Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt
Kapstadt - Für Xolisa Bangasi stand schon früh fest: "Für mich gibt es bei dieser Wahl nur eine Entscheidung: Cope." Der 31-jährige Manager eines Mineralöl-Konzerns ist einer von den "Black Diamonds", den jungen, gut ausgebildeten Schwarzen der neuen südafrikanischen Mittelschicht. Seine politische Prägung hat er im ANC bekommen. Er hat die Partei Nelson Mandelas und Thabo Mbekis auch immer gewählt. Doch diesmal hat er eine Alternative: Die vom ANC abgespaltene neue Partei "Congress of the People" (Cope), für die er sich schon im Wahlkampf engagiert hat.
Der ANC ist unter Jacob Zuma zum Monster geworden", sagt er als Begründung, dass er bei dieser Wahl nicht mehr beim ANC, sondern bei Cope sein Kreuz macht. "Wir haben das Beispiel Simbabwe vor Augen", zieht er sogar eine Parallele zwischen ANC-Chef Jacob Zuma und Simbabwes Diktator Robert Mugabe. Er lässt kein gutes Haar mehr an seiner alten Partei: "Der ANC hat 15 Jahre Zeit gehabt. Das Ergebnis ist, dass wir heute in Südafrika im Alltag noch immer die Rassentrennung haben. Und eine neue ökonomische Apartheid ist noch dazugekommen." Bangasi ist fest überzeugt, dass das Land einen Wechsel braucht, wenn der Abwärtstrend gestoppt werden soll.
Vor der Sea Point Primary School in Kapstadt steht eine lange Schlange. "Als ich um 6 Uhr heute früh hier ankam, warteten die Menschen schon darauf, dass sie endlich ihre Stimme abgeben konnten", sagt die Leiterin der Wahlstation im Nobelviertel der Kapmetropole. Die 2800 hier registrierten Wähler sind fast ausschließlich Weiße. "Das ist eine Hochburg der Demokratischen Allianz", gibt Arthur zu. Er ist als Wahlbeobachter der Partei der deutschstämmigen Kapstädter Oberbürgermeisterin Helen Zille in die Primary School gekommen. "Hier in Sea Point bin ich für uns sehr zuversichtlich", sagt er.
"Jacob wird uns hier rausholen"
Die DA-Chefin hat zwar im Wahlkampfendspurt versucht, als eine Art weiße Zuma-Kopie auf der Bühne singend und tanzend verstärkt auch schwarze Wähler anzusprechen. "Das wirkte aber einfach lächerlich", sagt "Black Diamond" Bangasi. Denn Zilles DA ist die Partei der Weißen: Bei Umfragen erklärten 60 Prozent der weißen Südafrikaner, dass sie an diesem Mittwoch der DA ihre Stimmen geben wollen. Die schwarzen Wähler stehen dagegen zu 80 Prozent hinter dem umstrittenen ANC-Chef Jacob Zuma.
Wilbur ist einer von ihnen. Mit einem gelben ANC-Shirt steht er vor der Icebelile-Labanta-Abadala-Wahlstation dort, wo Khayeltisha, Kapstadts drittgrößtes Township, am ärmlichsten ist: Hütten aus Blech, Holz und Pappe, dicht gedrängt. Schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen leben auf der ehemaligen Schutthalde. Fast ausschließlich Schwarze. Hier hatte Jacob Zuma seinen einzigen großen Wahlkampfauftritt am Westkap, fanatisch bejubelt von rund 30.000 Anhängern. Gegenüber von dem Wahllokal brennt mal wieder eine der windschiefen Hütten. Feuerwehr und Polizei sind im Großeinsatz, um die Ausbreitung des Brandes zu verhindern. Für die 200 bis 300 Menschen, die darauf warten, ihre Stimmzettel abgeben zu können, ist das eher eine willkommene Abwechslung.
Wilbur sagt: "Der ANC ist die einzige Partei, die für die Armen da ist. Jacob wird uns hier rausholen." Sein Glaube scheint unerschütterlich. Junge Schwarze, die sich um ihn geschart haben, nicken zustimmend, als er erklärt: "Zuma muss Präsident werden."
Der Kampf um die Stimmen - bis zuletzt
Der 67-jährige ANC-Chef steht nach übereinstimmender Ansicht aller Parteien schon vor der Auszählung der Stimmen als künftiger südafrikanischer Staatspräsident fest. Doch die Independent Electoral Commission (IEC) wird das Endergebnis voraussichtlich frühestens am Freitag verkünden. Solange dauert die Auszählung. Der größte Wahlbezirk liegt mit 12.000 Wählern in der Innenstadt von Johannesburg. Im Dorf Benede im Nordkap gibt es gerade mal sechs Wahlberechtigte. 23 Millionen Wähler haben sich insgesamt registrieren lassen, zwei Millionen mehr als bei der Wahl 2004, ein Indiz für die Spannung, mit der Südafrika diesmal der Wahl entgegenfiebert. Rund sechs Millionen sind sogenannte "Free born", junge Wähler, die die Apartheidszeit nur noch aus Geschichten kennen und für die Freiheitshelden Nelson Mandela Geschichte sind.
Bis zuletzt haben die Parteien um jede Stimme gekämpft. Vor allem im Westkap, der einzigen Provinz, in der Cope und die DA sich Hoffnungen machen, die Macht des ANC zu brechen. Cope-Spitzenkandidat Allan Boesak, selbst ehemaliges ANC-Mitglied, warnt vor Zuma, seinerseits ebenfalls mit dem Hinweis auf Mugabe: "Der Befreier kann schnell zum Henker werden."
Auch Helen Zille malt Südafrikas Zukunft unter Zuma in ihren Wahlreden in den schwärzesten Farben: Er werde das Land "auf den Pfad der Vetternwirtschaft, der Korruption und der Kriminalisierung eines gescheiterten Staates" führen. Seine Wahl "wäre das sichere Rezept für Kapitalflucht, die Auswanderung der gut Ausgebildeten und die Abwanderung der Investoren". Doch laut Umfragen kann der ANC mit mindestens 60 Prozent der Stimmen rechnen, seine Zwei-Drittel-Mehrheit möglicherweise sogar halten.
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