Von Hans-Jürgen Schlamp, Brüssel
Zu Vatanen passt dann schon eher der Enkel des letzten italienischen Königs. Denn auch Emanuele Filiberto (der volle Vorname geht so weiter: Umberto Reza Ciro René Maria) di Savoia, Prinz von Piemont und Venetien, kandidiert bei den Christdemokraten, jedenfalls bei einer der kleinen Parteien aus der Erbmasse der einst übermächtigen Christentruppe "Democrazia Cristiana".
Er spreche fünf Sprachen, stellte sich das Blaublut bei einer Pressekonferenz vor, kenne die Hälfte der europäischen Staatschefs persönlich, und mit der anderen Hälfte sei er verwandt. Emanuele Filiberto sei "eine außergewöhnliche Person und sehr fähig", bestätigte auch der Christenpartei-Chef.
Bislang hatte der 36-jährige Adelsspross freilich nicht den allergrößten Erfolg in seiner beruflichen und politischen Laufbahn - und viel Pech und Mühsal mit manchen Partnern, Freunden und Mitarbeitern. Einer verwickelte sich in einen Erpressungsskandal um junge Showgirls, gegen einen anderen ermitteln Staatsanwälte in Sachen Steuerhinterziehung und Betrug, ein Dritter wurde unter Mafia-Verdacht inhaftiert.
Autodiebe im Kofferraum
Dergleichen Unbill kennt des Prinzen potentieller Parlamentskollege George "Gigi" Becali nur zu gut. Gerade erst musste der rumänische Unternehmer, Politiker, Fußballclub-Besitzer (Steaua Bukarest) zwei Wochen Untersuchungshaft absitzen. Seine fünf Bodyguards sollen drei Diebe, die Becalis Luxuskarosse gestohlen hatten, gesucht, gefunden, im Kofferraum abtransportiert und stundenlang misshandelt haben.
Becali, 50, der mit Immobilien Millionen verdient hat, stammt nicht, wie Italiens Emanuele, von einem Königsgeschlecht ab sondern von einem Schafzüchter aus den Ostkarpaten. Aber wie der Prinz fühlt sich auch Becali zum Führen geboren. "Ich werde ein harter und weiser Herrscher sein", kündigte er an, als er noch Präsident seines Landes werden wollte. Jetzt kämpft er mit Rechtsaußen-Parolen um einen Sitz im Europaparlament. Und wenn er keinen Erfolg in der Politik habe, vertraute er einem Rundfunk-Reporter an, "widme ich mich vielleicht wieder den Schafen".
Dagegen fällt selbst Slavi Binev ab, und das will viel heißen: Der 43-jährige Bulgare besaß Diskotheken und Nachtclubs, kontrolliert mit seinen Partnern Firmen im Unterhaltungs-, Bau- und Sicherheitsgewerbe, beschäftigt 2000 Leute, setzt viele Millionen um. Doch vor allem zehrt der Geschäftsmann von seinem Ruf als Balkan- (1990) und Europameister (1992) der Kampfsportart Taekwondo. "Was uns nicht umbringt, macht uns stärker" ist Binevs Wahlspruch, der seit 2007 für die nationalistische Ataka-Partei unter Europas gewählten Abgeordneten sitzt und noch etwas bleiben möchte.
Der "mit Minderjährigen verkehrt"
Allenfalls Silvio Berlusconi, wer sonst, kann die illustren Kandidaten aus Europas wildem Osten oder dem Hochadel toppen. Denn so viel Geld und Gerichtsverfahren wie der 72-jährige italienische Regierungschef hat wohl keiner von denen. Auch sein Unterhaltungswert ist unerreicht, womöglich unerreichbar: Kürzlich ist er knapp, dank einer Gesetzesänderung im mehrheitlich von ihm kontrollierten Parlament, einem Bestechungsprozess entgangen. In den Medien seines Landes stehen beinahe täglich neue Details seiner, womöglich schon längere Zeit andauernden Bekanntschaft mit einer jetzt gerade 18-jährigen schönen Neapolitanerin. Berlusconis Frau will nun nicht länger bei einem Mann bleiben, der "mit Minderjährigen verkehrt" und sich nach fast dreißig Jahren Ehe scheiden lassen.
Ganz großes Theater in Italien also - und nun will Berlusconi auch noch ins Europäische Parlament gewählt werden. Da war er schon einmal - als man noch im nationalen und im europäischen Abgeordnetenhaus gleichzeitig sein durfte -, aber oft war er damals nicht da. Er war eher ein symbolischer Abgeordneter. Auch diesmal wird er den Sitz, den er dort sicher gewinnen wird, nicht einnehmen. Er wird gewiss nach der Wahl darauf verzichten und einem Nachrücker auf der Liste Platz machen. Es geht nur um die Wahl, darum, seinen Kandidaten beizustehen, ihnen mit seiner unbegreiflichen Popularität im Lande Stimmen zuzuführen und so möglichst vielen von ihnen, auch der hübschen Barbara Matera, zu einem Platz im Europäischen Parlament zu verhelfen.
Matera, so schreibt eine Zeitung, mache gerade sehr fleißig einen Crash-Kurs in Politik.
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