Von Susanne Koelbl
Berlin - Nach Erkenntnissen der amerikanischen Isaf-Führung in Kabul droht der Bundeswehr und ihren Verbündeten in den kommenden Monaten eine Offensive der Taliban. Die militanten Islamisten weichen bereits dem militärischen Druck der Amerikaner im Süden und Osten aus und planten, in Regionen zuzuschlagen, in denen sie weniger Widerstand erwarten, vor allem im deutschen Verantwortungsbereich, erklärte ein hoher US-Offizier dem SPIEGEL.
Erste Anzeichen der "neuen Qualität" sei die veränderte Angriffstechnik wie der doppelte Hinterhalt gegen eine Bundeswehrpatrouille am 29. April im Nordwesten von Kunduz, bei dem ein Soldat starb und vier weitere verwundet wurden.
Die Taliban hätten ihre Kommandostruktur der neuen Lage bereits angepasst. Seit kurzem folgten die örtlichen Kommandeure im Norden zentralen Weisungen der Führung in Peschawar und Quetta in Pakistan und operierten gemeinsam mit Kämpfern der Qaida. Inzwischen seien Usbeken, Tadschiken und Tschetschenen der Extremistengruppe um Tahir Juldaschew in der Region aktiv, bestätigt der Chef des afghanischen Geheimdienstes in Kunduz, General Abdulmajid Azimi.
Vor zwei Wochen überfielen sogenannte "Foreign Fighters" in der Provinz Baghlan, im Bezirk Pul-i-Khumri eine Polizeistation. Sie töteten einige der Sicherheitskräfte, andere wurden verschleppt. Bei einem Taliban-Anschlag, an dem ausländische Terrorkämpfer beteiligt waren, wurden in einem Nachbardistrikt von Pul-i-Khumri der Distriktgouverneur, dessen Sohn, der örtliche Chef des Geheimdienstes sowie ein Staatsanwalt ermordet. In der Provinz Baghlan, die wie acht weitere Provinzen zum deutschen Verantwortungsbereich gehört, unterhalten die Ungarn ein PRT (Wiederaufbauteam).
Angeblich schwor die sogenannte Quetta-Schura, der unmittelbare Führungskreis um Mullah Omar und mächtigstes Entscheidungsgremium der Aufständischen, die Taliban-Kommandeure des Nordens bereits zum Jahreswechsel auf die neue Strategie ein. Bei einem Treffen in Quetta wurden laut US-Geheimdienstberichten direkte Befehle erteilt, endlich effektiv im Norden anzugreifen. Der für den Raum Kunduz verantwortliche Taliban-Kommandeur Mullah Salam musste angeblich harte Kritik einstecken, weil er im Kampf gegen die Deutschen zu wenig Erfolge vorweisen konnte. Nun solle er sich endlich beweisen, heißt es.
Offenbar haben die Taliban die bevorstehenden Wahlen im Blick - die afghanische Präsidentschaftswahl im August und die deutsche Bundestagswahl im September. Die selbsternannten Gotteskrieger wollen die Wähler im eigenen Land durch Anschläge verunsichern und die Mehrheit in Deutschland, die den Bundeswehreinsatz unterstützt, zum Kippen bringen. Taliban-Kommandeure wie Mullah Salam haben gegenüber dem SPIEGEL immer wieder erklärt, ihr Ziel sei es, unter den Bundeswehrsoldaten so viele Verletzte und Tote wie möglich zu produzieren.
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