Montag, 23. November 2009

Politik



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29.04.2009
 

Türken und Armenier

"Die Auseinandersetzung mit der Geschichte wird ausgeklammert"

Die Türkei will sich 94 Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern mit dem Nachbarn versöhnen. Der armenische Erzbischof Aram Atesyan ist zuversichtlich, warnt aber vor zu großen Hoffnungen auf rasche normale Beziehungen.

SPIEGEL ONLINE: Eure Eminenz, die Türkei und Armenien haben sich auf eine "Roadmap" festgelegt, um ihre Beziehungen zu normalisieren - 94 Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern. Bis Ende des Jahres könnte es zur vollen gegenseitigen Anerkennung kommen, zum Austausch von Botschaftern, zur Öffnung der gemeinsamen Grenze. Ist das der Anfang vom Ende einer Erzfeindschaft?

Ermordete Armenier (Aufnahme von 1915): "Die Auseinandersetzung mit der Geschichte wird vorerst ausgeklammert"
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AP

Ermordete Armenier (Aufnahme von 1915): "Die Auseinandersetzung mit der Geschichte wird vorerst ausgeklammert"

Atesyan: Ich bin sehr zuversichtlich. Als der türkische Staatspräsident Abdullah Gül im vergangenen Jahr nach Eriwan flog, um sich das Fußballspiel zwischen beiden Ländern anzusehen, hat er einen bemerkenswerten Schritt getan. Wir Armenier leben seit 2000 Jahren auf anatolischem Boden, und seit über 1000 Jahren teilen wir uns das Land mit den Türken. Unsere Völker waren wie Brüder - bis zu den traurigen Ereignissen von 1915. Jetzt gibt es wieder Hoffnung, aber wir sollten sie nicht verspielen. Deswegen geht es zunächst nur um die diplomatische Annäherung zwischen der Türkei und Armenien, es geht um die Öffnung der gemeinsamen Grenze. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte wird vorerst ausgeklammert.

SPIEGEL ONLINE: Die Grenze zu Armenien ist die letzte geschlossene Grenze der Türkei...

Atesyan: Jedes Land sollte gute Beziehungen mit seinen Nachbarn pflegen. Die Türkei hatte lange Zeit Probleme mit Iran, mit Syrien, mit Russland. Jetzt gibt es überall gute, sogar freundschaftliche Beziehungen. Während seines Besuches in Ankara und Istanbul hat US-Präsident Barack Obama die Türkei ermutigt, auf diesem Weg zu bleiben.

ZUR PERSON

Aram Atesyan, 55, armenisch- apostolischer Erzbischof von Istanbul, wurde im südostanatolischen Diyarbakir geboren. Studium in Jerusalem. Erzbischof seit 2006 (damit formell Nummer Zwei in der armenisch- apostolischen Kirche).

Am 7. April traf er - zusammen mit dem sunnitischen Großmufti von Istanbul, dem syrisch- orthodoxen Erzbischof und jüdischen Oberrabbiner - US- Präsident Obama während dessen Türkeireise.

In der Türkei leben heute ca. 70.000 armenische Christen (die meisten sind orthodox, es gibt aber auch katholische und protestantische Armenier), weitere 100.000 armenischstämmige Türken sollen nach Kirchenangaben zum Islam konvertiert sein.
SPIEGEL ONLINE: Bis vor kurzem wurde Obama von der Türkei bejubelt, jetzt wird er hier ausgepfiffen. Dabei hatte er bei seiner Rede am 24. April, dem Gedenktag der Armenier, bewusst auf das "G-Wort" verzichtet. Er hat den Völkermord nicht als Genozid bezeichnet.

Atesyan: Die türkische Regierung ist unzufrieden, weil der US-Präsident von "Meds Yeghern" gesprochen hat, von der "großen Katastrophe". Das ist die geläufige armenische Bezeichnung für die Ereignisse von 1915 und meint im Prinzip das Gleiche. Es gibt aber auch Unbehagen auf Seiten der Armenier. Viele wollten, dass Obama explizit das G-Wort in den Mund nimmt. Aber natürlich tat er das nicht. Die USA brauchen die Türkei, sie ist einer ihrer wichtigsten strategischen Partner.

SPIEGEL ONLINE: Es fällt auf, dass gerade die Armenier in der Diaspora, in Europa und in den USA, auf die unbedingte Anerkennung des Genozids pochen. Nimmt man denn die Sorgen etwa der türkischen Armenier gar nicht ernst? Dass das Pochen auf die Anerkennung erst einmal gar nichts bringt, sondern nur den Nationalismus in der Türkei weiter anstachelt?

Atesyan: Sie müssen bedenken, dass viele Väter und Großväter der Armenier, die heute in aller Welt leben, noch auf türkischem Boden geboren sind. Tausende Armenier kommen jährlich nach Anatolien, um zu sehen woher sie stammen. Sie haben starke Heimatgefühle. Ich möchte nicht über sie richten, ich möchte über niemanden richten. Ich bin ein Geistlicher, ich habe nicht die Pflicht, Geschichtsforschung zu betreiben oder Schuldfragen zu stellen. Allein, was ich meinen türkischen und armenischen Gesprächspartnern gegenüber sage, ist: Wir wissen, dass meinem Volk 1915 etwas sehr Schreckliches widerfahren ist. Wir wissen auch, dass Türken und Muslimen Leid widerfahren ist. Und wir wissen, dass es heute eine Chance für unsere Völker gibt, aufeinander zuzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das geistige Klima innerhalb der Türkei? Sind die Menschen heute offener für die Geschichte geworden, neugieriger, mutiger?

Atesyan: Ja, es gibt sicher einen Mentalitätswechsel in der Türkei. Vor zehn Jahren hätte niemand den Mut gehabt, Fragen über die Ereignisse von 1915 zu stellen. Diese Angst ist gefallen: Heute kann man darüber schreiben oder im Fernsehen darüber diskutieren. Im Vergleich zu den neunziger Jahren haben die Menschenrechte in diesem Land einen großen Sprung gemacht. Das betrifft auch unsere Religion. Wir sind erst jetzt in der Lage unsere Kirchen frei zu renovieren; bis vor kurzem hätten wir die Regierung für jeden neuen Nagel um Erlaubnis bitten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die Armenier stellen seit den zwanziger Jahren zusammen mit den Griechen und Juden eine von drei staatlich anerkannten Minderheiten in der Türkei. Sind Sie mit diesem Status zufrieden - oder engt er sie ein?

Atesyan: Der Vertrag von Lausanne, der nach dem türkischen Befreiungskrieg von 1923 geschlossen wurde, räumt den Armeniern wichtige Rechte ein. Wir können - im Unterschied etwa zu den assyrischen Christen in der Türkei, die nie als Minderheit anerkannt worden sind - unsere eigenen Schulen, unsere eigenen Gotteshäuser und Zeitungen betreiben. Darüber bin ich sehr froh. Aber es gibt auch Nachteile. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in diesem Land, dass ein Christ niemals Offizier oder Minister werden kann. Ich glaube aber, dass sich das in Zukunft ändern könnte.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das auch dem amerikanischen Präsidenten gesagt, als Sie ihn im Rahmen seiner Türkei-ReiseAnfang April getroffen haben?

Atesyan: Ich habe Präsident Barack Obama zunächst von der Geschichte unseres Volkes in diesem Land erzählt. Ich habe ihm über armenische Kaiser in Anatolien erzählt, aber auch über die Rolle der Armenier im Osmanischen Reich: Als Sultan Mehmet II. Konstantinopel eroberte, brachte er einen armenischen Priester aus Bursa mit. Dem schenkte er 1461 ein Patriarchat in der neuen Hauptstadt, weil damals nur die Griechen eines hatten. Unter allen osmanischen Sultanen gab es immer auch armenische Minister, Berater und Bauherren. Ich habe mit Präsident Obama auch über die Ereignisse von 1915 gesprochen und ihm gesagt, dass beide Völker verstört sind. Ich habe ihm auch gesagt, dass wir, die Armenier in der Türkei, wie Scheidungskinder sind. Wir nennen unsere Heimat auf Türkisch "Anavatan", das heißt "Mutterland", und auf Armenisch "Hayrenik", was Vaterland bedeutet. Wir leben seit über 80 Jahren mit unserer Mutter, jetzt wollen wir endlich, dass sich unsere Eltern versöhnen.

Das Interview führte Daniel Steinvorth

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