Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



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10.05.2009
 

Der Papst in Amman

"In der arabischen Welt stehen Christen unter Druck!"

Aus Amman berichtet Ulrike Putz

Irak, Syrien, Libanon: Zehntausende Christen aus arabischen Ländern sind ins Stadion von Amman gepilgert, um mit Papst Benedikt eine Messe zu feiern. Im Gepäck: Geschichten vom harten Leben als Minderheit unter Muslimen - und die Hoffnung auf ein Wunder.

Ein Leben lang hat Saher Iskander für ihren Glauben gelitten: Der Mann der Irakerin verschwand vor 16 Jahren in einem Bagdader Gefängnis, nie wieder hat sie von ihm gehört. "Sie haben ihn ermordet, weil er Christ war", sagt sie. Auch ihre Schwägerin sei gestorben, weil sie den falschen Glauben hatte. "Banditen haben sie getötet, als sie mitbekamen, dass sie in das Haus von Christen eingebrochen waren."

Dass Iskander nun, trotz dieser Schicksalsschläge, bester Laune eine irakische Fahne schwenkt, liegt am Papst-Besuch. Der ist am Wochenende in Jordanien, dort, wohin sie sich mit ihren beiden Söhnen ins Exil geflüchtet hat. Zwar hätten sie auf dem Weg zur Papst-Messe noch ein paar Jordanier angepöbelt, weil sie Heiligenbilder um den Hals trüge, aber das sei jetzt vergessen, sagt die 50-Jährige. "Hier und heute kann ich laut sagen, dass ich an Jesus Christus glaube. Das ist das Wichtigste."

Das Sportstadion von Amman ist an diesem Sonntagmorgen zur Hälfte voll. Auch wenn nicht jeder Platz besetzt ist, ist diese Versammlung von etwa 20.000 arabischen Christen, die gekommen sind, um mit dem Papst eine Messe zu feiern, eine seltene Zurschaustellung christlichen Selbstbewusstseins - in einer sonst vom Islam dominierten Region.

Sei es im Irak, in Syrien, in Palästina: Oft halten es Christen in ihren muslimisch dominierten Heimatländern für ratsam, ihre Religion nicht allzu offen zur Schau zu stellen. Umso begeisterter tun sie es an diesem Sonntag anlässlich des Besuchs Benedikts XVI. Schon Stunden vor dessen Ankunft skandiert die Menge auf arabisch seinen Namen: "Baba, Baba!"

"Wir Christen müssen einander unterstützen, besonders in der arabischen Welt, wo wir unter Druck stehen", sagt Natalie. Die 20-Jährige ist mit ihrer Schwester aus dem syrischen Aleppo angereist, um den Heiligen Vater zu erleben. Durch ihre Gemeindearbeit wisse sie, wie schwer es viele Christen im Nahen Osten hätten. "Vor allem die Iraker und Palästinenser leiden und werden verfolgt."

Christen würden grundsätzlich mit Misstrauen beäugt, sagt Natalie und macht gleich deutlich, dass das wohl auf Gegenseitigkeit beruht. "Muslime sind zurückgeblieben und engstirnig", sagt die Mode-Verkäuferin. "Niemals würde ich einen Muslim heiraten, ich würde mich unglücklich machen." Der christlichen Tugend der Nächstenliebe stünden solche Ansichten nicht im Wege: "Das Christentum ist in dieser Region entstanden, wir haben jahrhundertelange Erfahrung mit den Nichtgläubigen", versichert sie.

Appell an die christliche Solidarität

Dann ist der Papst da, die Alltagssorgen sind vergessen. Im Papamobil mit dem Nummernschild "SCV 1" (Stato Citta' del Vatican - Staat Vatikan-Stadt) dreht Benedikt eine Stadionrunde. Dann schreitet er die Stufen zum Altar empor. Dieser wurde auf dem Fußballrasen erreichtet. "Salaam Aleikum", grüßt er die Gläubigen, "Friede sei mit Euch". Die Menge jubelt. Später setzt er zum Glaubensbekenntnis auf arabisch an, und Zehntausende stimmen ein.

Die zwei Tage seiner einwöchigen Pilgerreise in Jordanien und Israel waren noch ganz der Beschwörung von Eintracht zwischen Muslimen, Juden und Christen gewidmet - am Sonntag nun wurde der Papst zumindest ansatzweise politisch. "Die katholische Gemeinschaft hier ist schwer betroffen von den Schwierigkeiten und der Unsicherheit, die die Nationen des Nahen Ostens erschüttern", sagte Benedikt in seiner auf Englisch gehaltenen Ansprache. Die arabischen Christen sollten sich deshalb immer an die Würde erinnern, die mit ihrem christlichen Erbe einhergehe. Gläubige in aller Welt brächten den Christen im arabischen Raum Liebe und Solidarität entgegen. "Vergesst das nicht!", ermunterte der Papst die Gemeinde. "Spürt es!"

Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fuad Twal, wurde deutlicher: Er prangerte die Krise an, die die Kirche im Heiligen Land durchmache. "Zum ersten Mal in der Geschichte" habe der Klerus Nachwuchsprobleme - und das vor allem, weil das Hauptseminar in Jerusalem liege. "Jerusalem ist zur Gänze besetzt", kritisierte Twal die israelische Besatzung der Heiligen Stätten. Die vermehrte Immigration christlicher Araber führe dazu, dass die kleinen Gemeinden im Heiligen Land ausbluteten.

Was das konkret bedeutet, ist in der Westkurve des Stadions zu sehen. Tausende Asiatinnen füllen dort die Ränge: Philippinische und sri-lankische Hausangestellte, die inzwischen in vielen christlichen Gemeinden des Nahen Ostens die Mehrheit der Gläubigen stellen. "In unserer Kirche sind die Einheimischen ganz klar in der Minderheit", sagt Roshani Kotale, die seit drei Jahren bei einer muslimischen Familie als Haushaltshilfe arbeitet. Zwar sei ihr Priester Jordanier, und auch gebetet werde auf Arabisch. "Aber sonst fühlt sich der Sonntagmorgen in Amman fast wie daheim in Sri Lanka an."

Die jordanischen Gemeindemitglieder seien nett und aufgeschlossen. "Die sind froh, dass wir Ausländerinnen die Bänke füllen", sagt Kotale. Trotzdem seien ihre Glaubensgenossen deprimiert. "Wir gehen ja irgendwann wieder nach Hause, und sie bleiben zurück und werden immer weniger."

Geringe Geburtenrate christlicher Gläubiger

Es ist nicht nur die geringe Geburtenrate, die die Zahl der Gläubigen im Heiligen Land rapide zurückgehen lässt. Natalie hatte davon erzählt, dass Araber mit Auswanderungsplänen bevorzugt Visa bekommen, wenn sie Gemeindemitglieder sind. Offiziell wird von westlichen Ländern bestritten, Christen bevorzugt zu behandeln. Inoffiziell bestätigen westliche Diplomaten diese Praxis jedoch.

Massiv ist die Abwanderung vor allem aus dem Irak. Der Krieg und die zunehmende Christenverfolgung haben Hunderttausende außer Landes getrieben - darunter auch Saher Iskander. Als sie überzeugt worden war, dass sie das Grab ihres vermissten Mannes nie finden würde, floh sie 2006 nach Jordanien. Auch ihre ausgedehnte Familie ist inzwischen in Sicherheit.

"Wir sind um die 50 Verwandte, die meisten sind jetzt in Kanada oder in Deutschland", sagt sie. Von den 1,2 Millionen Christen, die es vor dem Krieg im Irak gab, leben inzwischen nur noch 600.000 in ihrer Heimat. Alle anderen sind tot oder im Exil.

Saher Iskander ist sich der historischen Dimension dieser Abwanderung bewusst. "Wir sind die ältesten christlichen Gemeinden der Welt, und wir sind dabei auszusterben", klagt sie.

Jetzt setzt sie alle Hoffnung in ihr Kirchenoberhaupt. "Der Papst muss politischen Druck ausüben, so dass wir zurück können in unsere Heimat", sagt Iskander. Falls die päpstlichen Worte nichts nützen sollten, hat sie sich rückversichert. "Am 22. Februar habe ich in der Deutschen Botschaft in Amman Asyl beantragt", sagt sie. Nun hofft die Irakerin, schon bald mit ihrer in Deutschland lebenden Verwandtschaft vereint zu sein. "Ich bete jeden Tag dafür", sagt Saher Iskander. "Falls es klappt, hat der Papst ein Wunder vollbracht."

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