Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



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04.06.2009
 

Vergleich USA-Europa

Warum wir den Amerikanern ähnlicher sind, als wir glauben

Gottesfürchtig, patriotisch und ohne Sinn für Umweltschutz - unser Bild der Amerikaner ist denkbar schlecht. Der Historiker Peter Baldwin widerlegt diese Klischees: Tatsächlich sind tiefe Religiosität und glühender Nationalstolz auch in Europa weit verbreitete Phänomene.

Aus der Perspektive der Ökologen erscheint Amerika immer als der große Verschwender. Schwere Autos, große Häuser, lange Wege zur Arbeit, kalte Winter, heiße Sommer - und dazu verschwenderische Angewohnheiten. Wenn man dann noch Bushs herzliches Verhältnis zur Ölindustrie hinzufügt und seine Weigerung, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen, entsteht das Bild von einer Nation, die im ökologischen Sinne einem schwarzen Loch gleicht.

Fans der USA bei der WM 2006 in Deutschland: Nationalstolz auch in Europa weit verbreitet
DPA

Fans der USA bei der WM 2006 in Deutschland: Nationalstolz auch in Europa weit verbreitet

Aber die Zahlen sagen etwas anderes: Der Öl-Verbrauch pro Kopf ist tatsächlich hoch. Doch wenn man seine Bedeutung in der Produktion betrachtet (also den Verbrauch in ein Verhältnis zu den produzierten Gütern oder zurückgelegten Meilen setzt), dann bleibt Amerika im europäischen Rahmen - und steht sogar besser da als Portugal, Griechenland, Belgien, Luxemburg, die Niederlande und Island. Der Ausstoß von CO2 ist von 1990 bis 2002 zwar gestiegen - doch im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt gefallen. Und dieser Rückgang fiel deutlicher aus als in neun von 27 EU-Staaten.

ZUR PERSON

UCLA
Peter Baldwin, geboren am 22. Dezember 1956 in Ann Arbor, ist Professor für Europäische Geschichte an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit: die Entwicklung des Wohlfahrtsstaats. Im September erscheint sein transatlantischer Systemvergleich: "The Narcissism of Minor Differences: How America and Europe are alike" (Oxford University Press).
Auch beim Beitrag, den erneuerbare Energie leistet, liegen die USA im europäischen Mittelfeld - sowohl bei Biogas, als auch bei Biomasse, Geothermik und Wind. Die Ausgaben der USA zur Verhinderung von Emissionen (als Prozentsatz des Bruttoinlandprodukts) werden nur von Österreich, Dänemark, Italien und den Niederlanden übertroffen.

Und auch der Mythos von der übermotorisierten Nation kann widerlegt werden: Pro Kopf besitzen Amerikaner weniger Autos als Franzosen, Österreicher, Schweizer, Deutsche, Luxemburger und Italiener. Nur dass US-Bürger im Schnitt stärker auf ihren Wagen angewiesen sind. Wenn man ihre Kilometerleistung ins Verhältnis zur Größe des Lands setzt, liegen sie sogar hinter den Finnen, Schweden und Griechen.

Schrumpfende Müllberge, saubere Bauern

Bei der Müllproduktion bietet sich ein ähnliches Bild: Pro Kopf hinterlassen die Amerikaner sehr viel Abfall, wobei die Norweger noch schlimmer sind - und Iren und Dänen fast gleichauf.

Dafür ist Amerika bei der Wiederverwertung genauso gut wie Finnland und Frankreich - und besser als Großbritannien, Griechenland und Portugal. Seit 1990 ist der Müllberg in Amerika pro Kopf nicht mehr gewachsen - während in allen europäischen Staaten, für die Zahlen erhältlich sind, noch mehr dazugekommen ist - 70 Prozent in Spanien, mehr als 60 Prozent in Italien und mehr als 30 Prozent in Schweden.

"Die Alte Welt", versicherte der "Guardian" seiner recycelnden Leserschaft, "hat sich als Zweckgemeinschaft entwickelt - als Koalition der Menschheit und ihrer Umwelt, auch wenn das manchmal schwer gefallen ist. Die Besiedlung Amerikas aber war eine Eroberung - und zwar wurden nicht nur die Ureinwohner besiegt, sondern auch die Natur."

Auch wenn solche Vorstellungen diesseits des Atlantiks oft zu hören sind, geben sich die Vereinigten Staaten vergleichsweise mehr Mühe beim Naturschutz als die Europäer. Der Umweltaktivist Jeremy Rifkin behauptet zwar, dass Europäer im Gegensatz zu den Amerikanern eine "Liebe zu den inneren Werten der Natur zeigen, was man an der Wertschätzung der Europäer für die ländlichen Regionen und ihrem Bemühen für den Erhalt natürlicher Landschaftsformen erkennen kann". In Wahrheit aber ist der Prozentsatz der Fläche, die unter Naturschutz steht, in den USA fast doppelt so groß wie in Frankreich, Großbritannien oder sogar Schweden.

Konventionell arbeitende Bauern in den USA verwenden deutlich weniger Agrarchemie als ihre europäischen Kollegen. Weil sie auf gentechnisch optimierte Pflanzen setzen, ist auch ihr Einsatz von Pestiziden geringer. Italiener sprühen sieben Mal so viel auf ihr Felder - und Belgier sogar noch mehr.

Noch größer aber als die vermeintlichen Differenzen im Bereich der Wirtschaft oder des Umweltschutzes ist die Lücke, die angeblich bei den kulturellen Werten klafft. Von Amerikanern heißt es, sie seien nationalistisch orientiert und religiös, während Europäer als post-nationalistisch und säkular gelten. Aber auch hier stimmen die Klischees nicht.

Ja, Amerikaner sind Patrioten und Nationalisten, aber wenn man den Zahlen der "World Value Survey" folgt, die zwischen 1999 und 2001 erhoben wurden, dann unterscheiden sie sich dabei nicht wesentlich von den Europäern. Wenig überraschend sind es die Deutschen, die am wenigsten von Nationalstolz erfüllt sind. Spitzenreiter sind erstaunlicherweise nicht etwa die USA, sondern Portugal - dicht gefolgt auf dem zweiten Platz von den Iren. Zugegeben: Amerikaner denken eher als die europäischen Nationen, dass ihr Land das Beste ist.

Aber Portugiesen, Dänen und Spanier sind zu einem größeren Prozentsatz davon überzeugt, dass die Welt eine bessere wäre, wenn mehr Menschen so wären wie sie. Und unter Amerikanern ist auch Selbstkritik weiter verbreitet: Sie geben eher zu, dass sie sich für Eigenarten oder Handlungen ihrer Nation schämen, als dies Deutsche, Österreicher, Spanier, Franzosen, Dänen und Finnen tun. Übrigens geben die Skandinavier durch die Bank zu einem größeren Prozentsatz als die Amerikaner an, dass sie bereit wären, für ihr Land zu kämpfen.

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