Arabischer Gipfel
Irans langer Schatten fällt auf Doha
Von Ulrike Putz, Beirut
Arabiens Großmächte sind besorgt: Kann Iran seinen Einfluss in Nahost dank des neuen Schmusekurses der USA weiter ausbauen? Beim jährlichen Treffen der arabischer Staaten in Katar versuchten die Iran-Gegner, dagegen Front zu machen.
Nach einem nahöstlichen Bonmot gibt es nur ein sicheres Rezept, um bei einem Gipfel der Arabischen Liga im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen: ihm fernzubleiben. Und so waren es folgerichtig zwei Abwesende, die das als "Versöhnungs-Gipfel" deklarierte jährliche Treffen der arabischen Staatschefs am Montag in Katar prägten: Ägyptens Präsident Husni Mubarak und Irans Staatschef Mahmud Ahmadinedschad. Der Iraner scheute wohl die Konfrontation mit seinen Gegnern, schützte "Terminschwierigkeiten" vor und schickte einen Vertreter nach Katar.
AFP
Teilnehmer des Gipfels der Arabischen Liga: Stimmung contra Iran
Der Ägypter war nicht so höflich: Mubarak kam nicht nach Doha, weil es ihm nicht passte, dass sein iranischer Kollege eingeladen war. "Wir akzeptieren keine Einmischung einer nicht-arabischen Macht und auch nicht, dass Kräfte innerhalb der arabischen Welt Befehle oder Unterstützung von dieser Macht entgegennehmen", hatte der ägyptische Justizminister Mufid Schehab die Absage seines Staatschefs mit deutlichen Worten begründet. Die Spitze galt dem Emir von Katar, der die umstrittene Einladung an den Perser ausgesprochen hatte.
Der Zwist um die Einladungen warf schon im Vorfeld ein Schlaglicht auf ein Problem, das die innerarabischen Beziehungen zunehmend belastet: Mit dem Einfluss Irans in der Region wächst die Uneinigkeit der arabischen Staaten, wie sie dem steigenden Machtanspruch Teherans entgegentreten sollen. Auf der einen Seite stehen Irans Alliierter Syrien und das Gastgeberland Katar, das sich gegenüber Iran in einer Politik des Wandels durch Annäherung versucht.
Auf der anderen Seite haben sich die prowestlichen Staaten wie Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien positioniert. Sie fürchten um ihre Vormachtstellung im Nahen Osten, sollten sich Teherans nukleare Träume verwirklichen. Zudem werfen sie Iran vor, die libanesische Hisbollah sowie die palästinensische Hamas zu unterstützen und so einen Frieden in Nahost zu verhindern.
Sorge bereitet vielen Staaten der Kurswechsel der USA
Neuen Zündstoff erhielt der Konflikt mit Iran vor wenigen Wochen: Teheran meldete plötzlich Ansprüche auf das Königreich Bahrain an, das de facto zum Staatsgebiet Irans gehöre. Fast geschlossen stellten sich die arabischen Staaten daraufhin auf die Seite des Kleinstaates, Ägypten bot Bahrain gar Militärhilfe an. Marokko brach seinen diplomatischen Beziehungen zu Teheran ab.
Sorge bereitet den prowestlichen, antiiranischen Arabern der Kurswechsel, den die neue US-Regierung in Sachen Iran vollzogen zu haben scheint. Die Ansprache zum persischen Neujahrsfest zum Frühlingsanfang von US-Präsident Barack Obama könnte das Ende einer Eiszeit markieren, die seit der Besetzung der US-Botschaft in Teheran 30 Jahre lang angehalten hat. Vor allem für die Golf-Staaten war die Animosität zwischen Washington und Teheran eine Konstante, auf die sie bauen konnten. Mit einem gemeinsamen Feind konnten Länder wie Saudi-Arabien auf andauernde amerikanische Unterstützung setzen. Nun herrscht Unsicherheit, was die USA im Bezug auf den Iran wollen - und was das für ihre Partner in der Region bedeutet. Obamas Fernsehansprache jedenfalls ging weiter, als es vielen arabischen Partnern der USA lieb war: Nicht nur, dass
der Präsident Iran eine "Partnerschaft" anbot, das iranische Nuklearprogramm erwähnte er nur in Andeutungen.
Ob Teheran die ausgestreckte Hand ergreift und sich auf eine "Partnerschaft" mit den USA einlässt, wird sich vermutlich erst nach den iranischen Präsidentschaftswahlen im Juni zeigen. Meint Washington sein Angebot ernst, muss es sich so lange in Geduld üben und wenig Druck auf Teheran ausüben - eine Aussicht, die bei seinen arabischen Partnern für Bauchschmerzen sorgt.
Republik Iran
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten
Erdgasreserven der Welt, beim
Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell
Ajatollah Ali Chamenei, und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit 2005 Mahmud Ahmadinedschad.
Iran hat rund
72 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 84 (Deutschland ist auf Platz 22). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 70 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 79 Jahren).
Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der
Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die
Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Nach China ist Iran das Land, in dem die
meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95).
Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).
Dass der Streit mit Iran politischer Sprengstoff ist, der letztlich in der Region selbst entschärft werden muss, hatte der saudische Außenminister Prinz Saud al-Faisal schon vor dem Gipfel von Doha erkannt: Die eigentliche Herausforderung für die arabischen Staaten sei Iran, mahnte der Prinz. Die mit dem Westen verbündeten Araber fürchten, dass sich Israel Iran annehmen könnte, sollten sie es nicht vorher selbst tun. Vermutlich diese Woche wird in Israel eine neue Regierung vereidigt: In ihr werden Politiker das Sagen haben, die schon lange laut über die Notwendigkeit eines Militärschlages gegen das iranische Atom-Programm nachdenken. Ein solcher Angriff könnte unabsehbare Folgen für die Anrainer des Iran haben - und soll deshalb verhindert werden.
Syrien wird von allen Seiten umworben
Trotz der Dringlichkeit, mit der viele Araber deshalb auf eine geeinte Position gegenüber Iran drängen: Gefunden wurde sie in Doha nicht. Stattdessen manifestierten sich die Differenzen. Syriens Präsident Baschar al-Assad wird seit Monaten vom Westen umworben, gegen Wirtschaftshilfen und Prestigegewinn soll er von Teheran abrücken. Mitte März versuchte auch Saudi-Arabien, einen Keil zwischen Damaskus und Teheran zu treiben, auch in Riad soll Assad viel Geld geboten worden sein, um seine Loyalitäten zu überdenken. Doch der Syrer wird seine alten Allianzen so schnell nicht aufgeben, dazu ist die Position des Umworbenen zu lukrativ. Folgerichtig stellte Assad sich in Doha erneut an die Seite Teherans: Er pochte auf das Recht auf Widerstand im Israel-Palästina-Konflikt und legitimierte so indirekt die iranische Einflussnahme in Libanon und Palästina.
Amr Mussa, Chef der Arabischen Liga, sprach für die Iran-Gegner, als er sagte, das iranischen Atomprogramm sei für alle Araber Anlass "zu größter Besorgnis". Um ein atomares Wettrüsten in Nahost zu vermeiden, forderte er ein regionales ziviles Atomprogramm, in dessen Rahmen auch der Iran seine atomaren Träume verwirklichen könne. Das hätte noch als ein Angebot zur Güte durchgehen können, hätte Mussa nicht gleich darauf zu einem gezielten Schlag gegen Iran ausgeholt: Im Übrigen seien sich die arabischen Länder in ihrer Meinung zu drei Inseln im Persischen Golf einig, schob Mussa nach. Die Eilande wurden 1975 von Iran besetzt, gehören aber ursprünglich zum Territorium der Vereinigten Arabischen Emirate. Iran hat sich bislang geweigert, die Inseln zurückzugeben. In der Resolution von Doha soll Teheran dazu nun offiziell aufgefordert werden.
Irans Atomprogramm
Iran unterzeichnete 1968 den
Sperrvertrag für Atomwaffen
. Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der
Urananreicherung
.
Die
Internationale Atomenergiebehörde (IAEA)
mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das
iranische Atomprogramm
.
Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.
Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.
Arak
: geplanter Schwerwasserreaktor
Buschehr
: Atomkraftwerk, im Mai 2011 nach mehrfachen Terminverschiebungen in Betrieb genommen - zunächst zu Testzwecken. Im September 2011 ging der Reaktor in Regelbetrieb, allerdings noch nicht auf voller Leistung
Isfahan
: Forschungsreaktor
Jasd: Uranminen
Natans
: Anlage zur
Urananreicherung, angeblich mit 6000 Zentrifugen in Betrieb. Im Herbst 2009 gab Iran bekannt, nahe der Stadt Ghom eine zweite Anlage zur Urananreicherung zu besitzen.
Teheran
: Forschungsreaktor
1974: Unter Beteiligung von Siemens beginnt bei
Buschehr
der Bau eines Kernkraftwerks.
1979: Nach der Revolution und der Ausrufung der
Islamischen Republik
wird das Atomprogramm nicht weiter betrieben.
1980-1988: Im
Irak-Iran-Krieg
wird der Atomreaktor in Buschehr mehrfach bombardiert und dabei schwer beschädigt.
Neunziger Jahre: Deals auf dem Schwarzmarkt mit
Abdul Qadir Khan
, Pakistans "Vater der Atombombe"
1995: Abkommen mit Russland zum Wiederaufbau des Atomreaktors von Buschehr
2002: Iranische Oppositionelle im Exil berichten über ein geheimes Atomprogramm.
2003: Iran unterzeichnet das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (bislang aber nicht vom Parlament ratifiziert).
2006: Der Uno-Sicherheitsrat verlangt in seiner Resolution 1696 erstmals den Stopp der
Urananreicherung
.
Juli 2008: Iran droht bei einem Angriff auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen. Das Regime testet Schahab-3-Raketen, die auch Ziele in Israel erreichen könnten.
November 2008: Iran hat nach eigenen Angaben die Zahl seiner für die Urananreicherung benötigten Zentrifugen auf 5000 erhöht.
Juni 2009: Iran hat laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA weitere tausend Gaszentrifugen im Atomzentrum Natans in Betrieb genommen und bisher knapp 1,4 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mai 2010: Nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula und dem türkischen Regierungschef Erdogan erklärt sich Iran bereit, schwach angereichertes Uran im Ausland zu tauschen. Wenig später kündigt Teheran an, an der umstrittenen Urananreicherung auf 20 Prozent festhalten zu wollen.
Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat, die EU und die USA beschließen neue Sanktionen gegen Teheran. US-Präsident Obama spricht von den bisher härtesten Sanktionen überhaupt - doch Beobachter bleiben skeptisch, ob die Strafmaßnahmen Erfolg bringen.
Uno-Sanktionen: Verbot von Waffen- und Nuklearhandel, Einfrieren von Konten, Reisebeschränkungen, verhängt in
Resolution 1737
(23.12.2006),
Resolution 1747
(24.03.2007),
Resolution 1803
(03.03.2008)
Sanktionen der USA: Vollständiger Handels- und Investitionsboykott, beruhend auf Executive Order 12959 von 1995, neue Sanktionen im Juni 2010
Sanktionen der EU: Einschränkungen für Handel und Investitionen, Einfrieren von Vermögen, Reisebeschränkungen, beruhend auf Verordnung (EG) Nr. 423/2007 des Rates (19.04.2007)
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad
erklärt, das israelische "Besatzungsregime" müsse "aus den Annalen der Geschichte verschwinden".
Israelische Politiker, darunter auch Kabinettsmitglieder, sprechen sich für präventive Militärschläge gegen Iran aus.
Said Dschalili
, Atomunterhändler seit Oktober 2007
Yukiya Amano
, Generaldirektor der IAEA
Oktober 2009: Vertreter Irans, Deutschlands und der fünf Vetomächte im Sicherheitsrat kommen zu Atom-Gesprächen in Genf zusammen.
November 2009: Die IAEA kritisiert in einer Resolution die jahrelang geheim gehaltene iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom. Teheran reagiert mit der Ankündigung, zehn neue Uran-Anlagen zu bauen.
Dezember 2009: Iran testet die Mittelstreckenrakete Sedschil 2. Diese habe größere Zielgenauigkeit als das Vorgängermodell Schahab 3.
2. Februar 2010: Ahmadinedschad zeigt sich bereit, auf einen Vorschlag der IAEA einzugehen, der eine Anreicherung iranischen Urans auf 20 Prozent im Ausland vorsieht. Wenige Tage später rudert er wieder zurück.
7. Februar 2010: Iran verkündet, man habe niedrig angereichertes Uran von 3,5 auf 20 Prozent gebracht und sei in der Lage, es auf 80 Prozent anzureichern. Damit könnten Atomwaffen hergestellt werden.
11. Februar 2010: US-Präsident Barack Obama kündigt als Reaktion umfangreiche neue Sanktionen gegen Iran an.
1. April 2010: Nach langem Widerstand gegen neue Sanktionen ist China bereit, sich an den Verhandlungen über den Text einer verschärften Uno-Resolution zu beteiligen.
25. April 2010: Zur Abwehr neuer Sanktionen besucht Irans Außenminister Manutschehr Mottaki Österreich. Gespräche mit dem Chef der IAEA, Yukija Amano, und Österreichs Außenminister Michael Spindelegger bringen jedoch keinen Durchbruch.
17. Mai 2010: Nach Verhandlungen mit Brasilien und der Türkei lenkt Iran ein und will Uran im Ausland anreichern lassen. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert skeptisch auf die Ankündigung.
9. Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat beschließt schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie beinhalten weitere Hürden für die iranische Finanzbranche und eine Ausweitung des Waffenembargos. Auch die USA und die EU setzen schärfere Maßnahmen gegen Iran in Kraft.
Januar 2011: Die Atomgespräche zwischen Iran und den westlichen Mächten in Istanbul scheitern. Teheran hatte weiterhin "ein Recht auf Urananreicherung" gefordert.
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