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20.03.2009
 

Iraner zur US-Initiative

"Schade, dass Obama nicht unser Präsident ist"

Euphorie in Iran: Mit einer freundlich-bestimmten Videobotschaft hat sich Barack Obama an das Volk des Landes gewandt. Der iranischstämmige Politiker Omid Nouripour über begeisterte Reaktionen von Bekannten und Bloggern - und die kühle Reaktion des Regimes.

Das iranische Staatsfernsehen packt die Nachricht des Tages in das Laufband am unteren Bildschirmrand:

Obama gratuliert zum iranischen Neujahrsfest und betont die Bedeutung gegenseitigen Respekts +++ Amoklauf in französischem Kindergarten +++ Rezession in den Emiraten

Das ist die einzige Meldung, die über die nahezu historische Ansprache des US-Präsidenten an die Iraner gesendet wird. Nicht einmal über die Reaktion der iranischen Regierung wird berichtet - der Grund für dieses Schweigen ist schnell klar, schaut man sich die begeisterten Reaktionen in der Bevölkerung an.

An diesem Freitag feiert Iran Norouz, das Neujahrfest, und auch Obamas Videobotschaft (siehe unten) ist als Grußadresse für diesen Tag gedacht. An Norouz telefonieren traditionell Iraner und iranischstämmige Menschen stundenlang mit Verwandten, um zu gratulieren und zu plaudern - auch ich durfte das an diesem Freitag tun, und es gab nur ein Thema in allen Gesprächen: Obamas Ansprache.

So mancher erzählte, dass er vor Stolz oder Freude geweint hat. Und wer meine Verwandtschaft für nicht repräsentativ hält, möge in den Spiegel der Seele der iranischen Gesellschaft blicken: in die vitale Blogger-Szene mit ihren mehr als 700.000 Seiten. Zwar hat sich Obamas Rede dort noch nicht überall herumgesprochen - viele sitzen wegen Norouz gerade nicht vor den Rechnern -, doch zeichnet sich schon jetzt eine riesige Welle der Euphorie ab.

In mehreren Blogs, die sich schon mit Obamas Botschaft beschäftigen, wird jeder Satz einzeln zitiert und bejubelt. Fast alle Debatten beginnen mit Stolz darüber, dass der mächtigste Mann der Welt Farsi spricht, die Sprache der Iraner. In der Tat schließt Obama seine Videobotschaft mit dem Satz "Eide Schoma Mobarak" ("Ihnen ein segenreiches Fest").

Auch mit einer Anleihe bei dem klassischen iranischen Dichter Sa'adi aus dem 13. Jahrhundert trifft Obama den richtigen Ton: "Adamskinder sind miteinander wie Glieder - von der Schöpfung her von einer Essenz". Dieses Gedicht ist in Iran jedem Kind vertraut - und das Symbol des Stolzes iranischer Zugehörigkeit zur Weltgemeinschaft, schmückt es doch den Halleneingang des Uno-Gebäudes in New York.

Von der besten Gelegenheit für eine Aussöhnung mit den Amerikanern ist in den Blogs die Rede - manche sprechen sogar von der letzten Chance. Alle sind sich einig: Diese Situation ist einmalig nach 30 Jahren Unfähigkeit zum Dialog.

Die Hoffnung, dass das iranische Regime die Chance wahrnimmt, ist allerdings nicht groß. Die erste Reaktion Teherans war ernüchternd und vorhersehbar: Skeptisch wurde das Signal begrüßt - und sogleich die Ankündigung wiederholt, Iran werde sein erstes Atomkraftwerk noch in diesem Jahr in Betrieb nehmen. Um zu zeigen, dass man zu Kompromissen nicht bereit ist. Die meisten Blogger durchschauen diese Reaktion als innenpolitischen Wahlkampf. Im Juni sind in Iran Präsidentschaftswahlen.

Dass das Staatsfernsehen die Botschaft aus Washington nicht ausstrahlt, überrascht keinen, stattdessen gibt es Beschämung über das eigene Regime. Ein Blogger mit dem Pseudonym "mdn110": "Vergleicht die Friedensbotschaft doch einmal mit den 'verbalen Juwelen' Ahmadinedschads, der Israel ausradieren will." Ein anderer schreibt: "Wir rufen 'Nieder mit Amerika' - und sie schicken uns Neujahrsgrüße. Welche Schande für uns als Kulturnation."

Republik Iran

Land

REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.

Politik

Leute

Wirtschaft

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"Schade, dass Obama nicht unser Präsident ist", lautet der wahrscheinlich meist geschriebene Satz - worauf ein Spötter antwortet: "Der Wächterrat würde seine Kandidatur doch niemals erlauben!"

Die innenpolitische Debatte wird in den Blogs durchaus kontrovers geführt. Die einen nehmen die Ansprache als Anlass, den Rückzug des Ex-Präsidenten Mohammad Chatami aus dem Präsidentschaftsrennen zu bedauern, mit dem Obama gewiss einen fruchtbaren Dialog hätte führen können. Andere machen sich über Chatami lustig: "Wenn er jetzt Präsident wäre, hätte er sich wahrscheinlich aus Angst in der Toilette versteckt", stichelt ein Blogger. Die Enttäuschung darüber, dass Chatami aus seinem nahezu Hamletschen "Scheitern durch Zaudern" in seiner Regierungszeit von 1997 bis 2005 nichts gelernt hat, ist bei vielen Iranern tatsächlich groß.

Derzeit ist nicht absehbar, ob Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad bei der Wahl im Juni ein leichtes Spiel haben wird - oder ob Mirhossein Moussavi, zu dessen Gunsten Chatami zurückgezogen hat, ernsthaft eine Chance gegen ihn hat. Ein weiterer prominenter Kandidat, der ehemalige Parlamentspräsidenten Mehdi Karroubi, dürfte leer ausgehen. Außerdem ist noch immer nicht abschließend geklärt, wer sonst noch antritt. Das macht Obamas Botschaft umso wertvoller: weil sie nicht an die Person des Präsidenten gebunden ist, sondern sich direkt an die Iraner in Gänze richtet.

Und diese verspüren eine tiefe Sehnsucht genau nach dem, was Obama ihnen angeboten hat - einen respektablen Platz in der Weltgemeinschaft.

Ein entwaffnendes Angebot

Entwaffnend ist dieses Angebot vor allem, weil Obama faktisch die militärische Option vom Tisch nimmt. "Der Prozess (der Wiederannährung zwischen den USA und Iran, d.Red.) wird nicht mit Drohungen fortschreiten", hat er gesagt. Dies wird ihm in den USA Kritik einbringen - falsch ist es deshalb aber nicht. Die militärische Karte vom Tisch zu nehmen oder auf dem Tisch zu lassen ist ein inneramerikanisches Spiel, das nichts mit den Realitäten zu tun hat. Der Irak-Feldzug, die Dezentralität des iranischen Atomprogramms und die drohenden politischen Folgen eines Iran-Krieges für den Südlibanon, Westafghanistan oder Gaza machen einen Militärschlag faktisch unmöglich. Dazu kommt, dass die USA, China, Russland und die EU teilweise entgegengesetzte Interessen vertreten.

Nur eine fein austarierte Mischung aus politischen Anreizen und Druck kann also funktionieren. Genau dies versucht Obama - neben seiner versöhnlichen Botschaft hat er erst vor wenigen Tagen die US-Sanktionen gegen Iran verlängert.

Das Zeitfenster für einen Dialog mit Iran ist sehr klein, und in den vergangenen drei Jahrzehnten gab es viele Fehlversuche. Doch die US-Regierung hat jetzt sehr viel getan, um das Zeitfenster offenzuhalten. Ob der Dialog gelingen wird, hängt damit vor allem von der Schärfe des iranischen Wahlkampfs ab.

Internationale Unterstützung für Obama wäre gewiss hilfreich. Einer meiner Onkel fragte mich am Telefon, wann denn eine Norouz-Ansprache von Kanzlerin Angela Merkel zu erwarten sei. "Gar nicht" war meine Antwort.

Nicht nur die Iraner beneiden die Amerikaner derzeit um ihr Staatsoberhaupt.

Irans Atomprogramm

Streit

AP
Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Anlagen

Geschichte

Sanktionen

Nahost

Personen

Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung

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