Aus Kigali berichtet Simone Schlindwein
Es ist ein friedlicher Sonntagmorgen in Mbyo, einem Dorf in Ruanda. Matthieue Sedangiye sitzt bei seiner Nachbarin Jeannette in der Hütte auf der Holzbank. Er schaukelt ihren Sohn auf dem Arm. Jeannette macht sich für die Kirche schick. Wenn sie zu Sedangiye und ihrem Sohn hinüberblickt, lächelt sie.
Das Wort friedlich scheint noch immer nicht zu Ruanda zu passen. 15 Jahre nach dem Genozid sitzt das Trauma tief, noch immer ist die Gesellschaft gespalten. Noch immer ist das Misstrauen zwischen Hutus und Tutsis groß. Und dass Jeannette ihren Nachbarn auf ihren Sohn Emmy aufpassen lässt, während sie in der Kirche ihrer ermordeten Verwandten gedenkt, ist nicht selbstverständlich. Auch für Sedangiye nicht.
Sendangiye ist ein Massenmörder. Er hat die sechsköpfige Familie des Dorfpfarrers umgebracht. Selbst den vierjährigen Sohn hatte er in Stücke gehackt. Während er redet, imitiert Sedangiye, wie er die Machete geschwungen hat. Sedangiye ist Hutu.
Jeannette ist Tutsi. Sie hat als einzige aus ihrer Familie das Massaker überlebt. Sie musste mit ansehen, wie ihr damaliger Nachbar ihre drei Schwestern, Vater und Mutter umbrachte. "Ich hätte nie gedacht, dass ich je wieder neben einem Hutu leben könnte", sagt sie. Doch sie hat keine Wahl.
"Ruanda - das sind du und ich" - so die Versöhnungskampagne
In den vergangenen Jahren sind durch Erlasse des Präsidenten Paul Kagame 60.000 Täter aus den überfüllten Gefängnissen entlassen worden. Sie sind in ihre Dörfer zurückgekehrt. Und wie in Mbyo wohnen heute überall in Ruanda Tutsi Tür an Tür mit den Hutu-Mördern ihre Nachbarn und Familien.
Folgt man den staatlich gesteuerten Medien, so existiert der Konflikt zwischen Tätern und Opfern nicht: Die Unterscheidung in "Hutu" und "Tutsi" ist heute ein Tabu. "Wir sind alle Ruander", oder "Ruanda - das sind du und ich", heißt es in den Versöhnungskampagnen.
Auch die Justiz setzt in Ruanda auf Versöhnung statt auf Bestrafung. Den Grund dafür erklärt Martin Ngoga, Generalstaatsanwalt. In seinem seinem Büro stapeln sich Akten, vergilbt und verstaubt - aber nicht verjährt. Es sind Akten des Völkermordes. Im Frühjahr 1994 wurden in hundert Tagen fast eine Million Menschen, mehrheitlich Tutsi, regelrecht abgeschlachtet. Ngogas Rechnung nach gibt es mehr Täter als Opfer. Meist habe eine Gruppe von Tätern gemeinsam ein Opfer ermordet, erklärt er: "Es sind so viele, wir können sie gar nicht alle zu Lebzeiten verurteilen." Über den Daumen gepeilt: mehr als eine Million.
Ein Großteil der Täter saß nie im Gefängnis
Ein Genozid solchen Ausmaßes bringt jedes Justizsystem an seine Kapazitätsgrenzen. Doch Ruanda musste nach 1994 die Justiz von Null aufbauen: Nur zwölf Richter hatten den Völkermord überlebt. Sie konnten in den Jahren nach dem Genozid 6000 Verfahren durchführen. Währenddessen saßen über 200.000 mutmaßliche Mörder in den Gefängniszellen. Ein Großteil der Täter lief noch immer frei herum.
Ngoga und seine Kollegen haben dafür eine pragmatische Lösung gefunden: die Gacaca-Dorfgerichte. "Gacaca" bedeutet "das grasige Feld". Gacacas dienten traditionell als Schiedsgerichte: Die Gemeinde kam auf einer Wiese zusammen, die Dorfältesten schlichteten einfache Nachbarschaftsstreitigkeiten.
Heute wird vor den Gacacas der Genozid aufgearbeitet. Ein paar Mal pro Woche kommen rund 12.000 Gacaca-Gerichte zusammen - es ist die größte juristische Aufarbeitung von Verbrechen, die die Welt je gesehen hat. Dabei geht es nicht um Bestrafung. Ein Geständnis zu erlangen, die Gebeine der Opfer zu finden - das ist das Ziel von Gacaca. Und es geht darum, dass die Täter die Gemeinde um Vergebung bitten. Dann, und nur dann, kommen sie frei.
Sedangiye spricht heute offen über seine Tat: Der Bürgermeister habe ihm befohlen, die Tutsis umzubringen, er habe ihm die Machete in die Hand gedrückt - frisch geschärft. Dafür durfte der Bauernjunge das Haus und die Rinderherde der Tutsi übernehmen. "Das war ein guter Grund, es zu tun", sagt er. Manchmal ist die schreckliche Wahrheit ganz einfach.
Der Genozid an den Tutsi war ein lang geplanter und von den Hutu-Extremisten in der damaligen Regierung befohlener Völkermord. Mittels Hasstiraden im Radio wurden die Tutsis entmenschlicht, als "Schlangen" oder "Kakerlaken" beschimpft - Ungeziefer, das es auszurotten galt. Mit Macheten wurden sie dann von Männern wie Sedangiye in Stücke gehackt.
Ruanda will die Drahtziehern selbst den Prozess machen
Die ruandische Justiz unterteilte Straftaten in drei Kategorien: Zur dritten Kategorie zählen die Fälle, in welchen sich Hutus Häuser, Rinder und Ackerland von ermordeten Tutsis angeeignet hatten. In Kategorie zwei fallen all die Täter, denen befohlen wurde, Tutsis zu ermorden. Und zur Kategorie eins gehören diejenigen Täter, die den Massenmord geplant und befehligt hatten. Die Gacacas beschäftigen sich mit Delikten der Kategorie drei. Mehr als 800.000 Verfahren haben die Laiengerichte abgeschlossen. "Eine Zahl, mit der wir leben können", sagt Ngoga. Immerhin, vor dem Genozid wurden nur selten Menschen vor Gericht gestellt, die Straftaten gegen Tutsis begangen hatten. In diesem Jahr will Ngoga die Gacaca-Akten schließen.
Aber was ist mit den Tätern der ersten Kategorie? Ngoga zuckt mit den Schultern: "Die meisten laufen noch immer frei herum." Mit schwerwiegenden Fällen ist der Internationale Strafgerichtshof für Ruanda mit Sitz in Arusha betraut, im Nachbarland Tansania. Doch der hat nur 30 Täter in zehn Jahren verurteilt. Ende dieses Jahres läuft dessen Mandat aus, obwohl nicht alle Fälle abgeschlossen sind. Ngoga fordert, die offenen Fälle nach Ruanda zu überstellen. Keiner der Drahtzieher soll davonkommen. Das wäre ein fatales Zeichen - und würde den Erfolg des Versöhnungsprozesses gefährden. Solange die Befehlshaber nicht hinter Gittern sitzen, fühlen sich auch einfache Mitläufer wie Sedangiye nicht schuldig.
Ngoga zeigt eine Liste: Darauf stehen mehr als 300 Namen - die Hintermänner des Genozids, die sich in anderen afrikanischen Ländern oder in Europa verstecken. Manche sogar in Deutschland. Ngoga kämpft einen aussichtslosen Kampf, so scheint es.
Doch er ist nicht allein. Sein Kampf wird unterstützt von Selbsthilfeorganisationen wie Ibuka, ein Opfer-Verband der Tutsi. Benoît Kaboyi, Direktor der Rechtsabteilung von Ibuka, steht am Fenster. Er ist selbst ein Überlebender. Im Garten des ehemaligen Schulgeländes, auf dem Ibuka ihre Büros eingerichtet hat, reihen sich Tausende Gräber: weiße Holzkreuze, so weit das Auge reicht. Dazwischen wachsen lila Blümchen. 1994 suchten hier 2000 Tutsi Schutz in den Klassenzimmern. Sie erhofften ihn sich von den Uno-Truppen, die am Eingangstor postiert waren. Dann zog die Uno ihre Blauhelme ab. Stattdessen kamen die Hutu-Milizen.
Ibuka will die Verantwortlichen in Ruanda richten. Nicht weit weg in Europa oder Arusha, sondern vor Ort - wo die Verbrechen noch heute das friedliche Zusammenleben belasten. Doch die westlichen Staaten verweigern oftmals die Auslieferung der Drahtzieher. Ihr Argument: unmenschliche Haftbedingungen in den ruandischen Gefängnissen.
Darauf hat Ruanda reagiert. In Kigali wurden neue Gefängnisse gebaut, "in denen es Täter besser geht als irgendjemandem im Land", sagt Kabaye. Es wurden vier auf vier Meter große Zellen eingerichtet: ausgestattet mit Toilette, Fernseher und Doppelbett - für ruandische Lebensverhältnisse der pure Luxus. Kabaye wirft dem Westen "Rassismus, aber gegen die Opfer und nicht gegen die Täter", vor. Kopfschüttelnd blickt er auf die Gräber.
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Am Samstag dem 18.9.2010 ist in Rheinland-Pfalz wieder der Ruanda-Tag, diesmal in Prüm in der Eifel. Auf dem Programm steht: 9 Uhr Big Band, 9.30 Uhr Modenschau, 10 Uhr Schwarzlichttheater, 10 Uhr ökumenischen Gottesdienst, [...] mehr...
Nein, niemals! Darüber gehen Jahrzehnte hinweg.Versöhnen können sich nur Menschen, die das ganze Leid nicht mehr so im Gedächtnis haben.Die 60 000 Täter sollten an die Opfer Wiedergutmachung leisten. Nur nicht mit Schuld [...] mehr...
Aber es gibt vieles, was gegen die französische Interpretation spricht. Selbst wenn Kagames Leute es waren, die das Flugzeug abgeschossen haben - wofür es keinerlei Beweise und nur äußerst fragwürdige Indizien gibt - führt kein [...] mehr...
Ruanda war ja nur für kurze Zeit Kolonie, unter Deutschland. Nach dem ersten Weltkrieg wurde es belgisches Protektorat. Mich stört es eigentlich, Menschen nach äusseren Merkmalen einzuordnen, aber die Tutsi waren in der Region [...] mehr...
Aufrechnen sollte man die Morde in Ruanda und im Kongo ganz sicher nicht, schlimmer wird es allerding, wenn man sie zusammenzählt. (wenn die französische Interpretation stimmt). Was Sie von Rose Kabuye schreiben deckt sich mit [...] mehr...
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