Noch nie ist die Entwicklungshilfe für Afrika so radikal und massiv kritisiert worden wie in den letzten Jahren, und zwar sowohl von Vertretern des "Nordens" als auch Afrikas selbst. Das hält das Berliner Entwicklungshilfeministerium (BMZ) nicht davon ab, in einer Broschüre festzustellen: "Afrika ist nicht der Kontinent der Katastrophen, Krisen und Kriege. Afrika zeigt Reformdynamik und stabiles Wachstum und nimmt mit seinen Ideen und Potenzialen seine Entwicklung in die eigene Hand."
Die Einschätzung der Entwicklung Schwarzafrikas (politisch korrekt: "Afrikas südlich der Sahara") ist in hohem Maße ideologisch. Nicht nur in weiten Bereichen der Dritte-Welt-Szene der Industrieländer gilt als zweifelsfrei: "Die armen Afrikaner werden von uns ausgebeutet, im Handel wird ihnen keine Chance gelassen. Alle Schulden müssen wir ihnen erlassen, weil ihnen die Kredite aufgezwungen wurden. Die finanzielle Entwicklungshilfe muss bedeutend erhöht werden, denn mehr Geld bedeutet mehr Entwicklung."
Die gleiche Wirkung erzeugen die vielen, die sagen, Afrikas Entwicklungschancen würden von den ungerechten internationalen Handelsbeziehungen zunichte gemacht. Dass Kritik an ihnen berechtigt ist, ist keine Frage. Aber warum gedeiht - unter identischen Bedingungen - der Handel zahlreicher Entwicklungsländer außerhalb Afrikas? Dass diese offenkundige Wahrheit gegen das Katastrophengerede chancenlos ist, ist bezeichnend für die Qualität des Entwicklungsdiskurses.
Die besonders erfolgreichen Handelspartner unter den ärmeren Staaten exportieren keine Agrargüter, sondern Industrieprodukte. China hat zunächst technisch einfache Geräte auf den Weltmarkt gebracht, mit der Zeit immer anspruchsvollere. Warum geht das nicht in Afrika? Hat man je einen Tauchsieder, ein Fahrrad, eine Haarklammer gesehen mit der Aufschrift "Made in Togo" oder "Made in Uganda"? Seit Generationen fördert die internationale Gemeinschaft technische und unternehmerische Kompetenz von Afrikanern. Wo hat sich das niedergeschlagen?
Nach einem halben Jahrhundert Entwicklungshilfe für Afrika ist die ganze Geberwelt immer noch überzogen mit einem Netz von Hilfeagenturen aller Art, staatlich und privat. Regierungen, Kommunen, kirchliche Hilfswerke, Unternehmerverbände, Gewerkschaften, eine unübersehbare Zahl von Wohltätigkeitsverbänden, Schulen und Patenschaftsvereinen - alle helfen Afrika, oder besser: wollen helfen. Und Afrika nimmt gern, auch wenn es die eigene Würde verletzt. Die ausgestreckte Hand ist geradezu zu einem Symbol des Kontinents geworden. Die Menschen hüben und drüben haben sich an diesen Zustand so sehr gewöhnt, dass diese Absurdität ihnen normal vorkommt.
Die ausgestreckte Hand ist das Symbol des Kontinents
Das Geben und Nehmen festigt die Abhängigkeit Afrikas und verhindert Entwicklung. Es missachtet die banale Einsicht, dass Entwicklung immer nur das sein kann, was Menschen und Gesellschaften für ihr Fortkommen selbst leisten. Was wir tun, ist ziemlich uninteressant. Was sie tun, die Afrikaner, ist entscheidend. Ihre Eigendynamik ist durch nichts zu ersetzen, auch durch keine noch so gut gemeinte Hilfe von außen.
Mit der Entwicklungsdynamik Afrikas sieht es schlecht aus. Natürlich gibt es für alles gute und leuchtende Beispiele, aber typisch für den Kontinent sind sie nicht. Wer Entwicklungsdynamik erleben will, muss auf die quirlige Betriebsamkeit aufstrebender Länder Ostasiens schauen, wo internationale Entwicklungshilfe eine geringe Rolle spielt.
Wer Afrika bereist, spürt etwas anderes: viel Lethargie und zu wenig von diesem Drängen, diesem Eifer, es schaffen zu wollen. Besonders die ökonomische Entwicklung leidet unter einem Mangel an Gründlichkeit, Planung und Verlässlichkeit, wie auch daran, dass der afrikanische Familienclan einem Mitglied, das wirtschaftlichen Erfolg hat, die Früchte seiner Arbeit nicht lässt, sondern seinen Anteil daran fordert. Dazu blockiert der in allen gesellschaftlichen Schichten immer noch verwurzelte Geisterglaube rationales Denken und Handeln. Sozio-kulturelle Erklärungen solchen Verhaltens sind interessant, bringen aber die Entwicklung nicht voran.
Trotz dieser Widrigkeiten kann der Maßstab für die Qualität unserer Entwicklungshilfe nur sein, inwieweit es ihr gelingt, afrikanische Eigendynamik zu wecken und zu stärken. Diese simple und fundamentale Einsicht wird in der Praxis der Entwicklungshilfe zuwenig beachtet. Um die Leistung der Geberstaaten zu messen, schaut man stattdessen auf die sogenannte ODA-Quote (Official Development Assistance; Anteil der Entwicklungshilfe am Bruttonationalprodukt) und täuscht sich damit selbst. Denn mit Entwicklung hat diese Quote wenig zu tun, mehr mit dem Gegenteil.
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