Von Moritz Gathmann, Moskau
Eine schwarzhaarige Schönheit wandert am Strand des Schwarzen Meeres entlang, dazu erklingt seichte Synthesizer-Musik. Dann streichelt die Frau ihre Brüste, räkelt sich im Licht der untergehenden Sonne.
Was wie der klassische Anfang eines Sexfilmchens aussieht, ist in Wirklichkeit der Wahlwerbespot von Jelena Berkowa, 23, ehemaliger Pornostar und nun selbsternannte Kandidatin der "Partei der Liebe". Mit dem Slogan "Freiheit, Treue, Fürsorge" und der nackten Wahrheit über sich selbst wollte sie die gut 300.000 Einwohner von Sotschi dazu bringen, am 26. April für sie zu stimmen. Populär geworden ist sie in Russland unter anderem als "Big Brother"-Teilnehmerin und Darstellerin der Filme "Wikinger bevorzugen Amazonen" und "Jelena Berkowa und der Schokoladenhase".
Die Bürgermeisterwahl des am Schwarzen Meer gelegenen Kurorts, in dem 2014 die Olympischen Winterspiele stattfinden sollen, gerät immer mehr zu einem absurden Spektakel. Dem Kreml kann das nicht Recht sein - denn die Spiele sind ein Projekt von nationaler Bedeutung und sollen das Image des Landes in der Welt verbessern.
An einer Porno-Queen, die die internationalen Delegationen begrüßt, hätte Premier Wladimir Putin sicher wenig Freude gehabt. Die politischen Ambitionen Berkowas sind jedenfalls unter mysteriösen Umständen ausgebremst worden - ihr Name steht nicht auf der offiziellen Kandidatenliste. Ihr Emissär, der am Mittwoch in Sotschi 10.000 Dollar Wahlkaution hinterlegen und die Unterlagen einreichen sollte, ist verschwunden. "Ich weiß nicht, wen ich beschuldigen soll: vielleicht den Kreml oder die Leute von Boris Nemzow", sagte ihr Produzent Aleksandr Walow am Freitag SPIEGEL ONLINE. Allerdings will Walow auch nicht ausschließen, dass der Mann sich einfach mit den 10.000 Dollar aus dem Staub gemacht hat.
Ammoniak-Angriff auf Kandidaten
Im Rennen um den Bürgermeisterposten von Sotschi sind nun 25 Kandidaten - darunter Rentner, Arbeitslose, Oligarchen und Stanislaw Korezkij, seines Zeichens Vorsitzender der "Armdrück-Föderation" von Sotschi.
Echte Chancen hätte Berkowa ohnehin nicht gehabt, denn es bewerben sich politische Schwergewichte. Der bekannteste russische Oppositionspolitiker und frühere Vizepremier Boris Nemzow befindet sich schon mitten im Wahlkampf - und wurde dabei kürzlich von unbekannten Tätern mit Ammoniak angegriffen. Weitere Konkurrenten sind der milliardenschwere Moskauer Geschäftsmann Alexander Lebedjew, der örtliche Kommunistenführer Jurij Dsaganja und Anatolij Pachomow, Kandidat der Putin-Partei Einiges Russland.
Letzterer führt derzeit die Amtsgeschäfte, nachdem der Bürgermeister der Stadt vor wenigen Monaten zurückgetreten war. Pachomow wird von Experten auch der Sieg vorausgesagt. Allerdings wächst in der Stadt das Protestpotential - viele Einwohner sind unzufrieden, weil sie im Zuge der Bauarbeiten für Olympia ihre Häuser verlieren und umgesiedelt werden sollen.
Einen Monat vor der Wahl reichte auch die frühere Primaballerina des Bolschoi-Theaters Anastassija Wolotschkowa ihren Antrag zur Teilnahme an der Wahl in Sotschi ein. Die Einwohner der Stadt hätten sie um eine Kandidatur gebeten: "Ich habe natürlich keine Erfahrungen in der Politik, aber ich könnte als Frau agieren", sagte sie in einem Interview.
Ebenfalls im letzten Moment gab Andrej Bogdanow, Vorsitzender der Demokratischen Partei Russlands, seine Kandidatur bekannt. Der 37-Jährige, der Russland in die Europäische Union führen will, ist eine der rätselhaftesten Figuren der politischen Szene. Bei der jüngsten Präsidentschaftswahl trat der bekennende Freimaurer gegen Dmitrij Medwedew an - und wurde anders als die übrigen Oppositionskandidaten zur Wahl zugelassen. Experten erklärten das damit, dass Bogdanow in Wirklichkeit eine Kreml-Marionette sei, die den echten Liberalen die Stimmen abgraben solle.
Der skandalträchtigste Kandidat zieht zurück
Die skandalträchtigste Kandidatur für das Bürgermeisteramt ist allerdings inzwischen zurückgezogen - vor zwei Wochen kündigte Andrej Lugowoi noch an, er werde sich um das Amt bewerben. Der Mann wird von den britischen Behörden beschuldigt, 2006 den ehemaligen KGB-Agenten Alexander Litwinenko in London mit Polonium vergiftet zu haben.
Reporter in aller Welt berichteten über diese Verhöhnung der olympischen Idee. Der Sturm der Entrüstung war offenbar stark genug, dass sich seine Liberaldemokratische Partei Russlands im letzten Moment für einen weniger skandalösen Kandidaten entschied.
Am 26. April ist Wahltag. Mögen die Spiele beginnen.
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