Atomprogramm-Streit
Nordkorea droht dem Süden mit Militärschlag
Die Drohungen aus Nordkorea werden immer schriller: Das Regime um Kim Jong Il warnt Südkorea vor einem "harten Militärschlag" und erklärt den Waffenstillstand von 1953 für ungültig. Zugleich testet Pjöngjang eine weitere Rakete - und nimmt eine Atomanlage wieder in Betrieb, die Plutonium herstellt.
Pjöngjang/New York - Nordkorea heizt den Konflikt um sein Atomprogramm weiter an. Nachdem der Atomtest am Montag die Welt aufgeschreckt hatte, reißen die bedrohlichen Nachrichten nicht ab. Das Regime von Kim Jong Il droht mit martialischen Worten und schafft weitere Fakten:
Nordkorea bezeichnete die Beteiligung Südkoreas an einer internationalen Initiative zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen als Kriegserklärung. Jeder "feindliche Akt gegen unsere Republik" werde einen "starken Militärschlag" nach sich ziehen, heißt es in der von der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA verbreiteten Erklärung.
Das nordkoreanische Militär warnte, es fühle sich nicht mehr an den Waffenstillstand von 1953 gebunden, der den Krieg zwischen den beiden koreanischen Staaten beendet hatte. Nordkorea könne nicht mehr für die Sicherheit der Schifffahrt vor seiner Westküste garantieren.
Die 2003 gegründete US-Initiative wurde ins Leben gerufen, um Staaten wie Nordkorea oder Iran am Handel mit Raketen oder Nukleartechnologie zu hindern. Es erlaubt unter anderem die Durchsuchung verdächtiger Schiffe. Südkorea hatte bisher nur Beobachter-Status. Nordkorea hatte wiederholt gewarnt, es würde eine aktive Beteiligung Seouls als Kriegserklärung auffassen.
Einem südkoreanischen Zeitungsbericht zufolge hat Nordkorea die Wiederaufarbeitungsanlage für atomare Brennstäbe in Yongbyon wieder in Betrieb genommen, mit deren Hilfe sich waffenfähiges Plutonium erzeugen lässt. Auf jüngsten Aufnahmen von US-Spionagesatelliten sei zu sehen, wie aus der Anlage Dampf austrete, meldeten die südkoreanische Zeitung "Chosun Ilbo" und die Nachrichtenagentur Yonhap am Mittwoch. Das Verteidigungsministerium in Seoul und der Geheimdienst des Landes bestätigten die Meldung bislang nicht.
Neben Plutonium eignet sich auch Uran-235 zum Bau von Atombomben. Es muss mit hoch präzise arbeitenden Zentrifugen aus natürlich vorkommendem Uran gewonnen werden, das überwiegend aus Uran-238 besteht.
Es gilt als erwiesen, dass Nordkorea genau dies versucht hat. Das Know-how zur Urananreicherung stammt aus Pakistan.
Den Reaktor von Yongbyon und weitere Atomanlagen hatte Nordkorea im Rahmen eines internationalen Abrüstungsabkommens stillgelegt. Nach der scharfen Reaktion des Uno-Sicherheitsrats gegen den Test einer nordkoreanischen Langstreckenrakete im April kündigte Pjöngjang jedoch an, die Anlagen wieder in Betrieb zu nehmen. Gleichzeitig verließ es die Sechs-Nationen-Gespräche über ein Ende seiner Atompolitik. Laut "Chosun Ilbo" hatten die Experten allerdings damit gerechnet, dass es zwei bis vier Monate dauern würde, bis die Wiederaufarbeitungsanlage wieder funktionsfähig ist.
| Atomwaffen: Welche Staaten über welches Arsenal verfügen |
| Land |
strategische Sprengsätze |
nicht-strategisch |
gesamt |
| China |
130-200 |
120 |
250-320 |
| Frankreich |
350 |
0 |
350 |
| Indien |
50 |
unbekannt |
50+x |
| Israel |
100-200 |
unbekannt |
100-200 |
| Nordkorea |
5-12 |
0 |
5-12** |
| Pakistan |
40-70 |
unbekannt |
40-70 |
| Russland |
3300-3400 |
3000-8000 |
7200* |
| Großbritannien |
180-200 |
5 |
180-200 |
| USA |
5236 |
500 |
5736* |
Quelle: Center for Defense Information, Schätzungen, Stand Juli 2008
*Ohne eingelagerte oder in Reserve gehaltene Sprengsätze
**geschätzt anhand der angenommenen Menge von vorhandenem atomwaffenfähigen Plutonium |
Laut einem Bericht der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap hat Nordkorea erneut eine Kurzstreckenrakete getestet. Sie sei am Dienstagabend an der Ostküste des Landes abgefeuert worden, meldete die Agentur am Mittwoch unter Berufung auf südkoreanische Regierungskreise. Es habe sich um eine Bodenschiffsrakete gehandelt. Weitere Tests wurden nicht ausgeschlossen: Nordkorea forderte Schiffe dazu auf, sich am Mittwoch von den Gewässern vor seiner Westküste fernzuhalten.
In New York begann der Uno-Sicherheitsrat mit Beratungen über eine neue Resolution gegen Nordkorea wegen des Atomwaffentests vom Montag. Die amerikanische Uno-Botschafterin Susan Rice sprach nach einem Treffen der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats mit Japan und Südkorea von einem sehr guten Beginn, machte aber zugleich deutlich, dass die Erarbeitung einer Resolution einige Zeit in Anspruch nehmen werde.
Russland plant nach Worten seines Uno-Botschafters Witalij Tschurkin, eine harte Resolution gegen Nordkorea wegen dessen zweiten Atomtests mitzutragen. Tschurkin wollte jedoch nicht sagen, ob die Möglichkeit zusätzlicher Sanktionen gegen das kommunistische Regime in Pjöngjang diskutiert worden sei. "Wir prüfen verschiedene Gesichtspunkte und viele Vorschlagsvarianten, jedoch ist es noch zu früh, über sie zu sprechen." Tschurkin, der augenblicklich den Vorsitz des Uno-Sicherheitsrats innehat, betonte, die Mitglieder des Gremium seien bereit, "so intensiv wie möglich" an einem Resolutionsentwurf zu arbeiten. Der Sicherheitsrat hat den Atomwaffentest bereits einstimmig verurteilt.
Nordkoreas Atomprogramm
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Nordkoreas Atomprogramm
sorgt seit Jahren für Spannungen. Mit Hilfe von weitreichenden
Langstreckenraketen
ist das kommunistische Land unter dem "lieben Führer"
Kim Jong Il
offenbar fähig, zumindest seine Nachbarstaaten mit Nuklearwaffen zu erreichen. Das Land behauptet, genug
Plutonium
für sechs
Atombomben
zu besitzen.
Nordkorea
hatte sich zwar bei Unterzeichnung des
Atomwaffensperrvertrags
1985 verpflichtet, nukleare Anlagen nur zivil zu nutzen, im Geheimen aber waffenfähiges Uran angereichert. Als das Ende der neunziger Jahre bekannt wurde, wurde Nordkorea scharf kritisiert. Die USA stoppten die Hilfs- und Energielieferungen an das verarmte Land. Daraufhin kündigte Pjöngjang um die Jahreswende 2002/03 seine Mitgliedschaft im Atomwaffensperrvertrag und seine Zusammenarbeit mit der
Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA)
. Die Uno-Inspektoren mussten das Land verlassen, alle Überwachungskameras wurden abmontiert.
Das
Atomprogramm Nordkoreas
hat seinen Anfang in den sechziger Jahren, als der "große Bruder"
Sowjetunion
dem kommunistischen
Nordkorea
ein Atomforschungszentrum mit dem Forschungsreaktor
Yongbyon
baute, der 1965 seinen Betrieb aufnahm. Auf Druck der UdSSR verpflichtete sich Nordkorea 1985 als Mitunterzeichner des
Atomwaffensperrvertrags
, die Kernkraft ausschließlich zivil zu nutzen. 1992 schloss es mit Südkorea ein Abkommen, die koreanische Halbinsel frei von Atomwaffen zu halten.
Doch schon Ende der achtziger Jahre, so sind sich westliche Geheimdienste heute sicher, kam es zu geheimen Deals zwischen Pakistan und Pjöngjang. Der pakistanische Ingenieur
Abdul Qadir Khan
lieferte demnach wesentliche Bestandteile für den Atombombenbau, während Pjöngjang Pakistan Prototypen ihrer Mittelstreckenraketen stellte, die mit atomaren Sprengköpfen bestückbar sind. Seit dieser Zeit verfügt Nordkorea über Nukleartechnologie.
Nach zähen Verhandlungen schloss der damalige US-Präsident
Bill Clinton
1994 mit Pjöngjang das
Genfer Rahmenabkommen
, das den Atomkonflikt regulieren und die Gefahr einer nordkoreanischen
Atombombe
verhindern sollte. Darin garantierte
Nordkorea
die Stilllegung seines grafitmoderierten Reaktors in
Yongbyon
, aus dem wohl damals schon nuklearwaffenfähiges Material abgezweigt worden war. Im Gegenzug verpflichteten sich die USA zur Lieferung von Erdöl und zum Bau von zwei Leichtwasserreaktoren, womit die Energieversorgung des verarmten Nordkoreas sichergestellt werden sollte. Allerdings regelte die Vereinbarung nur die
Plutoniumproduktion
, jedoch nicht die Möglichkeit, aus hochangereichertem
Uran
Kernwaffen herzustellen.
2003 begannen
Verhandlungen
über ein Ende des
nordkoreanischen Atomwaffenprogramms
. An den Gesprächsrunden aus sechs Nationen waren neben
Nordkorea
China, Russland, Japan, die USA und Südkorea beteiligt. Als Gegenleistung für die nukleare Abrüstung wurde dem vollkommen verarmten Nordkorea Wirtschafts- und Energiehilfe angeboten. Die Gespräche blieben jedoch zunächst ohne Ergebnis.
Im Februar 2005 gab
Kim Jong Il
offiziell den Besitz von Atomwaffen "zur Selbstverteidigung" bekannt.
Zum Abschluss der vierten Sechs-Länder-Gespräche im September 2005 verpflichtete sich Pjöngjang grundsätzlich zur Aufgabe aller Atomwaffen und Nuklearprogramme, das Atomprogramm lief aber im Geheimen weiter.
2007 zeichnete sich erneut eine Einigung im Atomstreit ab: Die nordkoreanische Seite sagte zu, seine Atomanlagen stillzulegen und die ausländischen Atominspekteure wieder zuzulassen. Im Gegenzug sollte das Land wirtschaftliche, humanitäre und Energiehilfe erhalten und von der US-Liste der den Terror unterstützenden Staaten gestrichen werden. Im Juni 2008 übergab Nordkorea eine seit Monaten überfällige Liste mit Einzelheiten seines Nuklearprogramms an China und sprengte den Kühlturm der abgeschalteten Atomanlage Yongbyon.
1998 löste das nordkoreanische Regime mit dem Test einer ballistischen Rakete vom Typ
Taepodong-1
weltweit Empörung aus. Im Oktober 2006 schockierte Nordkorea die Weltöffentlichkeit mit unterirdischen Atomwaffentests. Daraufhin beschloss der Uno-Sicherheitsrat einstimmig die
Resolution 1718
, in der der Atomtest verurteilt und Handels- und Finanzsanktionen gegen Nordkorea verhängt wurden.
Im April 2009 startete Pjöngjang eine Langstreckenrakete vom Typ
Taepodong-2
mit einer Reichweite von Tausenden Kilometern. Angeblich wurde auch ein Kommunikationssatellit ins All gebracht. Als der Weltsicherheitsrat den Raketenstart verurteilte, brach Pjöngjang die
Sechs-Parteien-Gespräche
erneut ab und kündigte die Wiederinbetriebnahme des stillgelegten
Atomzentrums Yongbyon
an. Am 25. Mai kam es zum zweiten unterirdischen Atombombentest. Die Sprengkraft der getesteten Atombombe wird seismologischen Messungen zufolge auf zehn bis 20 Kilotonnen geschätzt, das entspricht der Vernichtungskraft der Bombe, die 1945
Hiroshima
zerstörte. Nur einen Tag später startete das Regime zwei Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 130 Kilometern.
sac/dpa/AP/AFP
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