Von Marc Pitzke, New York
Ähnlich am Stichtag der Invasion, dem 20. März 2003. Ein Foto von drei US-Soldaten wurde abermals von einem Jesaja-Spruch begleitet, flott kriegerisch umgedeutet: "Ihre Pfeile sind scharf und alle ihre Bogen gespannt. Ihrer Rosse Hufe sind wie Felsen geachtet und ihre Wagenräder wie ein Sturmwind."
Der Brief des Paulus an die Epheser musste herhalten, um einen Panzer durch die Wüste zu begleiten: "Um deswillen ergreifet den Harnisch Gottes, auf dass ihr an dem bösen Tage Widerstand tun und alles wohl ausrichten und das Feld behalten möget." Die Sprüche Salomons flankierten die Soldaten auf dem Weg nach Bagdad: "Befiehl dem HERRN deine Werke, so werden deine Anschläge fortgehen."
Der erste Brief des Petrus wurde zum Spott auf Saddam Hussein, abgebildet bei einer seiner TV-Durchhaltereden: "Denn das ist der Wille Gottes, dass ihr mit Wohltun verstopft die Unwissenheit der törichten Menschen." Und für den Einzug der Truppen durch die "Schwerter von Kadesia", den berühmten Triumphbogen in Bagdad, bot sich abermals der Prophet Jesaja an: "Tut die Tore auf, dass hereingehe das gerechte Volk, das den Glauben bewahrt!"
Die bisher unbekannten Memo-Deckblätter sind ein weiterer "blast from the past" - ein grelles Aufflackern der Bush-Vergangenheit, die die Amerikaner nicht loslässt. Im Gegenteil: In letzter Zeit wird US-Präsident Barack Obama vom Erbe seines Vorgängers geradezu verfolgt.
Die endlose Folter-Debatte, der Unmut über die Fortsetzung der Guantanamo-Tribunale, die Dauer-Tiraden von Ex-Vizepräsident Dick Cheney: Immer öfters stolpert Obama über das Vermächtnis der Bush-Clique, verfängt sich seine Agenda in alten Fallstricken, muss er abrücken von seinem Wahlversprechen eines Bruchs mit jenen Jahren. Längst verflogen das Motto seines Amtsantritts: "Wir müssen nach vorne schauen, statt nach hinten zu schauen."
"Einem Könige hilft nicht seine große Macht"
Doch die alten Kämpfer lassen nicht locker: Sie haben begonnen, ihr historisches Erbe für die Nachwelt zu definieren. Dass die Bibel-Memos ausgerechnet jetzt auftauchen, ist kein Zufall: Sie sind ein erster Salvo des Bush-Lagers gegen das Rumsfeld-Lager, derweil deren Protagonisten an ihren Autobiografien sitzen.
"GQ" garniert die Fotos mit einer gnadenlosen Generalabrechnung mit Rumsfeld - bei der Bush auffallend gut wegkommt. Roter Faden seiner Gespräche mit "mehr als einem Dutzend Bush-Loyalisten", schreibt Draper, sei ein gemeinsames Gefühl gewesen: "Intensive Feindseligkeit gegenüber Donald Rumsfeld."
Die Grabenkämpfe um die Deutung der Bush-Jahre durchziehen auch die meisten anderen Vergangenheitsdebatten, die Obama plötzlich am Hals hat. Was wusste Cheney? Wer war für die Folterungen verantwortlich? Waren auch die Demokraten darüber informiert? Letztere Frage hat jetzt sogar Nancy Pelosi, die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, in die Klemme gebracht: Sie verstrickte sich in Widersprüche, als sie die CIA beschuldigte, den Kongress 2003 darüber belogen zu haben.
Das aufwendigste Memo-Deckblatt, das "GQ" zeigt, fabrizierten die Pentagon-Bastler am 10. April 2003, dem Tag nach dem Umsturz der Saddam-Statue in Bagdad. Das Foto landete auf dem Cover, samt Bildern jubelnder Mengen und eines irakischen Kindes, das einen GI küsst. "Einem Könige hilft nicht seine große Macht", steht darüber, "ein Riese wird nicht errettet durch seine große Kraft." Buch der Psalmen, 33.
Auch Donald Rumsfeld könnte sich das nun zu Herzen nehmen.
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