Afghanistan
Angriff auf Bundeswehr war militärisch geplant
Von Markus Feldenkirchen, Matthias Gebauer und Shoib Najafizada
Kaltblütig in einen Hinterhalt gelockt und dann mit schweren Waffen beschossen: Der jüngste Taliban-Anschlag auf eine Bundeswehr-Patrouille in Afghanistan hatte eine neue Qualität. Die Attacke, bei der ein deutscher Soldat aus Donaueschingen getötet wurde, war militärisch geplant.
Kabul/Mombasa - Der Verteidigungsminister wählte deutliche Worte: Franz Josef Jung (CDU) hat die Anschläge auf die Bundeswehr in Afghanistan als "hinterhältig und verbrecherisch" verurteilt. Die Attacken machten deutlich, dass der Einsatz für den Frieden am Hindukusch "mit Gefahren für Leib und Leben verbunden" sei. Jung betonte am Donnerstagmorgen in Berlin zugleich, dass die Bundeswehr ihre Arbeit in Afghanistan weiterführen wolle. "Dies sind wir auch unseren gefallenen und verwundeten Soldaten schuldig." Wenn man Vertrauen in der Bevölkerung des Landes herstellen wolle, dürfe man sich nicht zurückziehen.
Der
Überraschungsbesuch von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Afghanistan war am Mittwoch von zwei schweren Anschlägen auf die Bundeswehr überschattet worden. Dabei kam ein Soldat ums Leben, insgesamt neun wurden verletzt.
Der
jüngste Angriff am Mittwoch habe eine neue Qualität gezeigt, sagte Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan am Donnerstag in Berlin. Die Bundeswehr-Patrouille sei in der Nähe des deutschen Feldlagers Kunduz in einen Hinterhalt gelockt und dann mit Schusswaffen und Granaten angegriffen worden. Vier weitere Soldaten wurden dabei verletzt. "Das war eine geplante, man könnte fast sagen eine militärisch geplante Aktion", sagte Schneiderhan. Bisher sei die Taktik eine andere gewesen: kurzfristige Aktionen oder Selbstmordanschläge wie
bei dem ersten Angriff am Mittwochmorgen, bei dem fünf Soldaten verletzt wurden. Ob die neue Taktik der Taliban von Dauer sei, müsse man noch abwarten.
Außenminister Steinmeier verurteilte den Anschlag. "Die Ereignisse erfüllen mich mit Trauer", sagte er nach Informationen von SPIEGEL ONLINE. "Wir verurteilen diesen Anschlag auf das Schärfste. Es ist ein feiger, heimtückischer Anschlag, der zeigt, dass die Feinde Afghanistans auch vor so einer gemeinen Aktion nicht zurückschrecken. Für mich gilt: Auch solche Anschläge dürfen uns nicht davon abhalten, diesem geschundenen Volk zur Seite zu stehen."
"Die Täter schrecken vor kaltblütigem Mord nicht zurück"
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE gab es kurzfristig Überlegungen, dass Steinmeier selbst nach Kunduz fahren sollte. Das wurde jedoch verworfen, weil dort ein Großteil der Bundeswehr-Angehörigen nun mit der Aufklärung der Anschläge und der Sicherung der deutschen Anlagen befasst sind. Steinmeier besuchte jedoch die bei den Anschlägen verletzten Soldaten.
In Masar-i-Scharif wollte der Außenminister einen renovierten Flugplatz eröffnen. Dort sagte er vor deutschen Soldaten in einem Hangar: "Ich bin zu ihnen gekommen, um Ihnen meinen Respekt zu erweisen. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen und Ihnen, den Kameraden des Verstorbenen." Dann sagte er: "Wenn wir über den Aufbau in Afghanistan sprechen, dürfen wir nie vergessen, dass viele dafür Gefahren für Leib und Leben auf sich nehmen. Die Anschläge haben gezeigt: Die Täter schrecken auch vor kaltblütigem Mord nicht zurück."
Die Taliban bekannten sich am späten Mittwochabend zu dem tödlichen Anschlag. Per Satellitentelefon sagte ein Taliban-Sprecher zu SPIEGEL ONLINE, Kämpfer der Islamisten hätten am Abend einen "Konvoi der Feinde" nordwestlich von Kunduz angegriffen. Dabei hätten die Kämpfer die Fahrzeuge mit Maschinengewehren beschossen und Raketen auf die Soldaten geschossen.
Taliban: "Wir wussten von der Visite"
Schon nach dem ersten Anschlag am Mittwoch hatten die Taliban sich mit ihrer Tat gebrüstet. Nur eine halbe Stunde nach dem Angriff unterrichteten sie SPIEGEL ONLINE telefonisch. Wie bereits bei früheren Attacken übertrieben sie den Schaden, den sie angerichtet hätten.
Bemerkenswert an dem ersten Anschlag am Mittwoch und der Propagandaaktion war das Timing. So teilte der Sprecher mit, der Anschlag stehe im direkten Zusammenhang mit Steinmeiers Besuch. "Wir wussten von der Visite", so der Sprecher, "und der Anschlag ist ein Zeichen für den deutschen Außenminister."
Das Verteidigungsministerium erklärte dagegen, es gebe keine Erkenntnisse, dass ein Zusammenhang zwischen dem Anschlag und dem Besuch Steinmeiers bestehe. Diese Position vertritt auch der Außenminister.
Steinmeier setzte trotz der beiden Anschläge seinen Besuch am Donnerstag fort. Er verstehe dies als Signal, vor der Gewalt nicht zu kapitulieren, sagte er. Der Außenminister wollte mit seinem zweitägigen Besuch eigentlich das Signal geben, dass es aufwärts gehe mit Afghanistan. Die zuvor nicht öffentlich angekündigte Reise ist
der vierte Besuch des Außenministers in Afghanistan. Zuletzt war er im Juli vergangenen Jahres an den Hindukusch gereist.
Nach Ministeriumsangaben sind seit Beginn des Bundeswehreinsatzes am Hindukusch 32 deutsche Soldaten ums Leben gekommen. In Afghanistan sind mehr als 3800 deutsche Soldaten stationiert.
Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des
Afghanistan-Kriegs
hatten ihn die USA und die Uno auf der
Petersberger Afghanistan-Konferenz
im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die
Loya Jirga
wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der
Warlords
blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.
Hamid Karzai wurde 1957 in
Kandahar
geboren. Er gehört dem mächtigen
Paschtunen-Stamm
der
Popalzai
an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den
Mudschahidin
kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die
sowjetische Besetzung Afghanistans
. Aus dem Exil in
Pakistan
unterstützte Karzai die
Taliban
zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.
Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.
Nach Beginn des
Afghanistan-Kriegs
2001 und dem Sturz der radikal-islamischen
Taliban
beschloss der
Uno-Sicherheitsrat
, eine internationale Schutztruppe im Land (
Isaf
) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau
Afghanistans
zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile
Wiederaufbauteams (PRTs)
schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.
Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt
Kabul
und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die
Nato
die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die
Bundeswehr
sechs
Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado
ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.
Da die
Taliban
inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete
Pakistans
gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.
Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den
Schlafmohnanbau
verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von
Rohopium
.
Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die
Taliban
ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben.
Isaf
-Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.
Der
Afghanistan-Krieg
der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die
Terroranschläge vom 11. September 2001
. Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk
al-Qaida
, das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische
Taliban
-Regime.
Die Taliban wurden bezichtigt,
Osama Bin Laden
und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.
Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt
Kabul
und der Provinzhauptstädte
Kandahar
und
Kunduz
im November und Dezember 2001. Auf der
Petersberger Afghanistan-Konferenz
im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident
Hamid Karzai
eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden
Loya Jirga
beschlossen. Gleichzeitig erteilte der
Uno-Sicherheitsrat
den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das
Isaf
-Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.
mit Material von dpa und Reuters
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