Straßburg - Sie wollten für den Frieden demonstrieren, doch dann wütete der Mob. Wo am Samstagvormittag noch 27 Staats- und Regierungschefs in die Kameras lächelten, herrschte wenige Stunden später Chaos. Vermummte Nato-Gegner setzten ein Hotel in Brand, auch ein Tourismusbüro und eine Apotheke fielen den Flammen zum Opfer.
Die Randalierer warfen Steine und Brandsätze in ein altes Zollhaus auf der Straßburger Seite des Flusses. Eine schwarze Rauchwolke zog über die Europabrücke, die als Symbol für die deutsch-französische Freundschaft gilt. In einem der ärmsten Stadtteile Straßburgs, Rheinhafen ("Port-du-rhin"), hinterließen die Rowdys eine Spur der Verwüstung.
Nach Angaben der Polizei wurden 34 Demonstranten verletzt, von denen 18 in ein Krankenhaus gebracht werden mussten. Zehn von ihnen konnten bereits wieder entlassen werden. Acht Polizisten wurden leicht verletzt. Es gab etwa 300 Festnahmen. Eine abschließende Bilanz lag zunächst nicht vor.
Insgesamt gut 16.000 friedliche Nato-Gegner gingen in Straßburg und Kehl anlässlich des Jubiläumsgipfels zum 60-jährigen Bestehen des transatlantischen Verteidigungsbündnisses auf die Straße. Die Organisatoren des insgesamt viertägigen "Gegen-Gipfels" distanzierten sich von der Gewalt.
"Das finde ich echt das Letzte. Das war keine Demonstration", sagte Giti aus dem oberschwäbischen Biberach. "Die Vermummten haben uns alles versaut." Nach Angaben der französischen Innenministerin Michèle Alliot-Marie gab es in der Bevölkerung keine Verletzten.
Eskalation der Gewalt
"Bildung statt Bomben" stand auf den Plakaten, oder "Nein zur Nato - Nein zum Krieg". Auf deutscher Seite marschierten in Kehl mehr als 6000 Protestierer auf die Brücke zu. Beide Demo-Züge wollten sich am frühen Nachmittag zu einer Großdemonstration zusammenschließen. Nach der Eskalation der Gewalt auf französischer Seite riegelte die Polizei die Grenzen ab. Die Demonstranten auf deutscher Seite blieben in Kehl, wo die Proteste am Nachmittag friedlich zu Ende gingen.
Dagegen lieferten sich gewalttätige Demonstranten auf französischer Seite Straßenschlachten mit der Polizei, die Tränengas, Pfefferspray, Wasserwerfer und Schlagstöcke einsetzte. Insgesamt 25.000 Polizisten waren während des Jubiläumsgipfels in Straßburg, Baden-Baden und Kehl im Einsatz.
Die Organisatoren der Gipfel-Proteste hatten bereits seit Wochen zur Gewaltfreiheit aufgerufen. Zu dem "Gegen-Gipfel" mit Kongressen, Seminaren, Workshops und anderen Aktionen waren Anhänger der Friedensbewegung, Globalisierungskritiker, Bürgerrechtler, Studenten, Autonome, Linke und Umweltschützer angereist. Für sie ist der Militärpakt ein Relikt des Kalten Kriegs. Sie werfen der Nato Kriegstreiberei vor sowie am Völkerrecht und den Vereinten Nationen vorbei zu handeln und die weltweiten Rüstungsausgaben zu erhöhen. Allein zum Bündnis "Nein zur Nato" schlossen sich gut 500 Friedensorganisationen aus mehr als 20 Ländern zusammen.
Nach dem Motto "Block Nato" störten Dutzende Aktivisten am Samstag mit "Aktionen zivilen Ungehorsams" wie Straßenblockaden den Gipfelablauf. Obwohl die Straßburger Innenstadt - wie am Freitag schon Baden-Baden - hermetisch abgeriegelt und so gut wie menschenleer war, gelang es zahlreichen Protestierern, in das Zentrum zu gelangen. Dort blockierten sie die einzige noch befahrene Straßenbahnstrecke und verliehen ihrem Unmut mit Tanz und Trommelkonzerten Ausdruck.
Ungeachtet der Aufrufe zur Gewaltfreiheit war es vor dem Gipfel zwischen den Organisatoren der Proteste und den Behörden auf beiden Rheinseiten zu Spannungen gekommen. Hauptgrund war die umfangreiche Abriegelung der Innenstädte, die Lage der "Friedenscamps" sowie der Streckenverlauf der Demonstration.
Bis zum Schluss hatten die Nato-Gegner vergeblich gefordert, im Straßburger Stadtzentrum marschieren zu dürfen. Viele sahen sich wegen der Restriktionen und des beispiellosen Polizeiaufgebots ihrer Grundrechte beraubt.
Mehr zum Thema: SPIEGEL TV Magazin, 22.10 Uhr, RTL
jdl/dpa
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