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23.05.2009
 

Debatte über Entwicklungshilfe

Warum die Industriestaaten Afrika jetzt nicht im Stich lassen dürfen

Während die Welt auf Krisenherde wie Somalia oder Sudan schaut, schaffen andere Staaten Afrikas die Wende: bei den Exporten, in der Bildung, im Kampf gegen Seuchen. Das alles gerät in Gefahr, warnt Liberias Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf, wenn die Industrieländer in der Krise ihre Hilfe kürzen.

Seit mehr als einem Jahrzehnt geht es in weiten Teilen Afrikas voran. Die Wirtschaft wächst stetig, die Armut geht zurück und eine immer größere Zahl von Ländern wird demokratisch regiert. Aber die weltweite Finanzkrise droht diese Fortschritte zunichte zu machen, indem sie Investitionen, Exporte und Entwicklungshilfe sinken lässt, die doch gerade jetzt steigen sollten, um auf den Erfolgen aufzubauen.

Computer-Kurs in Liberia: "Wir bauen unsere Nation wieder auf"
AP

Computer-Kurs in Liberia: "Wir bauen unsere Nation wieder auf"

Während die internationale Aufmerksamkeit sich verständlicherweise auf die Ereignisse in Darfur, Somalia und Simbabwe konzentriert hat, vollzog sich in verschiedenen Ländern auf dem gesamten Kontinent, darunter etwa Ghana, Tansania, Mosambik und Liberia, leise eine deutliche Wende.

In vielen Ländern liegt die Wachstumsrate konstant über fünf Prozent. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der afrikanischen Kinder, die zur Schule gehen, um 34 Millionen erhöht. Über zwei Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner erhalten lebensrettende HIV/Aids-Medikamente. In Ruanda und Äthiopien ist die Zahl der Todesfälle durch Malaria halbiert worden. In Sansibar ist die Krankheit praktisch ausgerottet. Der Anteil der Menschen, die in Armut leben, geht rasch zurück und ist laut Weltbank in Afrika in nur sechs Jahren von 58 auf 51 Prozent gesunken.

Entscheidend für diese Fortschritte waren eine größere afrikanische Führungsstärke und eine von mehr Rechenschaftspflicht geprägte Regierungsführung. Heute sind über 20 afrikanische Länder Demokratien - gegenüber lediglich drei in den achtziger Jahren. Es finden Mehrparteienwahlen statt, die Menschenrechtslage ist verbessert und die Medien genießen weitaus größere Freiheit. Diese Anstrengungen werden durch eine immer wirksamere Entwicklungszusammenarbeit mit Deutschland und anderen Partnern unterstützt.

Mehr Grundschulen dank internationaler Hilfe

Betrachten wir beispielsweise die Entwicklungen in meinem Heimatland, Liberia. Nach 14 verheerenden Kriegsjahren standen wir vor riesigen Herausforderungen und verfügten dabei über nur sehr geringe Mittel. Unsere demokratisch gewählte Regierung arbeitet inzwischen seit einiger Zeit mit internationalen Partnern und einer wachsenden Zahl privater Investoren zusammen, um hier eine Wende zuwege zu bringen.

In den vergangenen drei Jahren konnten wir die Zahl der Kinder, die die Grundschule besuchen, landesweit verdoppeln, Hunderte von Gesundheitseinrichtungen instand setzen und die Wiederherstellung von Straßen und Stromerzeugung in Angriff nehmen. Wir haben Schritte zur Ausrottung der Korruption und zur Absetzung gewissenloser Beamter unternommen. Das Wachstum beträgt über acht Prozent pro Jahr. Und am wichtigsten: Wir haben Frieden. Wir bauen unsere einst so lebendige Nation wieder auf - und die entscheidende Kraft, die Hoffnung, ist schon wieder erstarkt. Ohne internationale Unterstützung hätten wir diese Fortschritte niemals erzielt und wären mit einem weitaus größeren Risiko eines erneuten Kriegsausbruchs konfrontiert.

Die globale Wirtschaftskrise bedroht nun die Fortschritte in meinem Land und in anderen Teilen unseres Kontinents. In den nächsten zwei Jahren könnten Afrika schätzungsweise 50 Milliarden Dollar an Einnahmen entgehen. Rückläufige Gastarbeiterüberweisungen, Handelsströme und Investitionen könnten neu gegründete Unternehmen gefährden, Millionen Arbeitsplätze vernichten und Spannungen und Instabilität zunehmen lassen.

Afrikas Volkswirtschaften benötigen einen Anschub

Die Krise - zu der Afrika durch nichts beigetragen hat - erfordert eine entschlossene Antwort. Die afrikanischen Staaten müssen das ihre tun, indem sie weiterhin Korruption und Bürokratismus bekämpfen und Hindernisse für privatwirtschaftliche Initiativen abbauen. Aber ebenso wie die Industrieländer Konjunkturprogramme benötigen, brauchen die Volkswirtschaften Afrikas einen Anschub, um ihre Fortschritte auf Kurs zu halten. Die Ergebnisse des G-20-Treffens Anfang April stellen einen hilfreichen ersten Schritt dar. In Zukunft sind fünf weitere Schritte entscheidend:

  • Erstens muss die Zusage der G20, den Internationalen Währungsfonds mit neuen Mitteln auszustatten, umgesetzt werden und der IWF muss diese Mittel den Ländern rasch und ohne belastende Konditionen zukommen lassen.

  • Zweitens müssen die Weltbank und die Afrikanische Entwicklungsbank ihre Mittel mit größerer Hebelwirkung einsetzen, die Förderung offensiv zeitlich vorziehen und sie besser auf Wachstum, Beschäftigung und soziale Sicherung ausrichten. Die Weltbanktochter International Finance Corporation (IFC) muss sich bei ihren Anstrengungen zur Aufrechterhaltung von Privatinvestitionen besonders flexibel und innovativ zeigen.

  • Drittens müssen die bilateralen Partner auf ihre Versprechen zur Steigerung der Entwicklungszusammenarbeit aufbauen so wie auch auf ihre Zusagen zur mehr Wirksamkeit durch den Abbau bürokratischer Verzögerungen, durch schnellere Auszahlungen und eine bessere Anpassung der Programme an die Prioritäten Afrikas.
  • Viertens müssen die Exportversicherungen ihre Mittel dazu einsetzen, Risiken und andere Hemmnisse für die Handelsfinanzierung anzugehen, wie beispielsweise Liquiditätsfragen.

  • Fünftens müssen sich alle Länder protektionistischem Druck widersetzen, damit der Handel als Motor für die Wiederbelebung des globalen Wachstums wirken kann.

Die Bürgerinnen und Bürger sowie die Verantwortlichen in den Geberländern sollten sich bewusst sein, wie wichtig ihre Unterstützung für die neuen politisch Verantwortlichen Afrikas ist und wie sehr die meisten Afrikanerinnen und Afrikaner diese Partnerschaft wertschätzen. Kritikern zufolge schrumpfen die afrikanischen Volkswirtschaften und leiden unter zunehmender Armut. Schuld sei das Versagen der Entwicklungszusammenarbeit.

Aber dieses Argument ist seit mindestens einem Jahrzehnt überholt. Die afrikanische Wende ist Wirklichkeit, die Belege lassen sich nicht wegdiskutieren. Entscheidend für diese Wende waren die Afrikaner und Afrikanerinnen selbst, aber eine wirksamere Entwicklungszusammenarbeit hat einen wichtigen Beitrag geleistet. Ein Senken der Entwicklungszusammenarbeit würde das privatwirtschaftliche Wachstum bremsen, die Armutsbekämpfung zum Erliegen bringen und Frieden und Stabilität untergraben - in Ländern, die dabei sind, sich ihren Platz in der Weltwirtschaft hart zu erarbeiten.

Es wäre eine grausame Ironie des Schicksals, wenn Afrika gerade jetzt - da es erste Erfolge verzeichnen konnte - durch eine nicht zu beeinflussende Krise um seine Perspektiven gebracht würde. Durch entschlossene Maßnahmen seitens der afrikanischen Regierungen und starke Unterstützung der internationalen Gemeinschaft kann die Erholung Afrikas fortgeschrieben werden. Beide Seiten sollten auch weiterhin ihren Teil dazu beitragen.

Der Beitrag ist zuerst in der "Washington Post "am 9. April 2009 erschienen und wurde für SPIEGEL ONLINE aktualisiert.

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