Von Hans-Jürgen Schlamp, Brüssel
Auf die bayerischen Milchbauern war stets Verlass: Sie waren der feste "Schwarze Block" der CSU, mitsamt Familie und Nachbarschaft eine große verlässliche Truppe, die in Treue fest zur christsozialen Freistaatspartei stand. Nun ist plötzlich alles anders. Seit die Milchpreise ins Bodenlose gefallen sind, fühlen sie sich in ihrer Existenz bedroht und von den Regierenden verlassen.
Sie laufen nun in Scharen zu den "Freien Wählern" über, sagen Wahlprognostiker. Wenn die Scharen so groß werden, wie im CSU-Hauptquartier in München heimlich befürchtet, dann käme die CSU bei den EU-Wahlen am 7. Juni erstmals in ihrer Geschichte nicht ins Europäische Parlament: Tschüs, abgestiegen, zweite Liga. Auch die Folgen für die deutsche Politik und die Bundestagswahlen im Herbst wären unkalkulierbar.
Weil das nicht sein soll, werden die seit langem protestierenden Milchbauern nun plötzlich reich beschenkt. Nicht nur von der CSU, sondern auch von der großen Koalition in Berlin und, auf deutschen Druck, von der EU in Brüssel. Die armen Milchvieh-Halter seien ja wirklich in "einer schwierigen Situation" , konstatierte der Regierungssprecher jetzt quasi amtlich, als er kundtat, was Frau Merkel, Herr Seehofer und Herr Steinmeier alles in den Geschenkekorb gepackt haben:
Das alles kostet viel Geld - und bringt den Betroffenen so gut wie nichts. Bei näherer Betrachtung erweisen sich die Verheißungen als Milchmärchen, fragwürdige Konstrukte aus Milchmädchen-Rechnungen.
Subvention für Agrardiesel - krass am Ziel vorbei
Die gemessen an ihrer Konzeption verschleuderten Staatshilfen haben zudem einen ökologisch wie sozial fragwürdigen Verteilungseffekt. Der sieht so aus:
Im Ergebnis heißt das: Großbauern, ob sie nun Zuckerrüben, Kartoffeln oder Mais anbauen, die mit ihrem PS-starken Maschinenpark viel Energie verbrauchen, bekommen viel Geld vom Staat, kleine Bauern, deren Kühe womöglich auf der grünen Wiese grasen, nur wenig.
Auch von verbilligten Krediten und vorzeitig ausgezahlten Subventionen - den anderen Staatsgeschenken für die Milchbauern - hat der normale Kuh-Halter nur wenig. Denn sein seit dem vorigen Jahr dramatisch geschrumpftes Einkommen steigt ja dadurch um keinen Cent. Im Gegenteil, womöglich lässt er sich durch die Offerten der Wahlkämpfer zum zusätzlichen Schuldenmachen verleiten - in der Hoffnung auf eine baldige wirtschaftliche Besserung. Aber die ist alles andere als absehbar. Die Nachfrage nach Milchprodukten in Europa sinkt, das überschüssige Angebot drückt die Preise.
Eine Gruppe von EU-Ländern, angeführt von Großbritannien, den Niederlanden und Schweden, will die milliardenschweren Agrarsubventionen in Europa kräftig kürzen. Schweden übernimmt im Juli den EU-Ratsvorsitz und hat schon angekündigt, an der Stelle aktiv zu werden.
Im späten Herbst, wenn alle Wahlen gelaufen sind, dann wird vielleicht jemand in München oder Berlin den deutschen Milchbauern gestehen, dass nicht alle von ihnen in der Milch-Marktwirtschaft auf Dauer ihr Auskommen finden werden - trotz aller heldenhaften Anstrengungen ihrer politischen Freunde, Gönner und Beschützer.
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