Aus Jerusalem berichtet Alexander Smoltczyk
In den Vernichtungslagern kratzten die Häftlinge ihre Namen in Steine, kritzelten sie auf Zettel oder Holzstücke und vergruben sie im Boden. Sie wussten, dass sie nicht überleben würden. Aber ihre Namen sollten nicht vergessen werden.
Deswegen werden die Namen der im Holocaust Ermordeten in Jad Waschem aufbewahrt. Dort, in der "Halle der Erinnerung" schließt Papst Benedikt an dieses Erinnern an: "Ich bin gekommen", sagte er, "um in Schweigen vor diesem Mahnmal zu stehen, das errichtet wurde, um das Gedächtnis der Millionen Juden zu ehren, die in der schrecklichen Tragödie der Shoah getötet wurden. Sie verloren ihr Leben, aber sie werden niemals ihre Namen verlieren."
Kurz nach 17 Uhr war der Papst in die Halle geführt worden. Es ist ein niedriger, dunkler Raum, auf dem eine Betondecke lastet. Der "Ankor"-Mädchenchor hatte das Lied eines Märtyrers gesungen, ein Rabbi das Totenlied El Maleh Rahamim. Der Brief des Elchanan Elkes an seine Kinder war vorgelesen worden. Dann war Benedikt XVI. zu sechs Überlebenden geführt worden, hatte ihnen die Hand gereicht und ihre Geschichten angehört. Er tat das gutwillig, freundlich, so wie er bisher alle Treffen seiner Reise absolviert hat. Dann wurde er ans Rednerpult gebeten, neben sich den Staatspräsidenten Israels, Schimon Peres, den Sprecher der Knesset, Rivlin und den Vorsitzenden des Jad-Waschem-Komitees, Rabbi Lau.
Nach der Shoah bleibt den Nachgeborenen allein, die Namen nicht zu vergessen und sie immer wieder zu nennen. Das ist ein Kerngedanke jüdischer Theologie, den sich der Papst zu eigen macht: "Ihr Leiden darf niemals geleugnet werden, geschmälert oder vergessen!" Das ist eine radikale Absage an die Williamson-Brüder. Und er ruft alle guten Willens auf, wachsam zu sein, damit solche Tragödien sich nicht wiederholen.
Die heilige Schrift lehre, sagte er weiter, dass ein Name einem Menschen "seine einzigartige Aufgabe aufgelegt wird oder eine spezielle Begabung." Dann erwähnt er das Wasserbecken in der Gedenkstätte, in dem sich die Gesichter der ermordeten Kinder widerspiegelten: "Man muss daran denken, wie jedes einen Namen trug. Ich kann mir nur die freudige Erwartung ihrer Eltern vorstellen, als sie ängstlich auf die Geburt ihrer Kinder warteten. Welchen Namen sollen wir diesem Kind geben? Wer hätte sich vorstellen können, dass sie zu so einem beklagenswerten Schicksal verdammt sein würden? Wenn wir hier schweigend stehen, hallt ihr Schrei noch in unseren Herzen wieder. Es ist ein Schrei, der sich gegen jede Ungerechtigkeit und Gewalt erhebt. Es ist der immerwährende Anklage gegen das Vergießen unschuldigen Bluts. Es ist der Schrei Abels von der Erde zu dem Allmächtigen."
Im vorher verteilten Manuskript sind das gewaltige Sätze. Benedikt hält sich auch ans Manuskript. Er liest Wort für Wort ab, in leiser, bisweilen fast erlöschender Stimme. Leiert die Sätze herunter, als ermesse er nicht das Gewicht der Worte. Verschluckt die Worte, nuschelt über wichtige Wörter hinweg, als lese er den Text eines anderen oder, beklemmender noch, als wisse er nicht, was er da liest. Es ist kein starker Moment. Es springt kein Funke über.
Es ist das erste und das letzte Mal, dass ein Papst aus Deutschland, der Krieg und Nazijahre bewusst erlebt hat, in Jad Waschem spricht. Ein Papst zumal, der nach eigener Aussage auch Priester geworden ist, um dem Unrecht und der allgemeinen Lüge etwas entgegen zu setzen. Viele haben erwartet, dass Benedikt als Deutscher spricht, wie er es in der Gedenkstätte Auschwitz getan hat. Er tut es nicht, sondern beschränkt sich auf eine abstrakte, stellenweise sehr bewegende Anrufung der Toten, in der Tradition biblischer Klagelieder. Er ist als Pilger gekommen und gleichzeitig als Haupt einer Weltkirche. Für den Menschen Joseph Ratzinger, sein Leben, seine Erinnerung, ist da, so meint er, kein Platz. Der Papst aus Deutschland entscheidet sich für das Schweigen, wo mancher sich, besonders in Israel, ein wenig mehr Reden gewünscht hätte.
Kein Wort über die Haltung der Kirche zum Holocaust
Der Papst spricht nicht über die Täter. Er nennt jene deutschen Worte nicht, die vor ihm in den Boden der Erinnerungshalle gemeißelt sind. Buchenwald, Auschwitz, Maidanek, Theresienstadt. Und er sagt kein Wort über die Haltung der Kirche zum Holocaust, über den Antijudaismus in der Kirchengeschichte, der die Shoah erst ermöglicht hat.
Er beschränkt sich darauf, das "Mitleiden" der katholischen Kirche mit den Opfern zu nennen. Dann folgt ein Satz, der ihm von Böswilligen - und an denen mangelt es nicht - als Relativierung der Einzigartigkeit der Shoah ausgelegt werden könnte: "In gleicher Weise steht sie zu all jenen, die heute Opfer von Verfolgung sind wegen ihrer Rasse, Hautfarbe, Lebensbedingungen oder Religion."
Hier in Jad Waschem hatte Johannes Paul II. im Jahr 2000 versprochen, "nie wieder" werde die Kirche eine Verfolgung von Juden zulassen. Sein Nachfolger erneuert das Versprechen, wenn auch in weit allgemeinerer Form: "Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostel Petrus, bestätige ich aufs neue - wie meine Vorgänger - dass die Kirche in ihrem Gebet und ihrem Handeln nicht nachlassen wird, um sicherzustellen, dass Hass nie wieder in den Herzen der Menschen herrschen wird."
Er sei Gott dankbar für die Gelegenheit, "hier in Schweigen zu stehen", sagt Benedikt am Ende. "Es ist ein Schweigen des Gedenkens, ein Schweigen des Gebets, ein Schweigen der Hoffnung."
Er endet mit einem Satz aus den Klageliedern Jeremias des Alten Testaments: "Gut ist's, schweigend zu warten auf die Rettung des Herrn" (Klagel, 3; 26) Nach der Zeremonie geht der Papst noch zu dem Mädchenchor hinüber, für ein Gruppenfoto. Alle lächeln in die Kamera. Genau gegenüber sitzen noch einige Alte, etwas verloren auf ihren Stühlen: Avraham Ashkenazi, Ruth Bondy, Israela Hargil, Gita Kalderon, Dan Landsberg und Ed Mosberg. Die sechs Überlebenden. Für sie gibt es kein Gruppenfoto.
Als der Papst schon zum nächsten Termin abgefahren ist, steht noch eine ältere Dame in der Halle der Erinnerung. Es ist Lea Schnapp, eine Journalistin aus Jerusalem. Sie hat ihre zwölfjährige Schwester ins Gas gehen sehen. "Ganze Familie ist gebrannt worden", sagt sie in ihrem Deutsch. Im Block 8 in Auschwitz waren sie tausend Kinder von zwölf bis 16 Jahren: "Fünfundzwanzig sind geblieben." Sie möchte nicht urteilen über die Rede des Papstes. Sie sagt: "Ich bin einseitig. Es ist ein Festival. Aber keiner kann verstehen."
Sie möchte lieber schweigen.
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