Wenn "wir" in armen Ländern Straßen bauen, Bewässerungskanäle, Brunnen und Schulen, ist das gut für die ODA-Quote, aber nicht unbedingt für die Entwicklung. Wenn diese Werke auch in Eigenleistung, ohne unsere Hilfe, hätten errichtet werden können, zum Beispiel arbeitsintensiv nach chinesischem Vorbild - und dazu sollen afrikanische Regierungen nach jahrzehntelanger Ausbildung von Ingenieuren und anderen Fachleuten an unseren Universitäten nicht in der Lage sein? -, dann haben wir keine Entwicklung gefördert, sondern verhindert, durch einen Verstoß gegen das Subsidiaritätsprinzip.
Bei solchen Verstößen ist die Bilanz unserer Hilfe also nicht null, sondern negativ, weil diese Schaden angerichtet hat. Das gleiche gilt für die vielen tausend gescheiterten Entwicklungsprojekte, die nicht mit Null zu Buche schlagen, sondern mit einem Minus.
Wer diesen Maßstab an die Entwicklungshilfe der letzten Jahrzehnte und an die afrikanische Lebenswirklichkeit anlegt, kann sich nicht darüber wundern, dass es im "Bonner Aufruf" heißt, unsere Entwicklungspolitik habe versagt.
Wir müssen den Afrikanern zumuten, dass sie aus eigener Kraft den wirtschaftlichen Fortschritt erarbeiten, den sie doch wollen!
Aus Washington oder Brüssel wird das Heil nicht kommen
Bei jedem Auftauchen eines Problems nach ausländischen Gebern und Helfern zu rufen, die es lösen sollen, wird sie nicht weiterbringen. Aus Washington, Brüssel oder Berlin wird ihnen das Heil niemals kommen. Es wird entweder aus ihren eigenen Köpfen und Händen kommen - oder gar nicht.
Zum mangelnden Entwicklungsstreben haben wir gehörig beigetragen, zum Beispiel mit dem seit Jahrzehnten üblichen Possenspiel um den Straßenbau: Mit Entwicklungshilfe finanzierte Straßen werden regelmäßig nicht instandgehalten, also verkommen sie. Wenn auswärtige Partnerregierungen das Elend irgendwann nicht mehr mitansehen können, bauen sie unter dem Motto "Rehabilitierung" eine neue Straße - die dann wieder verfällt bis zur nächsten barmherzigen Rehabilitierung.
Wir sollten grundsätzlich neue afrikanische Infrastruktur nur noch dann mit Entwicklungshilfe finanzieren, wenn die Partner beweisen, dass schon einmal errichtete Anlagen instandgehalten werden. Rehabilitierung fördert Unterentwicklung.
Schwarzafrika bringt es kaum fertig, seine reichlichen Bodenschätze für das Wohl der Bürger zu nutzen. Im Gegenteil, für die Masse der Menschen haben sie sich überwiegend als Fluch erwiesen. Mit den riesigen Einkommen daraus sind Kriege finanziert und die Konten der Oberschicht gefüllt worden. Nach Angaben von Transparency International besitzen zum Beispiel der Präsident des Ölförderlandes Gabun, Omar Bongo, und sein Clan 39 Liegenschaften in besten Lagen von Paris und der Côte d'Azur.
Obwohl der Zusammenhang zwischen Geld und Entwicklung höchst zweifelhaft ist, beschäftigt sich die Entwicklungswelt gern mit Zahlenspielen. Das bekannteste dreht sich um die Frage, wann die ODA-Quote die 0,7 Prozent des BNP erreicht, die sich die Geberstaaten vor 40 Jahren als Ziel gesteckt und doch nie ernstgenommen haben, von wenigen kleineren Staaten abgesehen. Da die Zahl aufgrund der damaligen Situation berechnet wurde, kann sie zum heutigen Bedarf an Entwicklungshilfe keinen plausiblen Bezug mehr haben. Sie dient nur noch zur Erhöhung der Ausgaben.
Afrika muss selbst mehr Verantwortung übernehmen
Die Dinge stehen auf dem Kopf: Es ist nicht wichtig, wann gewisse Finanzierungsziele erreicht werden, sondern welche Aufgaben zu erfüllen sind. Wieviel Geld dazu nötig ist, kann erst danach berechnet werden. Von vornherein zu sagen, die Entwicklungshilfe brauche mehr Geld, ist daher falsch. Genauso töricht war im Jahre 2005 der Beschluss des G-8-Gipfels im schottischen Gleneagles, die Entwicklungshilfe für Afrika zu verdoppeln. Auch wenn alle Bonos, Geldofs und Campinos dieser Welt auf "mehr Geld" setzen, bleibt diese Politik gefährlich für die Entwicklung Afrikas.
Der aus zahllosen Agenturen und Organisationen bestehende gigantische internationale Entwicklungshilfeapparat ist zu weit von der Wirklichkeit entfernt. Er dreht sich um sich selber und kreist um den afrikanischen Kontinent wie ein Raumschiff, in dem fleißige und engagierte Fachleute unentwegt Strategien ersinnen, Konferenzen abhalten, Konsense schmieden, Studien publizieren, Agenden formulieren, makro-ökonomische Modelle durchrechnen und jedenfalls Tonnen von Papier produzieren, bei denen man besser nicht fragt, wer sie liest. Dieses Raumschiff funktioniert so perfekt, dass es auch ohne Afrika gut existieren könnte.
Wenn wir wollen, dass Afrika auf einen besseren Entwicklungskurs kommt, muss es mehr Verantwortung übernehmen. Das ist die Kernbotschaft des "Bonner Aufrufs". Wir stehen vor dem Entwicklungsproblem nicht mehr ratlos. China hat den Weg aus der Armut gewiesen. Es ist mit eigener Kraft wirtschaftlich vorangekommen, nicht mit der ausgestreckten Hand. Die ist nur akzeptabel in Zeiten akuter Not, wenn humanitäre Hilfe geboten ist.
Wieso sollten wir Afrika unterstellen, dass es einen solchen eigenen Weg nicht erfolgreich gehen könne! Das heißt nicht, dass wir abseits stehen. Aber eine klare Aufgabenteilung muss gelten. Das beste, was wir für Afrika tun können, ist, die Bildungschancen junger Leute zu verbessern. Aber etwas draus machen, Bildung in materiellen Fortschritt umsetzen, das müssen sie selber.
Und wo, neben der Vermittlung von Fähigkeiten, materielle und finanzielle Mittel nötig sind, muss der Grundsatz sein: Keine Geschenke! Wo Geld verteilt wird, nimmt das Übel gewöhnlich seinen Lauf. Entwicklungshilfe sollte prinzipiell nur noch als Kredit gegeben werden. Das setzt voraus, dass alle entwicklungswilligen Menschen Zugang zu Krediten haben. Dazu muss das bisher erfolgreiche Kleinkreditwesen - auch mit Entwicklungshilfe - so ausgebaut werden, dass es alle Armen erreicht.
Wenn Afrika diesen Weg selbstbewusst und tatkräftig geht, wird es nicht nur zu Wohlstand gelangen, sondern auch seine Würde zurückgewinnen.
Auf anderen Social Networks posten:
in manchen Regionen wollen oder können nicht, wie gesagt, ich gab meinem Schwager einen Spannungsprüfer, einfach und simpel, der jaja, dann landete das Teil in seinem WZ Eimer, er prüfte weiterhin mit einer Lampe, indem er dei [...] mehr...
Im Laufe der Bankenkrise machten sich auch "normale" Banken Gedanken darüber, ob sie in den Markt für Mikro-Kredite einsteigen sollen, weil das im GEgensatz zu Wetten auf die Entwicklung der Immobilienpreise zwar [...] mehr...
Ich muss hier beiden Aussagen widersprechen. Es gibt Organisationen, die Mikrokredit ausschließlich (oder bevorzugt) an Frauen vergeben; das ist aber nicht bei allen Mikrokreditgebern so. Auch gibt es Mikrokredite, die [...] mehr...
Mikrokredite wurden in diesem Forum schon erwähnt. Sicher nicht das Allheilmittel - das es bekanntlich sowieso nicht gibt. Aber sie bieten m. E. verschiedene Vorteile: Sie sind keine Almosen, sondern müssen zurück gezahlt [...] mehr...
Mikrokredite erscheinen vielen als ein neues Wundermittel gegen die Probleme der LDCs. Ein interessantes Essay, das versucht die Ähnlichkeiten des Kantschen Aufklärungsideals mit dem Konzept der Mikrokredite aufzuzeigen, findet [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH