ombudsmanns vor fast vier Jahren ist wenig geschehen."
Immerhin musste sich 2007 ein Krankenhaus in Ostrava dafür entschuldigen, 2001 eine damals 21-Jährige bei einer Entbindung sterilisiert zu haben. Eine in erster Instanz ausgesprochene finanzielle Entschädigung konnte das Krankenhaus abwenden - um wenige Wochen war der Fall der jungen Frau strafrechtlich verjährt. Jüngst sprach ein Gericht ein ähnliches Urteil.
Der Frauengruppe von Vzajemne Souziti reichen keine erzwungenen Entschuldigungen. Sie organisiert Treffen, kleine Demonstrationen. Elena Gorolova sagte sogar schon bei der Uno in New York aus.
Eine Sterilisation aus Versehen?
Ihre Gruppe will das Denken ändern - und spricht deshalb auch mit jenen, die ihren Körpern etwas so Kostbares genommen haben. "Vor wenigen Tagen trafen wir uns mit Ärzten in einem Krankenhaus. Wir haben ihnen versucht zu erklären, dass Patienten ihren eigenen Willen haben, Ärzte nicht einfach selbst über alles entscheiden können." Eine Ärztin sei dabei gewesen, "die damals die Vorsorgeuntersuchungen bei meiner letzten Schwangerschaft vorgenommen hatte. Obwohl sie mich damals über die Notwendigkeit eines Kaiserschnitts informierte, sagte sie kein Wort über eine Sterilisation" Sie sei eine unerfahrene Medizinerin gewesen, habe sie dazu nur gesagt.
"Ich hoffe, ja, ich glaube, dass unsere Gespräche etwas bringen", sagt Gorolova. Sie hat gekämpft und viel erreicht. Sie wohnt nicht mehr im Ghetto, sondern in einer kommunalen Mietwohnung in einem deutlich besseren Viertel. Die Wände leuchten frisch gestrichen. Auf dem Boden helles Laminat, eine gemütliche Couch, ein kleiner Hund wieselt herum.
Ihr Mann, ihre Söhne und sie haben alles in Eigenleistung renoviert. Viel Geld zum Leben hat die Familie immer noch nicht. Ihr Gehalt von Vzajemne Souziti ist gering. Ihr Mann, ein Fabrikarbeiter, bezieht derzeit ein bescheidenes Krankengeld. Aber ihr jüngster Sohn schafft es vielleicht auf die Universität, hofft die Mutter. Sie selbst hat den zweiten Bildungsweg eingeschlagen.
"Wir Roma sind Teil der Geschichte Tschechiens, wir leben seit Jahrhunderten hier", sagt sie. "Es ist unsere Heimat."
Gorolova erzählt einen Abriss der Familiengeschichte: Ihr Großvater sei als Roma im KZ gewesen. Ihr Mann habe in der Armee gedient und danach immer hart gearbeitet. Jahrelang habe man zu acht in einer Zwei-Zimmer-Wohnung gelebt. "Ich habe schon als Teenager in einer Fabrik zu arbeiten angefangen. Wir haben wirklich gerackert und gekämpft, dabei gespart und Stück für Stück ein besseres Leben aufgebaut."
Und dann, sagt sie, wisse man, dass viele Leute auf der Straße wahrscheinlich denken: "Gut so, dass die Zigeuner-Frauen sterilisiert wurden. Die haben zu viele Kinder, aus denen allen nichts wird."
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