Aus Gulu berichten Friederike Freiburg und Horand Knaup
Calvin war noch wenige Meter vom Dorfrand entfernt, als plötzlich Schüsse fielen. Erst einzelne, dann ganze Salven. Dutzende von LRA-Rebellen erhoben sich aus dem hohen Gras, schossen und stürmten auf das Dorf zu. Calvin warf sich in Deckung. "Es war furchtbar", sagt er. "Ich lag mitten im Kugelhagel. Aus dem Dorf rannten sie in alle Richtungen davon." Allen voran die 40 ugandischen Soldaten, die Lukodi eigentlich verteidigen sollten.
Da rappelte sich auch Calvin auf, es war seine letzte Chance. Die Rebellen sahen ihn und schossen hinter ihm her, er schlug Haken und einen Bogen um das Dorf, er lief und lief, bis er sich in einem Wäldchen erschöpft ins Gras fallen ließ. Die Nacht verbrachte er im Busch, erst am nächsten Morgen traute er sich in den Ort zurück und sah, was davon übrig geblieben war. 56 Tote zählten die überlebenden Dorfbewohner am nächsten Morgen, Dutzende von Hütten niedergebrannt, das Vieh geraubt. Sieben Tote lagen allein in Calvins zerstörtem Rundbau. Sein vierjähriger Sohn, seine Mutter, mehrere Brüder - alle tot.
Es waren Konys Leute, die über Lukodi hergefallen waren. Warum? Calvin weiß es nicht. Einige der Mörder leben heute im 20 Kilometer entfernten Gulu. Doch darüber will er sich keine Gedanken machen. Über eines allerdings denkt er sehr oft nach: über jene schrecklichen Stunden im Mai.
Das traumatisierte Lukodi hat - wie viele Dörfer im Norden Ugandas - seinen Lebensrhythmus nach dem 19. Mai 2004 nicht mehr gefunden. Auch wenn viele zurückgekommen und andere dazugestoßen sind. In vielen Dörfern verschonte die LRA bei ihren Überfällen nur die Alten und einige Frauen - sie stellten keine Gefahr dar (wie die Männer) und keinen Nutzen (wie die Kinder). Greisinnen müssen sich nun um ein halbes Dutzend Kleinkinder gleichzeitig kümmern, weil deren Eltern tot oder verschleppt sind. Witwen, Waisenkinder, vielfach vergewaltigte Mädchen, ehemalige Kindersoldaten: Alle leben hier auf engem Raum und versuchen, zu einer Normalität zurückzufinden. Doch die gibt es nicht.
"Wo soll ich denn hin?"
Wie Michael ringen Tausende ehemalige Kindersoldaten nach ihrer Rückkehr aus dem Busch um ein neues Leben. Doch besonders schwer haben es Mädchen, die von den Rebellen entführt wurden. Mal zu Kämpferinnen gedrillt, mal als Sexsklavinnen missbraucht, kehren sie oftmals erst Jahre später aus dem Busch zurück, als mehrfache Mütter, von ihren Familien aus Scham verstoßen, ohne Anschluss, ohne Schuldbildung oder Perspektive.
So geht es auch Florence Ameny. Sie war 13, als die LRA-Leute sie mitnahmen. "Jedes Mädchen wurde vergewaltigt", erzählt Florence, auch sie selbst. Wer beim Fluchtversuch erwischt wurde, musste sterben, der wurde erschossen, mit Macheten zerhackt, verbrannt oder ertränkt, oft auch vor den Augen der anderen. Zur Abschreckung. Florence gelang schließlich die Flucht. Mit drei Kindern und einer HIV-Infektion kam sie 2004 heim, der jüngste Sohn war damals drei. Was sie sich wünscht? "Ein Zuhause", sagte sie. "Wo soll ich denn hin?"
Hilfe zu bekommen, dürfte in Gulu eigentlich kein Problem sein. Schließlich gilt der Landstrich als die Region mit einer der höchsten Konzentrationen von Hilfsorganisationen weltweit. USAID, World Food Programme, Unicef, Caritas, Child Voice International, World Vision - im November 2008 zählte das Uno-Büro für die Koordination humanitärer Angelegenheiten (Ocha) insgesamt 88 unterschiedliche Hilfsorganisationen im Bezirk Gulu.
Verkohlte Hütten unterm Mangobaum
Doch gerade das ist das Problem, die Hilfsorganisationen - das findet jedenfalls Norbert Mao, Vorsitzender des Regierungsbezirks Gulu, ein gemäßigter Konservativer, der auch einige Jahre im Parlament in Kampala saß. Durch die massive Präsenz ausländischer Hilfsorganisationen, vor allem auch nicht staatlicher (NGO), seien die Preise für Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände in den vergangenen Jahren rasant angestiegen, klagt er. Fachleute würden oftmals von Hilfsorganisationen abgeworben - "wir können diese Gehälter nicht bezahlen", sagt Mao. "Wenn es in Gulu eine eigene Staatsangehörigkeit gäbe, hieße sie NGO."
Der Helfer tun nach Maos Ansicht oft genug nicht das, was die Region braucht. "Jede Woche kommt irgendeine Delegation, wir unterhalten uns, dann schreiben sie dicke Berichte, versprechen uns Gelder - und wir sehen nie etwas davon", sagt der 42-Jährige. "Wir als Volk wollen mitreden, mitbestimmen, dafür sorgen, dass die Menschen Steuern zahlen können. Aber oft genug bekommen wir nur ein Konzept vorgesetzt, das nicht mehr verhandelbar ist."
Und so fühlen sich etliche einstige Kindersoldaten, Waisenkinder, Vergewaltigte und Geschundene noch immer alleingelassen im Bezirk Gulu, in dem doch so viele helfen wollen. Die Bewohner von Lukodi, die das Massaker im Mai 2004 überlebten, versuchen, die Bruchstücke ihres alten Lebens wieder zusammenzufügen. Erst einige wenige Hütten sind wiederaufgebaut, angefangene Mauern stehen am Rande eines staubigen Platzes. Neben einem mächtigen Mangobaum sind die verkohlten Überreste eines Rundbaus zu sehen. Dort sind vor fünf Jahren mehrere Menschen verbrannt. Wie soll man hier eine Zukunft planen?
Eine Alte humpelt heran, gestützt auf einen langen Stab. "Dieses Dorf sah früher nicht so aus", sagt die Dorfälteste. "Wir hatten ein richtiges Zuhause." Und die Zukunft? Sie zuckt die Schultern. "Ich weiß es nicht", sagt sie und seufzt. "Vielleicht hat nicht einmal mein Enkel eine Zukunft."
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