SPIEGEL: Thailand scheint nicht mehr zur Ruhe zu kommen, wie der jüngste Aufstand in Bangkok belegt.
Sukhumbhand: Von der geografischen Ausbreitung her war es das Schlimmste, was die Stadt jemals erlebt hat. Bei den Unruhen von 1973, 1976 und 1992 waren zwar viel mehr Tote zu beklagen…
SPIEGEL: …aber 1973 und 1976 waren es in erster Linie Studentenproteste.
Sukhumbhand: Diesmal kam es zu sinnloser Gewalt in vielen Stadtvierteln. Leute legten Feuer und gingen aufeinander los.
SPIEGEL: Alles begann am vergangenen Wochenende, als Anhänger der "Vereinigten Front für Demokratie gegen Diktatur", wie sich die Unterstützer des gestürzten Premiers Thaksin Shinawatra nennen, im Badeort Pattaya das Asean-Gipfeltreffen sprengen konnten. Haben Ihre Sicherheitskräfte da nicht total versagt?
Sukhumbhand: Auf ganzer Linie. Das Tagungshotel liegt auf einem Hügel, zu dem nur drei schmale Straßen hinaufführen. Es hätte nie gestürmt werden dürfen. Die Polizeiführung weigerte sich regelrecht, einzuschreiten, und die Militärs kamen erst im letzten Moment zur Hilfe. Da saß Premierminister Abhisit schon in der Falle.
SPIEGEL: Sein Wagen wurde zuvor angegriffen, sein Fahrer geschlagen. In anderen Ländern hätten die Leibwächter zur Waffe gegriffen, warum in Thailand nicht?
Sukhumbhand: Es traute sich niemand, den Befehl zum Schusswaffengebrauch zu geben. Es herrschte ein Machtvakuum.
SPIEGEL: Früher galt Thailand als Inbegriff eines buddhistischen Tropenparadieses, heute nennt man es in einem Atemzug mit Bürgerkrieg und Chaos. Wie erklären Sie sich die Polarisierung der Gesellschaft?
Sukhumbhand: Zerwürfnisse zwischen Arm und Reich, das extreme Gefälle zwischen Stadt und Land hat es immer schon gegeben. Aber nach einem ungeschriebenen Gesetz unter den politischen Führern bestand in der Vergangenheit stets Konsens, dass gewisse Dinge nicht angesprochen werden, dass Politiker ihren Streit nicht zum Nachteil der Monarchie austragen und nicht die sozialen Spannungen verstärken.
SPIEGEL: Thaksin hielt sich nicht mehr an die Spielregeln der alten Eliten.
Sukhumbhand: Das hängt wohl mit seiner Persönlichkeit und mit der Höhe seines dreifachen Wahlsieges zusammen. Fakt ist, der Konsens in unserer Gesellschaft ist zusammengebrochen.
SPIEGEL: Die "Rothemden" beklagen, es gebe keine Demokratie und Gerechtigkeit in Thailand.
Sukhumbhand: In Thailand herrschte stets das Gesetz des Dschungels, gerade auch während der Regierungszeit von Thaksin Shinawatra. Zwischen 2002 und 2005 verschwanden Tausende von vermeintlichen Drogenhändlern und Terroristen, sie wurden ermordet. Thaksins Anhänger sind keine Engel, wir Demokraten auch nicht.
SPIEGEL: War der Militärputsch vom 19. September 2006, durch den Thaksin gestürzt wurde, im Rückblick ein Fehler?
Sukhumbhand: Ich habe Militärcoups noch nie gutgeheißen. Aber wenn die Militärs davon ausgingen, dass ein Staatsstreich das Richtige sei, hätten sie das bis zum Ende durchziehen sollen.
SPIEGEL: Das heißt?
Sukhumbhand: Wenn die Generäle damals Thaksins Netzwerk gleich zerschlagen und sein Vermögen konfisziert hätten, wären wir nicht mit dem Chaos von heute konfrontiert. Aber sie sind einfach dumm.
SPIEGEL: Gerade erst wurde Thaksins Reisepass annulliert. Was machen seine Anhänger, wenn er ausgeliefert würde und in Bangkok wegen Korruption und Aufstachelung zum Aufstand vor Gericht stünde?
Sukhumbhand: Sie würden durchdrehen.
Sukhumbhand: Nein. Es würden sich weiterhin zwei gleich große Blöcke gegenüberstehen. Erst wenn diese Legislaturperiode vorbei ist, sollen die Wähler entscheiden - aber nicht auf der Straße.
SPIEGEL: In Zeiten der Krise hat sich der König in Thailand immer wieder als moralische Autorität zu Wort gemeldet. Heißt das nicht, dass Thailands Politiker unfähig sind, das Land eigenständig zu führen?
Sukhumbhand: König Bhumibol hat sich nur in wenigen Fällen eingemischt. Doch wenn er es tat, dann war das immer wichtig. Klar beweist dies, dass wir als Politiker unfähig sind, unsere Konflikte selbst zu lösen.
SPIEGEL: Irgendwann wird der König nicht mehr da sein. Versinkt Thailand nach seinem Ableben im Chaos ?
Sukhumbhand: Früher hatte ich keine solchen Befürchtungen. Aber jetzt glaube ich, dass die anhaltende Polarisierung zu noch mehr Gewalt führen wird.
SPIEGEL: Die letzte Rede an die Nation konnte der König nicht mehr selbst verlesen. Machen Sie sich Sorgen um ihn?
Sukhumbhand: Ja, ich mache mir Sorgen.
SPIEGEL: Ist er ernsthaft krank?
Sukhumbhand: Lassen Sie mich es so formulieren: Es geht ihm nicht mehr so gut wie vor zehn Jahren.
SPIEGEL: Wäre es nicht an der Zeit, dass er Thaksin noch mal ins Gewissen redet, bevor es zu spät ist?
Sukhumbhand: Es ist ja gar nicht sicher, ob Thaksin auf ihn hört. Wenn nicht, was dann? Dadurch, dass der König in der Vergangenheit immer alles richtig gemacht hat, ist der Mythos entstanden, dass ihm nie etwas daneben geht. Er muss deshalb genau überlegen, wann und wie er etwas äußert.
SPIEGEL: Es gibt Stimmen in Thailand, die sagen, das Zerwürfnis des Landes basiere eigentlich darauf, dass Thaksin Präsident werden wolle und dass er plane, die Monarchie abzuschaffen.
Sukhumbhand: So etwas beachte ich nicht.
SPIEGEL: Sie kennen die Gesetze am Hof sehr gut. Wie wird eigentlich ein Nachfolger des Königs bestimmt?
Sukhumbhand: Es gibt zwei Möglichkeiten. Der König kann zu Lebzeiten seinen Nachfolger selbst benennen…
SPIEGEL: …was König Bhumibol noch nicht getan hat…
Sukhumbhand: So weit man weiß. Wenn das nicht geschehen ist, wird ein Nachfolger gemäß dem Palastgesetz gefunden.
SPIEGEL: Also würde sein Sohn Vajiralongkorn oder eine seiner Töchter die Nachfolge übernehmen?
Sukhumbhand: Das alte Palastgesetz erlaubt keine weibliche Thronfolgerin.
SPIEGEL: Somit käme nur der Sohn von König Bhumibol zum Zuge.
Sukhumbhand: Wie es jetzt aussieht, ja.
Das Interview führte Jürgen Kremb in Bangkok
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