Straßburg - Die klaren Worte des US-Präsidenten wirkten: Nach dem Appell von Barack Obama an die Europäer, ihren militärischen Einsatz in Krisengebieten auszubauen, haben mehrere Staaten Zustimmung signalisiert. Allen voran will Frankreich sein Engagement in Afghanistan verstärken. Sein Land sei bereit, bei Polizeiausbildung und wirtschaftlicher Hilfe mehr als bisher zu helfen, sagte Präsident Nicolas Sarkozy.
Er bleibe aber dabei, keine weiteren Soldaten an den Hindukusch zu schicken, betonte er nach seinem ersten bilateralen Treffen mit Obama. Die Begegnung fand im Vorfeld des am Abend beginnenden Nato-Gipfels statt, auf dem die Afghanistan-Strategie ein Schwerpunkt ist.
Er könne Zweifel gegen Militäreinsätze verstehen, sagte Obama später vor französischen Jugendlichen. Dieser sei aber "unentbehrlich für die gemeinsame Sicherheit". Ein Angriff der Qaida-Terroristen auch auf Europa sei sehr wahrscheinlich. Obama warb zugleich für die neue US-Strategie am Hindukusch, die eine enge Verbindung von militärischen Aktionen mit zivilem Wiederaufbau vorsieht: "Wir wollen Fortschritt schaffen, damit die Menschen in Afghanistan eine Chance haben", sagte der US-Präsident.
Obama will unter anderem mit einer befristeten Truppenaufstockung und dem massiven Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte eine Wende im Kampf mit den islamistischen Taliban herbeiführen.
Auch Großbritannien sagte kurz nach der Ankunft des Premierministers Gordon Brown in Deutschland völlig überraschend zusätzliche Truppen für Afghanistan zu. Aus Diplomatenkreisen erfuhr SPIEGEL ONLINE, dass die Briten mehrere hundert Soldaten für die Wahlphase in Afghanistan im Sommer und Frühherbst schicken wollen. Die Entscheidung wirkte ziemlich spontan, mehrere hochrangige Mitarbeiter aus dem Verteidigungsministerium zeigten sich überrascht von der Zusage. Großbritannien hat seine Truppen in einem der gefährlichsten Gebieten Afghanistans, im umkämpften Süden des Landes, stationiert.
Zaghafte Zusagen von Spanien und Belgien
Belgien und Spanien sagten zu, zusätzliche Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Wie der belgische Regierungschef Herman Van Rompuy mitteilte, werden rund 60 weitere belgische Soldaten in Afghanistan stationiert. 25 Soldaten sollen demnach mit zwei zusätzlichen F-16-Kampfflugzeugen nach Kandahar verlegt werden, 35 werden bis Ende 2010 für die Ausbildung der afghanischen Armee abgestellt. Das belgische Verteidigungsministerium hatte zuvor noch von 150 zusätzlichen Soldaten gesprochen. Seine Finanzhilfen für Afghanistan will Belgien zudem auf zwölf Millionen Euro verdoppeln, wie Van Rompuy weiter mitteilte.
Spanien kündigte die Entsendung von zwölf zusätzlichen Soldaten an. Wie die stellvertretende Regierungschefin María Teresa Fernández de la Vega in Madrid ankündigte, sollen sie sich ebenfalls an der Ausbildung der afghanischen Armee beteiligen. Eine weitere Truppenaufstockung zur Sicherung der Wahlen in Afghanistan im August wird ihren Angaben zufolge noch geprüft.
Belgien beteiligt sich bislang mit rund 500 Soldaten an der Nato-Truppe Isaf, Spanien hat 780 Soldaten in Afghanistan stationiert. Insgesamt sind 62.000 Soldaten unter dem Kommando des Militärbündnisses in Afghanistan im Einsatz. Die USA haben angekündigt, in diesem Jahr 21.000 weitere Soldaten an den Hindukusch zu entsenden. Deutschland schickt auf Drängen Washingtons 600 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan.
Welt ohne Atomwaffen
Sarkozy hatte auch zugesagt, einen Gefangenen aus dem umstrittenen US-Lager Guantanamo aufzunehmen. Obama erklärte, er wolle Guantanamo schließen, "weil es die USA nicht sicherer gemacht hat". Er brauche dabei aber Hilfe der Verbündeten, weil es unter den Gefangenen Personen gebe, die weiter als gefährlich eingestuft würden, die aber nicht in ihre Herkunftsländer zurückgebracht werden könnten.
Obama sorgte nach seinem Sarkozy-Auftritt mit einem anderen ehrgeizigen Vorhaben für eine Überraschung: Auf dem EU-USA-Gipfel in Prag werde er Einzelheiten eines Fahrplans für eine Welt ohne Atomwaffen vorstellen, sagte Obama anschließend bei einer Versammlung vor Tausenden Jugendlichen. "Auch nach Ende des Kalten Krieges kann die Verbreitung von Kernwaffen oder der Diebstahl von spaltbarem Material zur Auslöschung jeder Stadt auf dem Planeten führen."
Zum Jubiläumsgipfel anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Nordatlantikpaktes kommen die 28 Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten am Freitag und Samstag in Baden-Baden und Straßburg zusammen. Vorher will Obama noch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unter vier Augen sprechen. Der eigentliche Gipfel beginnt am Abend mit einem Arbeitsessen in Baden-Baden, Merkel und Sarkozy wollten die Delegationen gemeinsam empfangen. Im Kern der Debatte wird ein gemeinsamer Ansatz zur Lösung des Konfliktes in Afghanistan stehen.
Zudem steht die Nachfolge von Nato-Chef Jaap de Hoop Scheffer an: Merkel ging am späten Nachmittag davon aus, dass die Gipfelteilnehmer am Abend einen neuen Generalsekretär bestimmen werden. "Wir wollen heute Abend die Nachfolge bestimmen", sagte Merkel kurz vor ihrem Treffen mit Obama. Sie wünsche sich wie viele andere Staats- und Regierungschefs, dass der dänische Regierungschef Anders Fogh Rasmussen den Posten übernehme.
Die Proteste gegen den Nato-Gipfel in Baden-Baden hielten sich derweil in Grenzen - am Rande gab es vereinzelt Ausschreitungen, die Polizei ging mit Tränengas gegen Demonstranten vor. Am Donnerstag war es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Gipfelgegnern und Polizisten gekommen.
amz/dpa
Auf anderen Social Networks posten:
... während Ihr Beitrag wieder komplett ausblendet, daß die NATO mit Ende des kalten Krieges und dem Kollaps der Sowjetunion die Existenzberechtigung verloren hat. Bloß gut, daß der kalte Krieg gegen den "War on Terror [...] mehr...
Hier wird in beiden Fällen wieder komplett ausgeblendet, dass nicht die NATO in AFG das Sagen hat, sondern die UN und ihr ureigenes ISAF-Mandat. Wenn die UN, die ISAF Ende 2001 mandatiert hat, der NATO das 2003 übertragene [...] mehr...
Nicht einmal die Sowjetunion konnte in Afghanistan eine dauerhafte Stabilität schaffen. Sobald die NATO-Staaten abgezogen sind, zerfällt Afghanistan in einzelne Stammesgebiete. Deshalb sollten es nicht als Messlatte für die [...] mehr...
Da die NATO nicht einmal den Afghanistan-Krieg gewinnen kann, sollte man sie endlich auflösen. Oder welchen Krieg soll die NATO als nächstes führen? mehr...
Zu kurz gesprungen. Der Hauptgrund der Mitgliedschaft der Türkei in der NATO war die Bedrohung der Sowjets von Süden her. Das das die Totalvernichtung der Türkei bedeutet hätte, ist wahrscheinlich noch kein Allgemeingut in [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH