Mittwoch, 10. Februar 2010

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Nahost-Konflikt

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16.05.2009
 

Knesset-Präsident Rivlin

"Der Papst hat keine Gefühle gezeigt"

Mit harten Worten bilanziert der israelische Parlaments-Präsident Rivlin den Besuch von Benedikt XVI. im Heiligen Land. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview fordert der Politiker des rechtsgerichteten Likud den Vatikan auf, endlich die Archive über Pius XII. zu öffnen - den Papst während der Hitler-Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie die Zeremonie zum Empfang des Papstes am Flughafen Tel Aviv boykottiert?

Reuven Rivlin: Ich bin Teil der Regierung, aber ich bin auch Israeli und Jude. Als Teil der Regierung hielt ich es für richtig, dass der Papst formal empfangen wird, daher habe ich einen meiner Stellvertreter geschickt. Aber jeder Politiker muss nach seinem Gewissen handeln, und ich war der Ansicht, dass ich meine Mission ohne eine starke Botschaft nicht erreichen würde - die Mission, an den Holocaust zu erinnern und es anderen nicht durchgehen zu lassen, zu vergessen.

Knesset-Präsident Rivlin: Attacken gegen Papst Benedikt XVI. nach dessen Israel-Besuch
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Getty Images

Knesset-Präsident Rivlin: Attacken gegen Papst Benedikt XVI. nach dessen Israel-Besuch

SPIEGEL ONLINE: Der Papst sagte in seiner Rede am Flughafen, er werde während seines Aufenthalts in Israel "Gelegenheit haben, die Erinnerung der sechs Millionen jüdischen Opfer der Shoah zu ehren und dafür zu beten, dass die Menschheit nie wieder Zeuge eines Verbrechens dieser Größenordnung wird". Was also ist Ihr Problem?

Rivlin: Es gibt mehrere Probleme. In seiner offiziellen Ansprache sagte der Papst, er komme ins Heilige Land als ein Pilger. Ich wollte klarstellen, dass das Heilige Land heute der Staat Israel ist und seine Hauptstadt Jerusalem. Zudem verweigerte der Papst dem Bürgermeister von Jerusalem, eine Rede anlässlich seiner dortigen Ankunft zu halten - weil das als Anerkennung der israelischen Souveränität über die Stadt Jerusalem verstanden werden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Das ist doch nichts Außergewöhnliches. Auch Länder, mit denen Sie sehr herzliche Beziehungen unterhalten, akzeptieren Israels Souveränität über Ost-Jerusalem nicht.

Rivlin: Wenn das alles wäre, könnte ich zu dem Schluss kommen, dass es sich einfach um die Zwänge des Vatikans handelt. Aber man kann bestimmte Fakten im Leben des Heiligen Stuhls nicht ignorieren. Da ist zu allererst der Ideologe - als 14-Jähriger trat er der Hitlerjugend bei ...

ZUR PERSON

Reuven Rivlin, geboren 1939, ist seit Februar 2009 Sprecher des israelischen Parlaments. Seit 1988 gehört er mit Unterbrechungen der Knesset an. Von 1988 bis 1993 war der Rechtsanwalt Vorsitzender der konservativen Likud- Partei. Der ehemalige Kommunikationsminister gehört nach wie vor zu den wichtigsten Politikern der Likud- Partei von Regierungschef Benjamin Netanjahu.
SPIEGEL ONLINE: ... was Vatikan-Sprecher Lombardi bestreitet ...

Rivlin: ... später der Wehrmacht. Auch damit haben wir uns bei allen Deutschen abgefunden. Wir könnten also sagen: Wir vergessen nicht, aber wir vergeben. Hinzu kommt aber, dass der Papst eine Person rehabilitierte, die den Holocaust leugnet ...

SPIEGEL ONLINE: … Bischof Williamson. Aber der Papst hat seine Entscheidung später revidiert und jede Form der Holocaust-Leugnung verurteilt.

Rivlin: Er machte eine Kehrtwende, ja. Aber ich bin nicht sicher, ob er dies vom Grunde seines Herzens her tat. Dann gab er der Durban-II-Konferenz der Vereinten Nationen seinen Segen, die Irans Präsident Machmud Ahmadinedschad eine Bühne für seine anti-israelischen Tiraden lieferte.

SPIEGEL ONLINE: Der Papst hat die Konferenz gegen Rassismus als "wichtig" bezeichnet, nicht die Rede des iranischen Präsidenten.

Rivlin: Sagen wir, all dies könnten wir lösen. Es gibt aber noch etwas. Um die Leugnung des Holocausts aus der Welt zu schaffen - nicht nur dem jüdischen Volk zuliebe, sondern wegen der ganzen Welt - fordern wir den Papst auf, uns das Archiv des Vatikans zu zeigen, und so zu beweisen, dass die Shoah stattfand und dass der Heilige Stuhl unter Pius XII. zu unserem Entsetzen geschwiegen hat. Er hat nicht nur die Fakten unter den Teppich gekehrt, sondern auch, durch sein Schweigen, die Shoah in erheblichem Maß legitimiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem und das Büro von Präsident Schimon Peres haben den Papst vom Besuch des Museums und der Tafel, die Pius XII. kritisiert, entbunden.

Rivlin: Wir dürfen nicht die Botschaft aussenden, dass die Juden bereit sind zu vergessen, was passiert ist. So etwas passiert Menschen in Regierungspositionen oft. Es ist in der Welt populärer, über die Zukunft zu sprechen, statt an die Vergangenheit zu erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Präsident Peres sagt, es sei eine Sache, was Zeitungen schrieben, das endgültige Urteil über den Besuch des Papstes aber werde in den Geschichtsbüchern stehen und nur das zähle.

Rivlin: Ich sage es ausdrücklich: Unser Präsident denkt an die Zukunft, und zwar nur an die Zukunft. Ich aber glaube, dass wir keine Botschaft zulassen dürfen, die impliziert, wir Juden seien bereit, zu vergessen. Es gibt eine Sache, bei der Juden keine Kompromisse machen können: die Erinnerung an die Shoah.

NAHOST-KONFLIKT

Die Gebiete

Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat. Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza- Streifen und das Westjordanland. Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.

Die Gegner

Die Personen

Geschichte

Waffen

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie wollen, dass die Welt den Holocaust in seiner historischen Singularität erinnert, der in seiner Größenordnung nicht vergleichbar ist, sollten Sie Ihren Parteifreund, Premierminister Benjamin Netanjahu, und andere israelische Politiker verurteilen, die wiederholt Ahmadinedschad mit Hitler vergleichen.

Rivlin: Aber es ist doch Ahmadinedschad selbst, der den Holocaust missbraucht! Er leugnet Israels Existenzrecht, indem er sagt: Die Shoah hat nicht stattgefunden! Es ist ein historischer Bluff! Er benutzt den Holocaust, um die Zerstörung des Jüdischen Staates zu rechtfertigen. Mit der Leugnung der Shoah will er nur die "nächste Runde" vorbereiten.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende haben Sie den Papst doch empfangen, bei der Gedenkzeremonie in Jad Vaschem.

Rivlin: Als ich ihn in die "Halle der Erinnerung" führte, machte ich ihn auf die im Boden eingelassenen Namen der Todeslager aufmerksam: Buchenwald, Auschwitz, Dachau ... Aber ich merkte, er wollte nicht, dass ich darüber rede. Als er dann neben mir und dem Rabbi Israel Meir Lau saß, sagte ich zu ihm: 'Der Holocaust ist nicht nur eine Metapher. Rabbi Lau ist selbst ein Überlebender der Shoah. Er war vier, als er nach Buchenwald kam und acht, als es verließ. Hier können Sie die Shoah berühren.' Aber der Papst hat keine Emotionen gezeigt. Als ich Jad Vaschem verließ, wusste ich, warum ich nicht zum Empfang am Flughafen gekommen bin.

Das Interview führte Christoph Schult

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