Aus Mombasa berichtet Matthias Gebauer
Sulong erkannte die Not der Deutschen offenbar recht schnell. Anfang der Woche forderte er plötzlich, die Botschaft sollte ihm den Gehaltsausfall durch die Reise erstatten. Die Botschaft ging darauf ein und würde auch den Flug nach Kenia bezahlen. Ob Sulong in Kenia erscheint, ist jedoch ungewiss. Am Dienstag jedenfalls wollte sich der Kapitän nicht eindeutig äußern. "Alle machen Druck auf mich", raunte er erschöpft ins Funktelefon, "mir kommt die ganze Sache langsam merkwürdig vor".
Wie das Verfahren ohne Sulong ablaufen soll, ist unklar. Zwar ist die Besatzung der "Rheinland Pfalz" pünktlich in Mombasa gelandet und wird zum Prozessstart auch erscheinen. Doch die schriftliche Aussage des Kapitäns von den Philippinen hat in Kenia keinen echten Wert. "Entweder der Zeuge erscheint vor Gericht oder wir können die Erkenntnisse nicht verwerten", so Staatsanwalt Ondari. Er hoffte am Tag vor Prozessbeginn inständig, dass die Deutschen Sulong überzeugen können.
Der ängstliche Zeuge ist jedoch nicht das einzige Problem für die Anklage. Aus den deutschen Akten ergibt sich zumindest ein Anfangsverdacht, dass an dem Angriff auf die "MV Courier" ein zweites Boot beteiligt gewesen sein könnte. In mehreren Papieren verschiedener Bundesbehörden, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, wird das zweite Holzboot explizit erwähnt. In der ins Englische übersetzten Akte der kenianischen Justiz hingegen findet man es nicht mehr.
Der Piratenfall entwickelt sich fürs Auswärtige Amt (AA) immer mehr zum Sorgenkind. Nachdem zwei deutsche Anwälte, der Frankfurter Jurist Oliver Wallasch und sein Berliner Kollege Andreas Schulz, die Verteidigung der neun Männer reklamierten, entwickelte sich zwischen den Kanzleien und dem AA ein regelrechter Kleinkrieg. Das AA mokierte sich intern, die beiden Juristen wollten nur Publicity. Die Anwälte hingegen klagen gegen die Regierung, da diese sie nicht unterstütze.
Mittlerweile haben die Anwälte ihren Prozessauftritt abgesagt, da sie keine Zulassung vor dem Gericht bekamen. Dies hatte ihnen auch das AA mitgeteilt. Demnach sei es im kenianischen Recht nicht vorgesehen, dass ausländische Anwälte in Kenia arbeiteten. Die Anwälte indes argumentieren, Deutschland müsse ihre Arbeit bezahlen. Diese Frage beschäftigt nun das Verwaltungsgericht Berlin - in gewisser Weise landet der Piraten-Fall also doch in Deutschland.
Auch eine politische Beobachtung durch Jürgen Trittin, Spitzenpolitiker der Grünen, wird es zum Prozessstart nicht geben. Trittin sagte seine Reise am Dienstag spontan ab. Dem Politiker war signalisiert worden, dass ein neben der Prozessbeobachtung geplanter Besuch auf der Fregatte "Rheinland Pfalz" zurzeit nicht möglich sei, da das Kriegsschiff in der laufenden Mission keinen Polit-Besuch organisieren könne. Gleichwohl will Trittin zu einem späteren Zeitpunkt nach Kenia reisen.
Ob der holprige Start des Musterprozesses das gesamte Verfahren der Übergabe von Verdächtigen gefährden wird, ist schwer abzusehen. Ein Ziel der Deutschen ist aber schon jetzt gescheitert. Statt lautlos erregte das Procedere fast mehr Aufmerksamkeit als die Marine-Mission selber. Möglicherweise wird der Fall wegen der offenen Fragen und fehlender Zeugen am Mittwoch nun auf den Sommer vertagt - gelöst ist das Grundsatzproblem damit jedoch nicht.
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