• Drucken
  • Senden
  • Feedback
02.06.2009
 

Transkontinentaler Vergleich

Warum unser Bild von den USA falsch ist

2. Teil: Die USA sind ein Land der Zeitungen und Bücher

Von Simone de Beauvoir stammt das Bonmot, Amerikaner müssten nicht lesen, weil sie nicht denken. Die Denkleistung lässt sich leider nur schwer quantifizieren; besser sieht es da bei dem Leseverhalten aus. Amerikaner lesen, keine Frage, und der Anteil der Analphabeten in den USA liegt in etwa auf dem Niveau des europäischen Durchschnitts. Das Angebot an Zeitungen pro Kopf ist nur in Skandinavien, Luxemburg und der Schweiz größer als in den USA.

Amerika ist stolz auf seine lange Tradition großzügig ausgestatteter öffentlicher Büchereien; der durchschnittliche US-Bürger wird so besser mit Lesestoff versorgt als sein Pendant in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, in den Niederlanden und den Mittelmeerstaaten. Und die Amerikaner machen von diesem Angebot auch Gebrauch: 2001 liehen sie sich im Schnitt mehr Bücher als Deutsche, Österreicher, Norweger, Iren, Luxemburger, Franzosen, Italiener und die europäischen Mittelmeeranrainer. Außerdem kaufen und schreiben sie mehr Bücher als die Europäer.

In der US-Popkultur spielt Gewalt eine große Rolle - so wie der Selbstmord bei den Japanern. Ob es jetzt der Mafia-Klassiker "Der Pate" ist oder die TV-Polizeiserie "The Wire": Das Bild, das Amerika von sich selbst in die Welt sendet, ist das einer gewalttätigen Nation, die vom Verbrechen heimgesucht wird. Die meisten ausländischen Beobachter nehmen diese Darstellung für bare Münze, und ganz verkehrt liegen sie damit auch nicht. In den USA werden jedes Jahr erschreckend viele Morde verübt, pro Kopf doppelt so viele wie in der Schweiz, in Finnland und Schweden, die in Europa die Statistiken anführen.

Es besteht auch kein Zweifel daran, dass kein europäisches Land so viele seiner Bürger in Gefängnisse sperrt wie die Vereinigten Staaten. Aber sonst geht es dort eher beschaulich zu: Die Zahl der Einbrüche ist relativ hoch, aber niedriger als in Dänemark und Großbritannien. Bei Diebstählen liegen sechs europäische Nationen vor den USA; bei Körperverletzung zählt Amerika zum Mittelfeld, auf dem Niveau von Schweden und Belgien. Die Zahl der Vergewaltigungen ist hoch; aber sexuelle Übergriffe kommen nur in Dänemark, Belgien und Portugal seltener vor. In Österreich zählt man dreimal so viele dieser Delikte wie in den USA.

Auch der Drogenkonsum in den USA ist hoch - und fällt trotzdem nicht aus dem europäischem Rahmen. Eine Ausnahme ist lediglich die Zahl von Cannabis-Konsumenten, die knapp über den Werten aus Großbritannien liegt. Bei der Wirtschaftskriminalität liegt Amerika in der unteren Hälfte der europäischen Vergleichswerte. In Frankreich kommt Bestechung sechsmal so häufig vor wie in den Staaten.

Auch wenn man sich die Kriminalstatistik insgesamt anschaut, liegen die USA im unteren Mittelfeld. Nur einige wenige kleine Nationen melden weniger Verbrechen als die USA: Finnland, Österreich, Portugal und die Schweiz.


Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP