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14.05.2009
 

Bilderstreit

Obamas Folterfoto-Bann empört Menschenrechtler

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Es ist Barack Obamas bisher spektakulärste Kehrtwende: Plötzlich will der Präsident keine weiteren Bilder von Gefangenenmisshandlungen durch US-Soldaten herausgeben. Der abrupte Aufklärungsstopp soll Republikaner, Militärs und Geheimdienstmitarbeiter besänftigen - Demokraten und Menschenrechtler zürnen.

Wenn Barack Obamas Pressesprecher Robert Gibbs für seinen täglichen Lagebericht im Weißen Haus vor die Journalisten tritt, hat er meist erst mal einen Scherz parat. Doch an diesem Mittwoch ist Gibbs nicht in der Stimmung für Geplänkel. Er ruft die erste Frage auf, und es geht gleich in die Vollen: Wieso hat sich der Präsident plötzlich entschieden, weitere Bilder von Gefangenenmisshandlungen durch US-Soldaten im Irak und in Afghanistan doch nicht zu veröffentlichen?

US-Präsident Obama: "Das würde keine weitere Aufklärung liefern"
DPA

US-Präsident Obama: "Das würde keine weitere Aufklärung liefern"

Es geht um 44 bisher unveröffentlichte Fotos von Misshandlungen, deren Herausgabe das Pentagon auf Druck von Bürgerrechtlern eigentlich abgekündigt hatte. Ziel war, Exzesse im "Krieg gegen den Terrorismus" der Regierung Bush zu dokumentieren. Doch davon ist nun keine Rede mehr: Das Weiße Haus will auf einmal vor dem Obersten Gerichtshof über die Herausgabe der Bilder streiten und sie in der Zwischenzeit unter Verschluss halten.

"Die Veröffentlichung dieser Fotos würde keine weitere Aufklärung für Verbrechen liefern, die von einigen wenigen Menschen verübt wurden", hatte Obama vor Gibbs' Pressekonferenz angekündigt. Vielmehr würden die Bilder wohl Antiamerikanismus schüren und US-Soldaten in Gefahr bringen - der Präsident fürchtet offensichtlich eine Wiederkehr der empörten Reaktionen auf die Veröffentlichung der Fotos von Gefangenenmisshandlungen in Abu Ghureib im Irak 2004.

In der Pressekonferenz prasselt deshalb nun eine harte Frage nach der anderen auf Gibbs ein. Journalisten lesen ihm seine Aussagen aus dem April vor - damals hatte der Präsidentensprecher an selber Stelle noch erklärt, Obama sei zu dem Schluss gekommen, die Bilder könnten veröffentlicht werden, weil sie die Sicherheit der USA nicht gefährdeten.

Es ist die erste große Kehrtwende dieser Regierung, dementsprechend windet sich Gibbs. Er ist dankbar für jede Ablenkung. Als ein Reporter-Handy wiederholt klingelt, beschlagnahmt er es, trägt es theatralisch in einen Nebenraum. Gibbs scherzt, das seien seine Verhörmethoden. Er orchestriert jeden Schritt - er will diese heiteren Bilder unbedingt in den Abendnachrichten plazieren. Doch die Einlage hilft nicht.

Obamas Umdenken beherrscht die Schlagzeilen. Parteifreunde, die mit ihm einen moralischen Neuanfang verbunden haben, lassen ihrer Enttäuschung freien Lauf. Anthony Romero von der American Civil Liberties Union schäumt: "Wir wollen diese Fotos sehen. Wenn Verbrechen begangen wurden, müssen wir sie untersuchen und bestrafen." Zwar seien einige US-Soldaten für ihre Beteiligung an Misshandlungen verurteilt worden - höherrangige Verantwortliche aber davongekommen. "Obama tauscht seine Prinzipien gegen die Methoden eines Dick Cheney ein", schimpft der linke Blogger Steve Hynd in Anspielung auf den umstrittenen Ex-Vizepräsidenten.

Nur Stunden vor Bekanntgabe der Entscheidung hatten die Demokraten im Kongress eine Anhörung zum Anti-Terror-Kampf abgehalten - Titel: Was lief schief? Höhepunkt war der Auftritt des FBI-Agenten Ali Soufan, der jahrelang mit gegen al-Qaida kämpfte. Er nannte die Verhörmethoden unter der Regierung Bush "langsam", "ineffektiv" und "kontraproduktiv". Denn "so schockierend diese Techniken uns erscheinen", al-Qaida bereite seine Kämpfer ohnehin auf viel Schlimmeres vor. Der Agent wies vehement Aussagen von Ex-Präsident George W. Bush zurück, bei Verhören prominenter Terrorverdächtiger wie Abu Subeida oder Chalid Scheich Mohammed hätten harte Verhörmethoden brauchbare Informationen gesichert.

"An den Rand des Todes und zurück" - Folterberichte

Abu Subeida

AP
Abu Subeida, ein mutmaßlich enger Vertrauer von Osama Bin Laden, wurde im März 2002 in Pakistan gefasst und dabei schwer verletzt. Die CIA sorgte dem Bericht zufolge ausdrücklich dafür, dass er gesundgepflegt wurde - nur um ihn dann foltern zu können. Dazu sei er zwischen mehreren CIA-Lagern hin- und hertransportiert worden.

"Ich erwachte, nackt, an ein Bett gefesselt, in einem sehr weißen Raum. Der Raum maß ungefähr vier mal vier Meter. (...) Nach einiger Zeit, ich glaube, dass es mehrere Tage waren, wurde ich zu einem Stuhl gebracht, an den ich an Händen und Füßen gekettet wurde, für die nächsten zwei bis drei Wochen, glaube ich. In der Zeit bekam ich durch das dauerhafte Sitzen Blasen an der Unterseite meiner Beine. (...) In den ersten zwei oder drei Wochen bekam ich, während ich auf dem Stuhl saß, keine feste Nahrung. Mir wurde nur Ensure (ein Proteingetränk, Anm.d.Red.) und Wasser zu trinken gegeben. Anfangs musste ich mich von dem Ensure übergeben, aber das wurde mit der Zeit besser. (...) Die Zelle und der Raum waren klimatisiert und sehr kalt. Die ganze Zeit spielte sehr laute Brüllmusik. Sie wiederholte sich alle 15 Minuten, 24 Stunden am Tag. Manchmal stoppte die Musik und wurde von lautem Zischen oder Knattern abgelöst. (...) Zwei schwarze Holzkisten wurden in den Raum außerhalb meiner Zelle gebracht. Eine war hoch, etwas größer als ich und schmal. (...) Die andere war kleiner. (...) Ich wurde aus meiner Zelle geholt, und einer der Vernehmenden wickelte ein Handtuch um meinen Hals, und dann benutzten sie das, um mich herumzuschleudern und mich wiederholt gegen die harte Wand des Raums zu schmettern. Auch wurde ich wiederholt ins Gesicht geschlagen. (...) Dann wurde ich in die große Kiste gesteckt, ich glaube für rund eine bis eineinhalb Stunden. Die Kiste war innen und außen total schwarz. (...) Sie bedeckten die Außenseite der Kiste mit einem schwarzen Tuch, um das Licht zu verdunkeln und meine Luftzufuhr zu drosseln. Es war schwer zu atmen. (...) Nach dem Verprügeln wurde ich in die kleine Kiste gesteckt. (...) Da sie nicht hoch genug war, um aufrecht zu sitzen, musste ich mich zusammenkrümmen. Wegen meiner Wunden war das sehr schwer. (...) Die Wunde an meinem Bein öffnete sich und begann zu bluten. Ich weiß nicht, wie lange ich in der kleinen Kiste blieb, ich bin vielleicht eingeschlafen oder ohnmächtig geworden. (...) Dann wurde ich aus der kleinen Kiste gezerrt, ohne dass ich ordentlich laufen konnte, und auf etwas geschnallt, was wie ein Krankenhausbett aussah, und mit engen Gurten sehr eng daran gefesselt. Ein schwarzes Tuch wurde über mein Gesicht gepresst, und die Vernehmer nahmen eine Mineralwasserflasche, um Wasser auf das Tuch zu kippen, so dass ich nicht atmen konnte. Nach ein paar Minuten wurde das Tuch weggenommen und das Bett in eine aufrechte Position gedreht. Der Druck der Gurte auf meine Wunden tat sehr weh. Ich erbrach mich. Dann wurde das Bett wieder in eine horizontale Position gedreht und die gleiche Folter wiederholt, mit dem schwarzen Tuch über meinem Gesicht und dem Wasser aus der Flasche. Diesmal hing mein Kopf mehr in einer rückwärtigen, nach unten gerichteten Position, und das Wasser wurde länger ausgeschüttet. Ich kämpfte mit den Gurten, versuchte zu atmen, doch es war hoffnungslos. Ich dachte, ich würde sterben. Ich verlor die Kontrolle über mein Urin. Seitdem verliere ich auch heute noch die Kontrolle über mein Urin, wenn ich unter Stress stehe. (...) Das dauerte etwa eine Woche. In der Zeit wurde die ganze Prozedur fünfmal wiederholt. (...) Einmal wurde das Ersticken dreimal hintereinander wiederholt. (...) Mehrmals brach ich dabei zusammen und verlor das Bewusstsein. Dann wurde die Folter durch die Intervention eines Arztes gestoppt."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"

Walid bin Attasch

Chalid Scheich Mohammed

Die Kongressanhörung war als Abrechnung mit Bushs Erbe angelegt - doch die Demokraten beginnen sich zu fragen, inwieweit sie bei diesem Vorhaben noch auf ihren eigenen Präsidenten zählen können.

Zwar hat Obama die Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo angekündigt - aber Bagram in Afghanistan behält er bei.

Zwar hat er Folter und die Verhörmethoden unter Bush gleich nach Amtsantritt geächtet - doch über den geplanten juristischen Umgang mit Terrorverdächtigen gibt es Kontroversen und noch keine Klarheit.

Zwar hat das Weiße Haus die sogenannten Folter-Memos veröffentlicht, mit denen die Regierung Bush Misshandlungen juristisch den Weg ebnete - die Verfasser dieser Memos wird es aber wohl nicht zur Verantwortung ziehen.

Immer klarer wird: Obama will versöhnen, nicht spalten, auch was den Umgang mit dem Erbe seines Vorgängers angeht. Mancher fühlt sich an Gerald Fords Amnestie für Vorgänger Richard Nixon erinnert, der nach der Watergate-Affäre in Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt worden war. Die beiden waren allerdings Parteifreunde - während Obama einen ganzen Wahlkampf um die Abrechnung mit Bushs Amtszeit aufgebaut hat.

Womöglich gibt der Oberste Gerichtshof die Bilder frei

Nun will der neue Präsident sein Land nicht vor eine Zerreißprobe stellen. Außerdem wissen Obamas Strategen, wie schnell Entschuldigungen einen US-Präsidenten "unamerikanisch" und schwach erscheinen lassen können. Als Obama beim G-20-Gipfel im April in London die Verantwortung der USA für die Finanzkrise eingestand und mehr Bescheidenheit in Aussicht stellte, wurde er daheim prompt kritisiert: Er solle sein Land nicht schlecht reden.

Obamas Team hat außerdem aufmerksam registriert, wie wütend Militärs und Geheimdienstmitarbeiter auf die Veröffentlichung der Folter-Memos reagiert haben. Die Foto-Entscheidung soll sie nun wohl besänftigen - und vielleicht auch den wütenden Attacken von Ex-Vizepräsident Dick Cheney entgegenwirken. Dieser wettert seit Wochen, Obamas Kurswechsel im Anti-Terror-Kampf mache die USA weniger sicher. Das ist für Obama nicht ungefährlich, denn die Debatte um die Wirksamkeit harscher Verhörmethoden ist in den USA noch nicht vorbei, trotz aller Empörung über die Exzesse unter Bush. "Was, wenn Cheney recht hat?", fragt die "Washington Post".

Denkbar ist nun noch, dass der Oberste Gerichtshof die Freigabe der 44 Fotos verfügen wird. Im April hatte das Weiße Haus selbst noch mitgeteilt, dass es die rechtlichen Chancen für ein Geheimhalten der Bilder gering einschätzt, und auch damit die geplante Herausgabe begründet.

Ob sich daran etwas geändert hat? Obamas Sprecher Gibbs sagt dazu nur, über juristische Details erst einmal nicht sprechen zu wollen.

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