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26.05.2009
 

Nordkoreas Nuklearprogramm

Kim bombt, Obama rätselt

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Als hätte Barack Obama nicht genug Probleme: Kim Jong Ils neuer Atomtest entlarvt das Scheitern der US-Strategie für die Region. Washington hat kaum Druckmittel gegen den kapriziösen Diktator - und fürchtet eine Allianz der Möchtegern-Atomstaaten Nordkorea, Syrien und Iran.

Washington - Memorial Day ist der inoffizielle Sommerbeginn in den USA. Den Feiertag verbringen Amerikaner am liebsten am Strand, in der Hauptstadt Washington läutet er meist den Beginn einer gefürchteten Hitzewelle ein.

US-Präsident Obama: "Diese bedrohlichen Aktivitäten verlangen nach einer Antwort"
DPA

US-Präsident Obama: "Diese bedrohlichen Aktivitäten verlangen nach einer Antwort"

Auch US-Präsident Barack Obama war zum Wochenende ins präsidiale Feriendomizil Camp David enteilt. Doch gleich nach Rückkehr mussten ihm Helfer übermitteln, dass sein ohnehin arbeitsamer Sommer noch etwas hitziger werden dürfte. Nordkoreas Diktator Kim Jong Il unterstrich mit seinem unterirdischen Nukleartest nahe der Stadt Kilju - dem zweiten binnen drei Jahren -, dass er seine Ambitionen, als Atommacht anerkannt zu werden, nicht begraben hat. Am Dienstag erneuerte das Regime die Provokationen und schoss zwei Kurzstreckenraketen von seiner Ostküste ab.

Obamas Reaktion am Montag klang entsprechend scharf. "Nordkorea fordert die internationale Gemeinschaft rücksichtslos heraus", zürnte der Präsident. "Diese bedrohlichen Aktivitäten verlangen nach einer Antwort."

Die folgte prompt. Der Uno-Sicherheitsrat trat am Montagabend zu einer Sondersitzung zusammen und verurteilte einstimmig die Bomben-Provokation. Eine Resolution mit Sanktionen gegen Nordkorea soll folgen. Selbst dessen wichtigster Verbündeter, China, bekräftigte seinen Protest.

Dennoch wirken die Reaktionen auf Pjöngjangs erneuten Test, der für Experten nicht völlig unerwartet kam, beinahe ähnlich routiniert wie Amerikas jährliches Sommer-Anfangs-Ritual. Überraschung herrscht unter Washingtons Außenpolitik-Beobachtern eher darüber, dass Obama so schnell an ein explosives Bush-Erbe erinnert wird. Seit seinem Amtsantritt standen eher die Debatten zum Umgang mit Irans atomaren Ambitionen im Vordergrund.

Die Nuklear-Demonstration zeige, "wie wenige Optionen" Obama in dieser Frage habe, schreibt Robert Kagan, Nordkorea-Experte vom Carnegie Endowment for International Peace, in der "Washington Post". Tatsächlich wirken die Herausforderungen aus Pjöngjang besonders knifflig. Wie überzeugt man ein instabiles und beinahe komplett abgeschottetes Regime, sein offensichtlich funktionstüchtiges Nukleararsenal aufzugeben? Vor allem, da Kim Jong Il und sein Clan sich von Feinden umzingelt fühlen und Atomwaffen wohl als einzige Möglichkeit ansehen, die Familien-Dynastie an der Macht zu halten?

Unklar ist bislang auch, welche Botschaft Nordkorea mit dem Bomben-Gruß senden wollte. Denkbar ist ein innenpolitischer Kampf um die Nachfolge des als schwer krank geltenden 67 Jahre alten Kim Jong Il. Dieser hat drei Söhne, sein jüngster Kim Jong Un (Mitte 20) könnte zu einem späteren Zeitpunkt die Macht übernehmen, doch formell ist ein Erbe bislang nicht auserkoren. Als eine mögliche Interimslösung gilt, dass Kims Schwager Jang Song Teak die Macht übernimmt. Durch den Test könnte der Diktator versuchen, sich die Sympathien des Militärs zu sichern, um die Nachfolge-Frage leichter regeln zu können - oder einfach nur Stärke demonstrieren wollen.

Andere Stimmen vermuten eher eine Botschaft an Washington als an das heimische Publikum. Auch Nordkorea ist nicht verborgen geblieben, dass Obama durch viele andere Krisen abgelenkt ist. Die Detonation könnte ein zynischer Versuch des Regimes sein, wieder auf die US-Agenda zu gelangen - und Zugeständnisse wie die Wiederaufnahme von Nahrungsmittelhilfen zu erreichen, die nach einem nordkoreanischen Raketentest im April dieses Jahres suspendiert worden waren.

Atomwaffen: Welche Staaten über welches Arsenal verfügen
Land strategische Sprengsätze nicht-strategisch gesamt
China 130-200 120 250-320
Frankreich 350 0 350
Indien 50 unbekannt 50+x
Israel 100-200 unbekannt 100-200
Nordkorea 5-12 0 5-12**
Pakistan 40-70 unbekannt 40-70
Russland 3300-3400 3000-8000 7200*
Großbritannien 180-200 5 180-200
USA 5236 500 5736*
Quelle: Center for Defense Information, Schätzungen, Stand Juli 2008
*Ohne eingelagerte oder in Reserve gehaltene Sprengsätze
**geschätzt anhand der angenommenen Menge von vorhandenem atomwaffenfähigen Plutonium
Doch der Bombentest könnte auch Verhandlungsbereitschaft signalisieren. Nordkorea wäre mit Zusicherungen, dass die USA keinen aktiven Regime-Wechsel in Nordkorea anpeilen, schon gedient. Noch angenehmer wäre für das Regime, wenn die USA es offiziell als Nuklearstaat anerkennen würden. Manche Landeskenner raunen gar, Kim Jong Il wolle mit einem Staatsbesuch in Washington und einem Friedensvertrag in die Geschichte eingehen (der Koreakrieg der fünfziger Jahre ist offiziell nicht beendet, es existiert nur ein Waffenstillstandsabkommen).

Vermutlich ist all das mit Obama nicht zu machen. Washington verhandelt seit langem mit Nordkorea, die Resultate sind wenig ermutigend. Präsident Bill Clinton hatte dem Land 1994 Energie- und Wirtschaftshilfe im Gegenzug für einen Nuklearstopp angeboten. Doch die Übereinkunft scheiterte. Dennoch sandte der Demokrat kurz vor Ende seiner Amtszeit noch Außenministerin Madeleine Albright nach Pjöngjang.

Die Bush-Regierung hielt von solchen Annäherungen wenig, sie propagierte auf Anweisung von Vizepräsident Dick Cheney einen harten Kurs. Aber während das Weiße Haus durch den Irak-Krieg abgelenkt war, trieb Nordkorea die Entwicklung der Bombe entscheidend voran. Wegen Bushs Irak-Fixierung sei Nordkorea der Nuklear-Rebell, "der davon kam", urteilte "New York Times"-Korrespondent David Sanger in seinem Buch "The Inheritance".

Partnerschaft der Möchtegern-Atomstaaten?

In Bushs zweiter Amtszeit drängte US-Außenministerin Condoleezza Rice zwar auf eine Kehrtwende und setzte wieder Verhandlungen durch. Nordkorea sprengte einen Kühlturm seiner mutmaßlichen Nuklearanlage in Yongbyon, im Gegenzug strich Washington das Land unter anderem offiziell von seiner Liste mit Terror-Staaten.

Doch auch dieser Versuch der Annäherung währte nicht lang, der Ton wurde wieder rau und blieb es auch seit Obamas Amtsantritt. Washington und Pjöngjang stritten sich zuletzt um einen nordkoreanischen Raketentest, die Verhaftung zweier US-Journalisten oder die Ausweisung von Uno-Inspektoren. Die Unterredungen der Sechser-Gruppe - bestehend aus Nord- und Südkorea, China, Japan, USA und Russland - liegen auf Eis.

Daher scheint Rätselraten in Obamas Team über den künftigen Kurs zu herrschen. Eine militärische Lösung ist so gut wie ausgeschlossen. Südkoreas Hauptstadt Seoul liegt nur etwa 50 Kilometer von Nordkoreas Grenze entfernt, leicht erreichbar für einen nordkoreanischen Vergeltungsakt. US-Militärschläge seien nur denkbar, wenn der Schutz der Verbündeten in der Region gesichert werde, glaubt Robert Kagan.

Außerdem ist die größte Sorge vieler Militärexperten in Washington nicht eine nordkoreanische Nuklearbombe - sondern die Furcht, Pjöngjang könnte sein Nuklearwissen weitergeben. Geheimdienste gehen davon aus, dass die Nordkoreaner selbst Tipps aus Russland und vermutlich Pakistan erhielten. Umgekehrt könnten sie bereits Syrien beim Bau einer Nuklearanlage geholfen haben, welche Israel wohl 2007 in einer Geheimaktion zerstörte. Oft wird auch vermutet, Pjöngjang helfe nun Teheran bei der Nuklearentwicklung, obwohl Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad dies entschieden zurückweist.

Im Weißen Haus werden Krisenszenarien durchgespielt: Was könnte mit Nordkoreas Nuklearressourcen geschehen, sollte Kim Jong Ils Regime kollabieren? Und ist es nicht eine große Versuchung, diese an Terrorgruppen weiter zu reichen, für viele Milliarden Dollar?

Ließe sich das überhaupt verhindern? Harvard-Professor Graham Allison, einer der führenden Experten für Massenvernichtungswaffen, hat daran Zweifel. "Wie schwer ist es,", fragt er, "ein bisschen Plutonium an Osama Bin Laden weiter zu geben?"

Nordkoreas Atomprogramm

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Nordkoreas Atomprogramm

Anfänge

Genfer Rahmenabkommen 1994

Sechs-Parteien-Gespräche ab 2003

Atombomben- und Raketentests

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