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08.04.2009
 

Obamas Reisebilanz

Weltstar zurück im Krisengebiet

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Auf seiner Europa-Reise begeisterte der US-Präsident die Massen. Daheim ist der Empfang weniger freundlich: Kommentatoren kritisieren die Ergebnisse von Barack Obamas Staatsbesuchen als mager - und erinnern daran, dass die wichtigsten Herausforderungen zu Hause warten.

Barack Obama hätte sich wohl auch nicht träumen lassen, dass ein Stopp im Irak einmal angenehmer würde als die Rückkehr an die Heimatfront. Der Präsident steht im Camp Victory der US-Armee, er hat zum Abschluss seiner Europa-Reise einen überraschenden Abstecher nach Bagdad gemacht, erstmals als Oberbefehlshaber, und ruft den Soldaten zu: "Ihr habt den Irakern die Gelegenheit gegeben, sich selbst zu regieren. Dafür verdient ihr unsere Dankbarkeit." Die umringen ihn begeistert, klatschen laut, machen Erinnerungsfotos mit Handykameras.

Obama im Irak: Angenehmer als die Rückkehr an die Heimatfront
AFP

Obama im Irak: Angenehmer als die Rückkehr an die Heimatfront

Es ist der passende Abschluss einer Reise, auf der den Präsidenten Blitzlichtgewitter an jeder Station erwartete. Jubel in London, Kehl, Baden-Baden und Prag, begeisterte Jugendliche in Istanbul und Straßburg, strahlende Staats- und Regierungschefs allerorten. "Obama erobert die Herzen", resümierte die türkische Zeitung "Vatan".

Doch diese Bilder schafften es kaum über den Atlantik in die US-Medien. Zu sehr ist das Land mit der eigenen Krise beschäftigt.

Zwar ist der einst von Wahlkampfrivale John McCain bemühte Vorwurf, Obama lasse sich wie ein Popstar im Ausland feiern, kaum noch zu hören: Laut einer CNN-Umfrage glauben fast 80 Prozent der US-Bürger, das Ansehen des Landes in der Welt habe sich durch die präsidiale Reisediplomatie verbessert. Doch das ändert nichts daran, dass die heimischen Kommentatoren vor allem auf innenpolitische Erfolge dringen.

"Die Realität holt den Obama-Express ein", lautet der Willkommensgruß der einflussreichen Website "Politico" an den heimkehrenden Präsidenten. Dessen ehrgeizige Projekte eines Emissionshandelsystems zum Klimaschutz, einer Gesundheitsreform oder einer Finanzmarktneugestaltung drohten im Kongress gerupft zu werden.

"Warum die Demokraten nicht regieren können"

Die "Washington Post" analysiert, wie sehr Obamas bewährte Internet-Wahlkampfmaschine beim Kampf um das 3,6 Billionen-Dollar-Staatsbudget gestottert hat.

"The New Republic" sieht gar die ganze Präsidenten-Partei im Niedergang, weil sie im US-Kongress für Chaos sorge: "Warum die Demokraten nicht regieren können", lautet die Schlagzeile des Magazins.

Eine blitzschnelle Rückkehr zu Amerikas rauer Krisen-Wirklichkeit für den Weltreisenden Obama. Ernüchternder noch: Auch dessen Reisebilanz stößt daheim auf wenig Begeisterung.

Trotz aller Sympathiebekundungen der Europäer könne der Präsident wenig Zugeständnisse von ihnen vorweisen, kommentieren US-Medien einhellig. Damit nähre Obama die Kritik, bei ihm gebe es viel Schein und wenig Sein. Tatsächlich ist die Reisebilanz durchwachsen:

  • Wirtschaftskrise: Der Präsident erreichte beim G-20-Gipfel in London eine Einigung auf Milliardenhilfen für arme Nationen und den Internationalen Währungsfonds (IWF) - allerdings kein Versprechen der Europäer, weitere Konjunkturprogramme auflegen zu wollen.

  • Nato: Obama setzte auf dem Nato-Gipfel den Dänen Anders Fogh Rasmussen als neuen Generalsekretär der Verteidigungsallianz durch. Aber dem Vernehmen nach erwarten die Türken - die Rasmussen mit Verweis auf die dänischen Mohammed-Karikaturen ablehnten - dafür erhebliche Zugeständnisse, etwa bei der Verteilung von Nato-Posten.

  • Abrüstung: Als Obama in Prag eine atomwaffenfreie Welt skizzierte, stahl ihm Nordkorea fast zeitgleich mit seinen Raketenabschuss-Bemühungen die Schlagzeilen. Russland und China zeigten trotz freundlicher Gespräche mit dem US-Präsidenten wenig Bereitschaft für gemeinsame Kritik an dem stalinistischen Regime.

  • Afghanistan: Die Europäer bekräftigten ihre Unterstützung für den Einsatz - hielten sich aber mit neuen Zusagen für Truppen und Geld zurück.

So können sich in den USA Fans und Kritiker des Präsidenten zugleich bestätigt fühlen. Die einen feiern einen erfolgreichen Bruch mit George W. Bushs Erbe und den Abschied von US-Alleingängen in der Weltpolitik: "Wir haben mit diesem Besuch einen großen Schritt nach vorne gemacht, Amerikas Ansehen in der Welt wieder herzustellen", jubelt Obamas Top-Berater David Axelrod.

Die anderen argumentieren: Wenn Obama schon bei den verbündeten Europäern so wenig erreiche, was sei dann von seinen versprochenen Verhandlungen mit US-Gegnern wie Iran oder Nordkorea zu erwarten? Konservative Blogger schimpfen, der Präsident habe sich viel zu häufig entschuldigt und die Führungsstärke der USA in Frage gestellt.

Tatsächlich hat Obama offen gesagt, die USA könnten am besten durch Zuhören und etwas Demut führen - ein klarer Bruch mit der oft hochmütig wirkenden Rhetorik der Bush-Jahre. Der Präsident schien den Eindruck zu vermitteln, die USA könnten erst wieder als unumstrittene Führungsmacht auftreten, wenn sie ihre Aufgaben gemacht hätten.

Wie dringend die sind, konnte Obama gleich nach der Landung der "Air Force One" in Washington sehen. In erwarteten neue Schreckenszahlen: Die US-Unternehmenssteuereinnahmen sind so stark geschrumpft wie seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr.

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