Von Andreas Lorenz, Peking
Nordkoreas Machthaber war sehr fleißig in den vergangenen Tagen und Wochen: Kim Jong Il besuchte nicht nur die Luftwaffeneinheit 814, wo er die Piloten aufforderte, "Helden im Heiligen Kampf der Verteidigung des Vaterlandes" zu werden. Die Truppe jubelte ihm begeistert zu. Kim Jong Il besuchte auch zwei Bergwerke in der Hamgyong-Provinz und historische Schlachtfelder, wo ihn eine gertenschlanke Schönheit in Uniform über die Örtlichkeiten informierte.
In den Wochen zuvor hatte er ein Stahlwerk, einen Staudamm und einen neuen Swimmingpool in der Hauptstadt inspiziert, stets umgeben von devoten Offizieren und Funktionären, die Notizblöcke in der Hand, damit sie seine wichtigen "Spontan-Anleitungen" gleich aufschreiben konnten.
Derweil keimte in Admiral Michael Mullen, Tausende Kilometer jenseits des Pazifik, eine furchtbare Ahnung auf: Es gebe Hinweise, spekulierte der Chef des US-Generalstabs, dass Kim Jong Il einen zweiten Atomtest erwäge. Mullens Verdacht, offenkundig gespeist aus Geheimdienst-Informationen, erwies sich als richtig
Nach der ersten Explosion im Oktober 2006 zündete das nordkoreanische Militär am Montagmorgen Ortszeit in einem tiefen Stollen in der Nähe der Stadt Kilju eine weitere Bombe, "stärker in der Explosivkraft und Kontrolltechnologie", wie die offizielle Nachrichtenagentur KCNA jubelte.
Damit segelt das Regime des "Lieben Führers" weiter auf seinem Konfrontationskurs mit der restlichen Welt. Es nimmt Verurteilungen im Uno-Sicherheitsrat und weitere Sanktionen in Kauf. Kim und seinen Generälen sind Strafen egal.
Selbst China ließ Nordkorea jüngst im Stich
Denn sie fühlen sich von der internationalen Gemeinschaft verraten und verkauft. Sogar ihr engster Verbündeter China hat sie jüngst im Stich gelassen, als er nach dem Abschuss einer Langstrecken-Rakete nicht verhinderte, dass der Uno-Sicherheitsrat Nordkorea verurteilte.
Die Nordkoreaner beteuerten, nur einen Kommunikationssatelliten in den Orbit zu schießen. Amerikaner und die Nachbarn allerdings hielten dies für Unsinn. Kim wolle eine Langstreckenrakete testen, auf der man womöglich einen atomaren Sprengsatz montieren könne. Ein Satellit kam jedenfalls nie im Kosmos an, das Geschoss fiel - mit oder ohne ihn - in den Pazifik.
Nach weltweiter Kritik kündigte das Regime die Pekinger Sechser-Gespräche auf, die zum Ziel hatten, eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel zu schaffen. Nie wieder werde man an den Verhandlungstisch zurückkehren, wetterten die Funktionäre in Pjöngjang.
Von den USA verlangten sie sogar eine Entschuldigung, weil sie "mit einem Pfeil in den Händen" die "Autonomie" Nordkoreas attackierten.
Was passiert mit der Bombe, wenn Nordkorea kollabiert?
Tatsächlich fühlen sich die Nordkoreaner von allen Seiten betrogen: Nachdem sie sich im vorigen Jahr bereit erklärt hatten, den Atomreaktor Yongbjon einzumotten und sogar einen Kühlturm gesprengt hatten, seien die Verhandlungspartner ihren Teil des Deals schuldig geblieben, argumentieren sie.
Was Pjöngjang verärgert: Die Amerikaner verlangten plötzlich intensivere Kontrollen, nur zögerlich strichen sie Nordkorea von der Liste der Länder, die den Terror unterstützen. Und auch der neue Präsident Barack Obama erwies sich als nicht so freundlich wie gedacht.
Nun weht wieder ein kalter Wind in Ostasien, ein Ausgleich zwischen den beiden Koreas scheint in weiter Ferne, die Welt Lichtjahre von nuklearer Abrüstung entfernt. Selten erschien die Lage so unsicher wie in diesen Tagen, nachdem Pjöngjang jetzt auch die gemeinsame Wirtschaftszone mit Südkorea geschlossen hat. Und was, so fragen sich nicht nur die Anrainerstaaten, passiert mit der Bombe, wenn das nordkoreanische Hungerregime eines Tages kollabiert?
Die Fähigkeit die Bombe zu bauen, haben die Nordkoreaner in der Sowjetunion gelernt, womöglich hat auch Pakistan Kenntnisse geliefert. Nun verdächtigen die USA und Israel die Nordkoreaner, wiederum Technologie an die Iraner verkauft zu haben.
In Nordkorea sollen mehrere Funktionäre, die sich zu leichtsinnig auf die "Sonnenschein-Politik" des Südens eingelassen hätten, aus ihren Ämtern entfernt worden sein. Konservative Kader wollen den privaten Märkten, die allenthalben im Land entstanden sind, den Garaus machen. Das bedeutet: Die Hardliner unter den nordkoreanischen Militärs haben derzeit die Oberhand.
Sie sehen in Konfrontation und Provokation die einzige Chance, das Regime und ihre Pfründe zu sichern. "Vor dem Hintergrund der Gesundheitsprobleme Kim Jong Ils, seiner unsicheren Nachfolge, der schwachen Wirtschaft und der anhaltenden Lebensmittelknappheit, gibt es berechtigte Fragen über die interne Stabilität Nordkoreas", erklärte jüngst CIA-Chef Leon Panetta.
In solch Situation der Schwäche muss ein Regime, das sich von allen Seiten verfolgt und missverstanden fühlt, laut mit dem Säbel rasseln. Dass Kim die Bombe knallen lässt, ist nur folgerichtig. Längst wirkt der Mann nicht mehr erratisch, sondern eiskalt beim Ausmanövrieren der Gegner.
Gleichzeitig glaubt Kim, den US-Präsidenten mit der Bombe zwingen zu können, die feindliche Haltung gegenüber Pjöngjang aufzugeben. Der Generalissimus hofft auf ein Ende des Koreakrieges (noch gibt es nur einen Waffenstillstand), auf volle diplomatische Beziehungen mit Washington, auf den Abzug der US-Truppen aus Südkorea.
Die Verhandlungen will er dazu nutzen, möglichst viele Zugeständnisse zu erlangen - Geld, Rohstoffe, Kraftwerke, die er braucht, um die eigene Wirtschaft anzukurbeln.
Wichtiger aber noch ist ihm, glaubt man Nordkorea-Experten, die internationale Anerkennung. Die Amerikaner sollen ihn endlich von Gleich zu Gleich behandeln, als vollwertigen Partner, als großen und genialen Staatsmann.
Er will zunächst Außenministerin Hillary Clinton in Pjöngjang treffen, dann, wer weiß, auch den amerikanischen Präsidenten.
Die Rolle als Friedensengel würde Kim unsterblich machen, so wie seinen Vater, den Präsidenten auf Ewigkeit. Bis dahin droht er mit der Bombe.

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