Atomprogramm-Streit
Russland will Nordkorea stärker militärisch überwachen
Russland spricht nach den nordkoreanischen Drohungen gegen Südkorea von einer "Verschärfung der Situation" - und will Pjöngjang stärker militärisch überwachen. Moskau verlangte zudem eine entschlossene Uno-Resolution gegen Nordkorea, aber Außenminister Lawrow weichte die Forderung auf.
Moskau - Wie ernst ist es Moskau mit einer unmissverständlichen Reaktion auf Nordkoreas Atomwaffentest? Als derzeitiger Vorsitzender des Uno-Sicherheitsrats hat sich Russland für eine "entschlossene Resolution" ausgesprochen, aber Außenminister Sergej Lawrow schränkte die Forderung ein: Das Gremium dürfe "nicht nur um des Bestrafens willen bestrafen", sagte er in Moskau.
Der Sicherheitsrat müsse zugleich nach Wegen suchen, wie die Sechs-Nationen-Gespräche über die atomare Abrüstung in Nordkorea wieder in Gang gebracht werden könnten.
Eine Resolution dürfe "keine bloße politische Erklärung sein, die in der Praxis keinen Bestand hat", sagte ein hochrangiger Diplomat nach Angaben der Agentur Interfax.
Nord- und Südkorea
Am 9. September 1948 rief der kommunistische Politiker
Kim Il Sung
im Norden die
Demokratische Volksrepublik Korea
aus. Sie entwickelte sich, zunächst in enger Anlehnung an die Sowjetunion, zu einer kommunistischen Volksrepublik. 1998 wurde dessen Sohn
Kim Jong Il
Regierungschef. Der ehemalige US-Präsident
George W. Bush
bezeichnete Nordkorea zusammen mit Iran und dem Irak als
"Achse des Bösen"
, die aufrüstet, um den Frieden der Welt zu bedrohen.
Seit 1910 war
Korea
eine japanische Kolonie. Nach der Niederlage Japans 1945 rückten sowjetische Truppen im Norden und US-amerikanische Truppen im Süden des Landes vor und trafen sich am 38. Breitengrad. Die Vereinbarungen der Alliierten über die Bildung einer provisorischen Regierung und die Abhaltung freier Wahlen in ganz Korea konnten nicht verwirklicht werden, da sich die UdSSR widersetzte. Im September 1948 wurde in Nordkorea die
Volksdemokratische Republik Korea
ausgerufen;
Südkorea (Republik Korea)
gab sich im Juli 1948 eine Verfassung.
Am 25. Juni 1950 begann die
militärische Auseinandersetzung
zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) mit Unterstützung der Volksrepublik China und der Republik Korea (Südkorea), die von
Uno-Truppen
unter Führung der USA unterstützt wurde. Der Krieg endete mit der Unterzeichnung des
Waffenstillstandsabkommens von Panmunjom
am 27. Juli 1953, das die Teilung am 38. Breitengrad zementierte.
Am 15. August 1948 wurde die
Republik Korea
gegründet. Staatspräsident ist
Lee Myung Bak
, der im Dezember 2007 die Präsidentschaftswahlen gewann und seit Februar 2008 im Amt ist. In den vergangenen Jahrzehnten erlebte Südkorea dank seiner exportorientierten Wirtschaftspolitik und der großzügigen Unterstützung Japans und der USA einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung.
| Militär in Nord- und Südkorea |
| |
Nordkorea |
Südkorea |
| Truppenstärke insgesamt |
1.106.000 |
687.000 |
| darunter Heer |
950.000 |
560.000 |
| Marine |
46.000 |
68.000 |
| Luftwaffe |
110.000 |
64.000 |
| Reservisten |
4.700.000 |
4.500.000 |
| Kampfpanzer |
3.500 |
2.750 |
| Artilleriegeschütze |
17.900 |
10.774 |
| Boden-Boden-Raketen |
64 |
12 |
| einsatzbereite Kampfflugzeuge |
620 |
490 |
| darunter Jagdflugzeuge |
388 |
467 |
| Bomber |
80 |
- |
| Kriegsschiffe |
8 |
47 |
| darunter Zerstörer |
- |
10 |
| Fregatten |
3 |
9 |
| Korvetten |
5 |
28 |
| taktische U-Boote |
63 |
13 |
| kleinere Küstenwachboote |
329 |
76 |
| (Quelle: International Institute for Strategic Studies (IISS, London)
|
Russland befürworte eine Resolution auf Grundlage von Kapitel VII der Uno-Charta ("Maßnahmen bei Bedrohung oder Bruch des Friedens und bei Angriffshandlungen"). In dieser Krisensituation sei die Autorität des Sicherheitsrats gefragt, sagte der Mitarbeiter. Man warne aber vor "Hysterie". "Die Situation darf nicht außer Kontrolle geraten, sondern muss auf diplomatischem Weg gelöst werden."
Zuvor hatte schon Russlands Uno-Botschafter Witalij Tschurkin in New York gesagt, Moskau wolle eine harte Resolution mittragen. "Wir prüfen verschiedene Gesichtspunkte und viele Vorschlagsvarianten, jedoch ist es noch zu früh, über sie zu sprechen", sagte Tschurkin.
Pjöngjang hatte sich im April aus Verärgerung über den Uno-Sicherheitsrat aus den Gesprächen mit Russland, China, Japan, Südkorea und den USA zurückgezogen.
Präsident Dmitrij Medwedew sicherte seinem südkoreanischen Kollegen Lee Myung Bak telefonisch seine Unterstützung für eine starke Resolution gegen Nordkorea zu. Nach Angaben aus Seoul verurteilte der russische Staatschef den Atomwaffentest als "klaren Verstoß" gegen die Uno-Resolution aus dem Jahr 2006, die nach dem ersten Nuklearversuch Pjöngjangs verabschiedet worden war. Lee schlug eine enge Zusammenarbeit beider Länder vor, um Nordkorea wieder an den Verhandlungstisch zu bekommen.
Als Reaktion auf die
nordkoreanischen Drohungen eines Angriffs auf Südkorea will Russland seine militärische Aufklärung in der Region verstärken. Man werde "wegen der Verschärfung der Situation" die Überwachung des Nachbarlandes durch Frühwarnsysteme erhöhen, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums nach Angaben der Agentur Interfax am Mittwoch in Moskau. "Wegen eines möglichen Atomwaffeneinsatzes" fühle sich Russland zu der Maßnahme im Grenzgebiet zu Nordkorea verpflichtet. Eine Verlegung von schwerer Militärtechnik in den Fernen Osten sei derzeit nicht geplant.
Nordkoreas Atomprogramm
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Nordkoreas Atomprogramm
sorgt seit Jahren für Spannungen. Mit Hilfe von weitreichenden
Langstreckenraketen
ist das kommunistische Land unter dem "lieben Führer"
Kim Jong Il
offenbar fähig, zumindest seine Nachbarstaaten mit Nuklearwaffen zu erreichen. Das Land behauptet, genug
Plutonium
für sechs
Atombomben
zu besitzen.
Nordkorea
hatte sich zwar bei Unterzeichnung des
Atomwaffensperrvertrags
1985 verpflichtet, nukleare Anlagen nur zivil zu nutzen, im Geheimen aber waffenfähiges Uran angereichert. Als das Ende der neunziger Jahre bekannt wurde, wurde Nordkorea scharf kritisiert. Die USA stoppten die Hilfs- und Energielieferungen an das verarmte Land. Daraufhin kündigte Pjöngjang um die Jahreswende 2002/03 seine Mitgliedschaft im Atomwaffensperrvertrag und seine Zusammenarbeit mit der
Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA)
. Die Uno-Inspektoren mussten das Land verlassen, alle Überwachungskameras wurden abmontiert.
Das
Atomprogramm Nordkoreas
hat seinen Anfang in den sechziger Jahren, als der "große Bruder"
Sowjetunion
dem kommunistischen
Nordkorea
ein Atomforschungszentrum mit dem Forschungsreaktor
Yongbyon
baute, der 1965 seinen Betrieb aufnahm. Auf Druck der UdSSR verpflichtete sich Nordkorea 1985 als Mitunterzeichner des
Atomwaffensperrvertrags
, die Kernkraft ausschließlich zivil zu nutzen. 1992 schloss es mit Südkorea ein Abkommen, die koreanische Halbinsel frei von Atomwaffen zu halten.
Doch schon Ende der achtziger Jahre, so sind sich westliche Geheimdienste heute sicher, kam es zu geheimen Deals zwischen Pakistan und Pjöngjang. Der pakistanische Ingenieur
Abdul Qadir Khan
lieferte demnach wesentliche Bestandteile für den Atombombenbau, während Pjöngjang Pakistan Prototypen ihrer Mittelstreckenraketen stellte, die mit atomaren Sprengköpfen bestückbar sind. Seit dieser Zeit verfügt Nordkorea über Nukleartechnologie.
Nach zähen Verhandlungen schloss der damalige US-Präsident
Bill Clinton
1994 mit Pjöngjang das
Genfer Rahmenabkommen
, das den Atomkonflikt regulieren und die Gefahr einer nordkoreanischen
Atombombe
verhindern sollte. Darin garantierte
Nordkorea
die Stilllegung seines grafitmoderierten Reaktors in
Yongbyon
, aus dem wohl damals schon nuklearwaffenfähiges Material abgezweigt worden war. Im Gegenzug verpflichteten sich die USA zur Lieferung von Erdöl und zum Bau von zwei Leichtwasserreaktoren, womit die Energieversorgung des verarmten Nordkoreas sichergestellt werden sollte. Allerdings regelte die Vereinbarung nur die
Plutoniumproduktion
, jedoch nicht die Möglichkeit, aus hochangereichertem
Uran
Kernwaffen herzustellen.
2003 begannen
Verhandlungen
über ein Ende des
nordkoreanischen Atomwaffenprogramms
. An den Gesprächsrunden aus sechs Nationen waren neben
Nordkorea
China, Russland, Japan, die USA und Südkorea beteiligt. Als Gegenleistung für die nukleare Abrüstung wurde dem vollkommen verarmten Nordkorea Wirtschafts- und Energiehilfe angeboten. Die Gespräche blieben jedoch zunächst ohne Ergebnis.
Im Februar 2005 gab
Kim Jong Il
offiziell den Besitz von Atomwaffen "zur Selbstverteidigung" bekannt.
Zum Abschluss der vierten Sechs-Länder-Gespräche im September 2005 verpflichtete sich Pjöngjang grundsätzlich zur Aufgabe aller Atomwaffen und Nuklearprogramme, das Atomprogramm lief aber im Geheimen weiter.
2007 zeichnete sich erneut eine Einigung im Atomstreit ab: Die nordkoreanische Seite sagte zu, seine Atomanlagen stillzulegen und die ausländischen Atominspekteure wieder zuzulassen. Im Gegenzug sollte das Land wirtschaftliche, humanitäre und Energiehilfe erhalten und von der US-Liste der den Terror unterstützenden Staaten gestrichen werden. Im Juni 2008 übergab Nordkorea eine seit Monaten überfällige Liste mit Einzelheiten seines Nuklearprogramms an China und sprengte den Kühlturm der abgeschalteten Atomanlage Yongbyon.
1998 löste das nordkoreanische Regime mit dem Test einer ballistischen Rakete vom Typ
Taepodong-1
weltweit Empörung aus. Im Oktober 2006 schockierte Nordkorea die Weltöffentlichkeit mit unterirdischen Atomwaffentests. Daraufhin beschloss der Uno-Sicherheitsrat einstimmig die
Resolution 1718
, in der der Atomtest verurteilt und Handels- und Finanzsanktionen gegen Nordkorea verhängt wurden.
Im April 2009 startete Pjöngjang eine Langstreckenrakete vom Typ
Taepodong-2
mit einer Reichweite von Tausenden Kilometern. Angeblich wurde auch ein Kommunikationssatellit ins All gebracht. Als der Weltsicherheitsrat den Raketenstart verurteilte, brach Pjöngjang die
Sechs-Parteien-Gespräche
erneut ab und kündigte die Wiederinbetriebnahme des stillgelegten
Atomzentrums Yongbyon
an. Am 25. Mai kam es zum zweiten unterirdischen Atombombentest. Die Sprengkraft der getesteten Atombombe wird seismologischen Messungen zufolge auf zehn bis 20 Kilotonnen geschätzt, das entspricht der Vernichtungskraft der Bombe, die 1945
Hiroshima
zerstörte. Nur einen Tag später startete das Regime zwei Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 130 Kilometern.
hen/AFP/AP/dpa
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