Von Matthias Gebauer und Alexander Szandar
Berlin - Nach einer dramatischen Verfolgungsjagd durch das afghanische Hochgebirge haben Elitesoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr und afghanische Sicherheitskräfte am Donnerstagmorgen einen hochrangigen Taliban-Führer festgenommen.
Bei dem Festgenommenen handel es sich um Abd al-Racik, für die Bundeswehr seit langem einer der Drahtzieher des Terrors in der Region. Er steht im Verdacht, an Anschlägen gegen die Bundeswehr und afghanische Sicherheitskräfte beteiligt gewesen zu sein.
Ihm werden zudem enge Verbindungen zu den Taliban in Pakistan und zur Drogenkriminalität nachgesagt. Er gilt in der Provinz Badakshan als Kommandeur der Taliban.
Konkret wird dem Mann vorgeworfen, an einem Anschlag auf einen Bundeswehrkonvoi am 26. Juni 2008 und mehreren anderen Anschlägen gegen die Isaf und afghanische Soldaten beteiligt gewesen zu sein.
Der afghanische Polizeichef der Provinz bestätigte den gemeinsamen Zugriff. "Deutsche und Afghanen konnten den hochrangigen Taliban nach einer Verfolgungsjagd festnehmen", sagte General Aqa Noor Kentoz. Er sei an mehreren Anschlägen auf die afghanische Armee und die Deutschen beteiligt gewesen, so der Polizeichef.
Später bestätigte auch das Bundesverteidigungsministerium den Coup in den Bergen.
Der Taliban-Führer wurde nach Informationen von SPIEGEL ONLINE seit Monaten von Spezialkräften der Bundeswehr beobachtet und sollte ursprünglich in der Nacht zu Donnerstag in seinem Haus festgenommen werden. Offenbar aber hatten Beobachtungsposten seiner Kämpfer die anfliegenden Hubschrauber der Bundeswehr frühzeitig bemerkt, so dass der Verdächtige zunächst in die Berge flüchten konnte.
Verfolgungsjagd durch die Berge
Die KSK aber wollte die Zielperson nicht entkommen lassen. Nach stundenlanger Verfolgungsjagd durch das Gebirge, bei der sich ein deutscher Soldat bei einem Ausrutscher leicht verletzte, konnte er am frühen Morgen gestellt und nach Kabul gebracht werden.
Der Generalstaatsanwaltschaft in der afghanischen Hauptstadt liegt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bereits ein umfängliches "gerichtsfestes" Dossier vor, das Ermittler von Bundeswehr, Nachrichtendiensten und Bundeskriminalamt (BKA)zusammengestellt haben.
Das Kommando Spezialkräfte (KSK) ist die Eliteeinheit der Bundeswehr, vergleichbar mit den Special Forces der US-Armee. Die Männer sind speziell ausgebildet und an allen Waffen trainiert. Die Einheit, die in Calw stationiert ist, genießt international einen hervorragenden Ruf.
Radikal-Islamisten gut aufgestellt
Die Einheit agiert zurzeit in Afghanistan unter dem Mandat der internationalen Schutztruppe Isaf. Hauptsächlich versuchen die Spezialkräfte die Sicherheit im Norden des Landes zu verbessern, dem Einsatzort der Bundeswehr. Der aktuelle Zugriff ist eine der wenigen bekanntgewordenen Verhaftungsoperationen der KSK.
Grundsätzlich verfügen die deutschen Militärs über recht genaue Kenntnisse, wo sich Drahtzieher von Anschlägen befinden, wie sich diese bewegen und mit wem sie im Ausland in Kontakt stehen. Als zentrale Figur wird in Geheimdienstkreisen immer wieder Mullah Salam genannt, der hinter mehreren tödlichen Attacken auf die Bundeswehr in Kunduz stecken soll. Mehrere Versuche der KSK, Salam dingfest zu machen, scheiterten jedoch.
Neben der Verhaftung von Abd al-Racik gab es am Donnerstag offenbar eine weitere Aktion, in die deutsche Soldaten verwickelt waren. Deutsche Truppen gerieten um 16 Uhr im Dorf Khwaja Kaftar im Distrikt Chahar Dara der Provinz Kunduz in einen Hinterhalt der Taliban. Die Extremisten seien derzeit von Deutschen eingekreist, durch Bodentruppen und Kampflugzeuge, erklärt der Geheimdienst-Chef von Kunduz, General Majid Azimi: "Die Aktion ging eine halbe Stunde lang, seither ist es wieder ruhig." Azimi vermutet, dass die Deutschen dem für den berüchtigten Chahar Dara Distrikt zuständigen Kommandeur, Maulawi Shamsullah, auf der Spur sind.
In Kunduz befindet sich aktuell außerdem eine Gruppe sogenannter Foreign Fighters aus Tschetschenien und Usbekistan, die dem Spektrum von al-Qaida zugeordnet werden und den Top-Kommandeur der Kunduz-Provinz, Mullah Salam, im Kamp gegen die Deutschen unterstützen.
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