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18.03.2009
 

Rot-Kreuz-Bericht

Im Schattenreich der US-Folterknäste

Von Marc Pitzke, New York

Prügel, Schlafentzug, Waterboarding: Ein geheimes Rot-Kreuz-Dossier dokumentiert ausführlich, wie Terrorverdächtige in CIA-Geheimgefängnissen systematisch gefoltert wurden. Ein Reporter hat die Aussagen der Betroffenen nun öffentlich gemacht. Horrorberichte aus dem Schattenreich der Geheimdienste.

Der Gefangene erinnerte sich an jedes Detail. Sie hätten ihn aus der Kiste gezerrt, in der er stundenlang eingezwängt gewesen sei, und mit Gurten an eine Bahre gezurrt. Dann hätten sie ihm ein Tuch übers Gesicht gepresst und so lange Wasser darüber gekippt, "bis ich nicht mehr atmen konnte". Er habe sich erbrochen. Trotzdem sei die Prozedur wiederholt, verlängert und verschärft worden. "Ich dachte, ich würde sterben."

Camp X-Ray in Guantanamo (Archivfoto): Terrorverdächtige Attasch, Subeida und Mohammed berichten Rotem Kreuz von Folter in US-Lagern
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DDP; AP, DPA

Camp X-Ray in Guantanamo (Archivfoto): Terrorverdächtige Attasch, Subeida und Mohammed berichten Rotem Kreuz von Folter in US-Lagern

Der Gefangene war Abu Subeida, der als Vertrauter von Osama bin Laden galt und 2002 gefasst wurde. "Sie" waren CIA-Beamte in einem geheimen US-Internierungslager, an einem unbekannten Ort irgendwo auf der Welt. Und die Verhörpraxis heißt Waterboarding, eine international geächtete Foltermethode.

Deren Einsatz hat Washington inzwischen zugegeben. Die Details der Tortur Subeidas freilich sind erst seit dieser Woche bekannt und erstmals aus Sicht des direkt Betroffenen - dokumentiert in einem internen Bericht, der die US-Folterdebatte neu anstoßen dürfte.

Es ist die schwerste Sünde der Bush-Ära: Die Folter von Terror-Gefangenen. Ein Thema, das die Amerikaner noch lange verfolgen wird, so sehr sie sich auch dagegen sträuben. Der neue Präsident Barack Obama hat der Folter zwar klar abgeschworen, drückt sich bisher aber um eine akribische Aufbereitung dieser Vergangenheit: "Wir müssen nach vorne schauen, anstatt nach hinten zu schauen."

"An den Rand des Todes und zurück" - Folterberichte

Abu Subeida

AP
Abu Subeida, ein mutmaßlich enger Vertrauer von Osama Bin Laden, wurde im März 2002 in Pakistan gefasst und dabei schwer verletzt. Die CIA sorgte dem Bericht zufolge ausdrücklich dafür, dass er gesundgepflegt wurde - nur um ihn dann foltern zu können. Dazu sei er zwischen mehreren CIA-Lagern hin- und hertransportiert worden.

"Ich erwachte, nackt, an ein Bett gefesselt, in einem sehr weißen Raum. Der Raum maß ungefähr vier mal vier Meter. (...) Nach einiger Zeit, ich glaube, dass es mehrere Tage waren, wurde ich zu einem Stuhl gebracht, an den ich an Händen und Füßen gekettet wurde, für die nächsten zwei bis drei Wochen, glaube ich. In der Zeit bekam ich durch das dauerhafte Sitzen Blasen an der Unterseite meiner Beine. (...) In den ersten zwei oder drei Wochen bekam ich, während ich auf dem Stuhl saß, keine feste Nahrung. Mir wurde nur Ensure (ein Proteingetränk, Anm.d.Red.) und Wasser zu trinken gegeben. Anfangs musste ich mich von dem Ensure übergeben, aber das wurde mit der Zeit besser. (...) Die Zelle und der Raum waren klimatisiert und sehr kalt. Die ganze Zeit spielte sehr laute Brüllmusik. Sie wiederholte sich alle 15 Minuten, 24 Stunden am Tag. Manchmal stoppte die Musik und wurde von lautem Zischen oder Knattern abgelöst. (...) Zwei schwarze Holzkisten wurden in den Raum außerhalb meiner Zelle gebracht. Eine war hoch, etwas größer als ich und schmal. (...) Die andere war kleiner. (...) Ich wurde aus meiner Zelle geholt, und einer der Vernehmenden wickelte ein Handtuch um meinen Hals, und dann benutzten sie das, um mich herumzuschleudern und mich wiederholt gegen die harte Wand des Raums zu schmettern. Auch wurde ich wiederholt ins Gesicht geschlagen. (...) Dann wurde ich in die große Kiste gesteckt, ich glaube für rund eine bis eineinhalb Stunden. Die Kiste war innen und außen total schwarz. (...) Sie bedeckten die Außenseite der Kiste mit einem schwarzen Tuch, um das Licht zu verdunkeln und meine Luftzufuhr zu drosseln. Es war schwer zu atmen. (...) Nach dem Verprügeln wurde ich in die kleine Kiste gesteckt. (...) Da sie nicht hoch genug war, um aufrecht zu sitzen, musste ich mich zusammenkrümmen. Wegen meiner Wunden war das sehr schwer. (...) Die Wunde an meinem Bein öffnete sich und begann zu bluten. Ich weiß nicht, wie lange ich in der kleinen Kiste blieb, ich bin vielleicht eingeschlafen oder ohnmächtig geworden. (...) Dann wurde ich aus der kleinen Kiste gezerrt, ohne dass ich ordentlich laufen konnte, und auf etwas geschnallt, was wie ein Krankenhausbett aussah, und mit engen Gurten sehr eng daran gefesselt. Ein schwarzes Tuch wurde über mein Gesicht gepresst, und die Vernehmer nahmen eine Mineralwasserflasche, um Wasser auf das Tuch zu kippen, so dass ich nicht atmen konnte. Nach ein paar Minuten wurde das Tuch weggenommen und das Bett in eine aufrechte Position gedreht. Der Druck der Gurte auf meine Wunden tat sehr weh. Ich erbrach mich. Dann wurde das Bett wieder in eine horizontale Position gedreht und die gleiche Folter wiederholt, mit dem schwarzen Tuch über meinem Gesicht und dem Wasser aus der Flasche. Diesmal hing mein Kopf mehr in einer rückwärtigen, nach unten gerichteten Position, und das Wasser wurde länger ausgeschüttet. Ich kämpfte mit den Gurten, versuchte zu atmen, doch es war hoffnungslos. Ich dachte, ich würde sterben. Ich verlor die Kontrolle über mein Urin. Seitdem verliere ich auch heute noch die Kontrolle über mein Urin, wenn ich unter Stress stehe. (...) Das dauerte etwa eine Woche. In der Zeit wurde die ganze Prozedur fünfmal wiederholt. (...) Einmal wurde das Ersticken dreimal hintereinander wiederholt. (...) Mehrmals brach ich dabei zusammen und verlor das Bewusstsein. Dann wurde die Folter durch die Intervention eines Arztes gestoppt."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"

Walid bin Attasch

Chalid Scheich Mohammed

Dieser Blick zurück wird nun aber immer unvermeidbarer. Nicht zuletzt dank des investigativen Reporters Mark Danner: Der bekam dieser Tage einen Top-Secret-Bericht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (ICRC) zu Folterungen in den damaligen CIA-Geheimgefängnissen in die Finger - und stieß darin auf die Chronik eines Schattenreichs, die vorher nur einer Handvoll Insider bekannt war. Der 43-seitige, in seiner klinischen Nüchternheit beklemmende Report - dessen Authentizität das ICRC nicht abstritt, seine Veröffentlichung aber bedauerte - stützt sich auf Interviews mit vielen Gefolterten. Seit 2007 liegt er unter Verschluss. Danner zitiert jetzt im "New York Review of Books" erstmals lange Passagen - und offenbart so das wahre Ausmaß dieses politisch-moralischen Skandals, der weiter unbewältigt und ungesühnt bleibt.

Die Folteropfer erzählen ihre Horrorerfahrungen

Demnach wurden die zeitweise mehr als hundert "High-Level"-Häftlinge in den CIA-Lagern "in vielen Fällen" klar gefoltert und erlitten auch auf andere Weise "grausame, unmenschliche oder degradierende Behandlung". Das ICRC beruft sich dazu auf intensive Befragungen der Betroffenen, die - unabhängig und ohne in ihrer Isolation miteinander kommuniziert haben zu können - alle von fast identischen Horrorstorys aus der CIA-Haft berichtet hätten: "Die auffälligen Parallelen in ihren Geschichten, bis ins kleinste Detail, macht es unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich, dass es sich dabei um Erfindungen handelt."

Der Bericht bestätigt, dass die Bush-Regierung im Frühjahr 2002 mit den Folterungen beginnen ließ - von höchster Stelle gebilligt und in klarem Verstoß gegen internationale Konventionen. Top-Regierungsvertreter, allen voran George W. Bush selbst, dementierten das jedoch in Reden, Pressekonferenzen, Interviews und Dokumenten - oft mit offenen Lügen.

Auch der Kongress billigte den Folterknechten noch 2006 mit dem Military Commissions Act Straffreiheit zu, obwohl da viele Einzelheiten schon durchgesickert waren. Selbst die Demokraten wagten nicht aufzumucken, aus Angst, als Terror-Sympathisanten dazustehen. So wurden sie zu Kollaborateuren beim Machtmissbrauch.

AI-Kampagne

Amnesty International
Der Anti-Waterboarding-Spot
Knapp eine Woche nach dem 11. September 2001 hatte die US-Regierung begonnen, ein globales Netzwerk aus Geheimlagern einzurichten, um die mutmaßlich gefährlichsten Terrorverdächtigen dort in die Zange zu nehmen, abseits der kritischen Öffentlichkeit. "Black sites" (schwarze Stätten) hießen diese Lager, von CIA-Beamten geleitet, die auch die "verschärften Vernehmungen" führten.

Dort spielten sich die schlimmsten Folterszenen ab - jenseits des Militärkodexes, mit dem das Pentagon seine Soldaten bindet. Stattdessen übernahm die CIA die Schmutzarbeit, nach eigenen, systematischen Regeln: "Nacktheit, Isolation, Bombardierung mit Lärm und Licht, Entzug von Schlaf und Lebensmittel und wiederholte Prügel und 'Smashings'", zitiert Danner aus dem Bericht. Je länger man sich das durchlese, umso abgestumpfter wirke die "immer wiederkehrende Gewalt" auf einen.

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