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26.04.2009
 

Journalistin mit Mumm

Moldaus zwitschernde Revoluzzerin

Von Benjamin Bidder

Sie deckte schwarze Kassen des Kreml auf, jetzt mobilisiert Natalia Morar in Moldau die Jugend gegen die Kommunisten - via Twitter. Es ist nicht der erste Aufstand der hyperaktiven Revoluzzerin.

Sie plante eine kleine Kundgebung, höchstens 300 Gleichgesinnte, ein Zeichen des Protests gegen das verknöcherte Regime von Moldaus Kommunisten - doch sie entfesselte einen Sturm: Natalia Morar initiierte die Massenproteste in Moldaus Hauptstadt Chisinau, sie wurde zu einem der führenden Köpfe der Oppositionsbewegung - und das mit gerade einmal 25 Jahren.

Die junge Frau und die anderen Organisatoren des Bündnisses "ThinkMoldova" hatten damit gerechnet, dass ein paar Bekannte zu der Kundgebung "Ich bin kein Kommunist" am 6. April kommen würden, kurz nach der Wahl in Moldau. Es wurden 15.000. Denn über das Internet und das Gezwitscher des Kurznachrichtendienstes Twitter erfuhren viel mehr Moldauer von der Aktion. Morar war selbst überrascht, überwältigt schrieb sie in ihrem Internet-Tagebuch über den unverhofften Erfolg:

"Sechs Leute. 10 Minuten Kreativität und eine Entscheidung. Einige Stunden Informationen [über die Aktion] über Netzwerke, Facebook, Blogs, SMS an Freunde und Massenmails. Die ganze Organisation - via Internet. Auf die Straße gingen 15.000 Menschen!!!"

Tags darauf geriet die Lage auf den Straßen von Chisinau jedoch außer Kontrolle. Jugendliche Demonstranten stürmten das Parlamentsgebäude, die Polizei griff hart durch. Mit dieser Eskalation der Gewalt habe sie jedoch nichts zu tun, betont Morar. Dennoch haben sie Moldaus Behörden unter strikten Hausarrest gestellt, sie bereiten eine Klage gegen sie vor, wegen Anstachelung zu den Unruhen.

Moldau und das abtrünnige Transnistrien
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Moldau und das abtrünnige Transnistrien

Wer aber ist diese junge Frau, die Moldaus Kommunisten um Präsident Wladimir Woronin mutig die Stirn bietet?

Rückblick, Moskau im April 2007: Morar, gewandet in ein knallpinkes Kostüm, sammelt in einem Hinterhof ihre Getreuen. Es ist nur eine Handvoll Studenten, die sich farbenfroh als Clowns verkleidet haben. Mit Luftballons, Flugblättern und Morar an der Spitze marschieren die Studenten-Clowns zum Gebäude der soziologischen Fakultät der ehrwürdigen Staatlichen Moskauer Universität. Kamerateams und Vertreter der Presse erwarten sie dort. Morar, der Kopf der Truppe, gibt souverän druckreife Statements und eilt atemlos weiter.

Testlauf für die den Umsturz?

Der Zorn der jungen Leute richtet sich gegen die verknöcherte Fakultätsleitung, vor allem gegen den betagten Dekan Wladimir Dobrenkow. Der Dekan, Jahrgang 1939, geboren im damaligen Stalingrad, leitete das Institut schon zu Sowjetzeiten. Morar wirft ihm Vetternwirtschaft vor, weil er die Cafeteria des Instituts an seinen Sohn vermietet haben soll. Die Preise sind deshalb dramatisch gestiegen: Eine Tasse Tee kostet plötzlich 70 Rubel, umgerechnet zwei Euro. Das ist das Zehnfache regulärer Preise in Russland.

Widersacher Dobrenkow und die Universitäts-Bürokratie wittern dagegen mehr hinter Morars spielerischer Tee-Revolte: einen Testlauf für einen Umsturz in Russland nach Art der "Orangenen Revolution" in der Ukraine im Jahr 2004. Tatsächlich engagiert sich Morar auch politisch: Ausländische Korrespondenten lernen sie als energische Pressesprecherin des Oppositionsbündnisses "Anderes Russland" des ehemaligen Schachweltmeisters Garri Kasparow kennen. Die Bewegung führt im Jahr 2007 Tausende Kreml-Gegner unter der Losung "Russland ohne Putin" auf die Straße.

Der Kreml schlägt zurück

Sie arbeitet bald auch für das politische Magazin "The New Times". Die Journalistin Morar schreibt mit spitzer Feder und scheut auch aufwendige Recherchen nicht. Dank ihrer investigativen Berichte wird sie zum neuen Star unter den Journalisten der russischen Hauptstadt. Furchtlos schreibt sie über finstere Machenschaften des Inlandsgeheimdienstes FSB.

Berühmt aber wird sie, als sie ein Systems von schwarzen Kassen des Kremls aufdeckt. Nach dem Wahlsieg der Putin-Partei "Einiges Russland" bei den Parlamentswahlen 2007 berichtet Morar umfangreich und äußerst detailliert über ein System von Finanzströmen, mit denen sich die Strippenzieher des Kreml Parteien gefügig machen - auch jene der Opposition.

Doch der Kreml schlägt zurück. Als die Journalistin Anfang 2008 von einer Dienstreise ins Ausland nach Moskau zurückkehrt, verwehren ihr Grenzer an einem Moskauer Flughafen die Einreise. Morar, die sechs Jahre lang unbehelligt in Russland gelebt hat, muss nach Chisinau ausweichen, der Hauptstadt der Republik Moldau, deren Pass sie besitzt.

Nationales Sicherheitsrisiko Morar

Dort heiratete sie einen russischen Kollegen, flog wieder nach Moskau - und wurde wieder abgewiesen. Ihr Gatte, der Journalist Ilja Barabanow, sagte der Agentur Interfax, die Behörden begründeten das Einreiseverbot mit "Punkt A, Artikel 16 des Gesetzes über die Staatsbürgerschaft": Morar stellt demnach ein Risiko für die nationale Sicherheit der Russischen Föderation dar.

Morar und Barabanow schalteten Kollegen ein, russische Zeitungen und Internet-Seiten berichteten über den Fall. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wurde aktiv, "Reporter ohne Grenzen" rief die russische Führung auf, doch ein Einsehen zu haben. Morar schrieb sogar an den damaligen Präsidenten Wladimir Putin und seinen Kronprinzen Dmitri Medwedew.

Drei Tage und Nächte kampierte das Ehepaar im Gebäude des Airports Domodedowo. Die Grenzer aber blieben hart, denn Russlands Führung fürchtet, eine "farbige Revolution" ähnlich wie bei den Machtwechseln in Georgien, der Ukraine und Kirgisien könnte Russland erfassen. Morar kehrte nach Chisinau zurück, wo sie seitdem lebt und arbeitet. Jetzt steht sie dort an der Spitze einer Bewegung, welche die Kommunisten um den ergrauten Parteibonzen Woronin aus dem Amt jagen will. Die kamen im Jahr 2001 an die Macht - unter anderem mit der Forderung, einen neuen Staatenbund mit Russland zu bilden und Russisch als zusätzliche Amtssprache einzuführen. Zudem versprach Woronin eine Wiedervereinigung mit der abtrünnigen Provinz Transnistrien, einem von Sowjetnostalgikern regierten russischsprachigen Gebiet an der Grenze zur Ukraine, das von Moskau unterstützt wird. Morar und die meist jungen Demonstranten, die sie auf die Straße führte, wollen Moldau jedoch nach Westen führen.

Den Strategen des Kreml dürften daher inzwischen Zweifel am Erfolg der "Operation Morar" im vergangenen Jahr kommen, droht doch mit Moldau ein weiteres Land im Ostblock Moskaus Einflusszone zu entgleiten.

Auch in der russischen Hauptstadt werden die Aktionen der dauerrevoltierenden Jungjournalistin weiter registriert. Die kremlkritische Zeitung "Nowaja Gazeta" rühmte Morar gar in Versform:

"Du wartest auf die tröstliche Moral von der Geschicht'?
Die Moral ist schlicht, und nicht sehr lang. Das Land, das zusammenbrechen kann wegen Morar - muss wahrhaft groß sein."

Der Ruhm der zwitschernden Revolutionsführerin kennt keine Grenzen.

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