Von Mathieu von Rohr
Steinbrück war bestimmt verblüfft über die extremen Reaktionen, die er erntete: Vermutlich hatte er sich über seine Sprachbilder ebenso wenig Gedanken gemacht wie über seinen Habitus. Er sprach so, wie er auch gegenüber deutschen Journalisten sprechen würde - Deutsch halt. Doch Deutsch ist nicht überall die gleiche Sprache, und die aggressive Klarheit von Steinbrücks Worten ist selbst in Deutschland umstritten. In der Schweiz hingegen, wo man immer eine Spur zu freundlich ist, um ja nicht unfreundlich zu erscheinen, wirkten Steinbrücks Worte wie ein Artillerieangriff.
Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer sagte in der "Neuen Zürcher Zeitung": "Herr Steinbrück kommt mir so vor wie ein ganz normaler deutscher Kunde, der in den Laden kommt und sagt: Ich krieg die Wurst da! Und dann kriegt er sie und bezahlt sie. Das würde ein Schweizer nie tun. Der würde sagen: Darf ich bitte möglicherweise dieses Würstlein dort haben, bitte sehr? Und an diesem Kulturunterschied im Sprechen scheitert auch das Jetzige."
Steinbrück interpretierte die Wut der Schweizer später so, als ob sie ein Resultat seines erfolgreichen Kampfs gegen Steueroasen sei. Doch nicht Steinbrück hatte das Bankgeheimnis erledigt, sondern die Briten und die Amerikaner. Steinbrück bot sich den Schweizern nur als Sündenbock an, indem er die Karikatur des "hässlichen Deutschen" mit Leben ausfüllte.
Die Schweizer Außenministerin bestellte den deutschen Botschafter ein, um ihm mitzuteilen, wie "inakzeptabel, aggressiv und beleidigend" der Minister sich geäußert habe. Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung wurden in Schweizer Medien amerikanische Indianerhäuptlinge interviewt, der Chefredakteur des "Tages-Anzeigers" schilderte zum Beweis für deutsche Arroganz seine Erfahrungen mit der Sekretärin von Steinbrücks Pressesprecher, die auf seine freundliche Anfrage hin einfach den Hörer aufgelegt habe - und die "Bild am Sonntag" stellte einen Papp-Steinbrück in der Zürcher Bahnhofstraße auf, um die Reaktionen zu testen.
Der Nazi-Vergleich trifft die Stimmung der Stammtische
Das Possenhafte der Auseinandersetzung verdeckt, wie tief der Zorn vieler Schweizer über Steinbrück reicht. Weil sie seine Worte als so massiv empfanden, vergriffen sich manche bei ihrer Antwort auch massiv im Ton: Man konnte es an den unflätigen Briefen sehen, die an die deutsche Botschaft in Bern und auch an den SPIEGEL geschickt wurden, und auch wenn der christdemokratische Abgeordnete Thomas Müller wegen seines Nazi-Vergleichs vom Präsidenten seiner Partei sofort gerügt wurde, so traf er doch die Stimmung an vielen Stammtischen.
Und so ist die Affäre um Steinbrück auch eine Geschichte über Schweizer Empfindlichkeit und deutsche Empfindungslosigkeit, und es ist eine Geschichte über ein Verhältnis, von dessen Schwierigkeiten viele Deutsche gar nichts wissen.
Das Problem ist, dass sich Deutsche und Schweizer in Wahrheit so gut wie gar nicht kennen, sich aber zu kennen glauben. Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern ist auf beiden Seiten stark geprägt von Klischees, so sehr wie kaum irgendwo in Europa zwischen zwei Nachbarstaaten.
Die Schweizer leiden darunter, von den Deutschen nicht ernst genommen zu werden, sie wissen, dass die Deutschen, mehr noch die Norddeutschen, sie als putziges Bergvolk mit einer lustigen Sprache sehen, als heiles Urlaubsland, nicht als die multikulturelle, globalisierte Ökonomie, die sie sind; und sie wissen eher selten, dass es in Deutschland neben diesem positiven, idyllisierten, falschen Bild ihres Landes noch ein zweites, negatives, ebenso falsches gibt, vor allem bei der Linken verbreitet: die Schweiz, ein spießiger Hort unrechtmäßig erworbenen Reichtums.
Ein Kommentar zu der Angelegenheit in der "Bild-Zeitung" steht stellvertretend für den deutschen Blick: "Schade um dieses schöne Land und seine sympathischen Bewohner. Heidi, die bekannteste aller Schweizerinnen, hätte auf ihrer Alm hoch droben in den Bergen über all das nur fröhlich gelacht", schrieb der Autor. Es ging offensichtlich nicht um die reale Schweiz, sondern um ein Phantasieland. Doch viele Deutsche denken genau daran, wenn sie an die "Eidgenossen" denken - ähnlich, wie wenn den Amerikanern beim Gedanken an "Germany" Dirndl, Bratwurst und Volkswagen einfallen.
Die Deutschschweizer kennen Deutschland aus dem Fernsehen, sie empfangen ja alle Programme, und sie kennen es eben doch nicht, weil sie kaum je dorthin fahren. Deutsche nicht zu mögen ist Teil ihrer Folklore. Deutsche sind die ungeliebten Verwandten, zu denen man zwar eine gewisse Ähnlichkeit erkennt und gerade deswegen die Unterschiede betont.
Die Deutschen nehmen die Schweizer kaum wahr
Die Deutschen nehmen die Schweizer dagegen meist gar nicht wahr - deutsche Medien berichten selten über mehr als über Berge, Blocher und Bankgeheimnis, und Deutsche, die in die Schweiz ziehen, sind oft überrascht, dass das, was sie für Schweizerdeutsch hielten, Schweizer Hochdeutsch ist, während das echte Schweizerdeutsch für sie unverständlich bleibt.
Das komplizierte Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen ist in den vergangenen Jahren noch komplizierter geworden - angesichts von 3000 Einwanderern pro Monat aus Dresden, Lübeck und Fulda, erscheint Deutschland den Schweizern als wirtschaftlicher Problemfall. Zusammen mit den immer neuen Angriffen auf das Bankgeheimnis scheint es ihnen nun manchmal, als hätten es die Deutschen auf ihren Reichtum abgesehen.
Deutsche Politiker äußern sich traditionell kaum je zur Schweiz. Sie kommen auch kaum noch zu Besuch, anders als zu Zeiten Helmut Kohls, der ein großer Schweiz-Freund war. Angela Merkel kommt nur, um das Engadin mit ihren Langlaufskiern zu durchqueren.
Steinbrück war der erste deutsche Politiker seit langer Zeit, der überhaupt wieder etwas zur Schweiz zu sagen hatte - nur eben nichts Positives. Sein Schweizbild gleicht nicht der idealisierten Postkarte, von der die deutschen Nachkriegskinder so gerne träumten, sondern eher dem sozialdemokratischen Zerrbild von den Nazigoldverwaltern, die ihren Wohlstand auf Kosten des deutschen Staates errichtet haben: ein ebenso simples Klischee und für das Image der Schweiz weit gefährlicher.
"Die Deutschen nehmen nach 50 Jahren die Schweizer erstmals überhaupt wahr", sagte in der NZZ Urs Widmer, "und sehen sie nicht mehr nur als liebe Zwerge, bei denen man Ferien machen kann."
Peer Steinbrück sieht sie offenbar als räuberische Coyoten, denen man die Beute mit der Winchester abjagen muss.
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